„Hier spritzt das Blut“, sagt Klaus Meyer-Lovis und deutet auf das lange Regal, das sich durch den Raum zieht. Die Krimi-Abteilung nimmt einen großen Platz in den Räumen der „Bücher ohne Grenzen“ ein. Doch auch jenseits von Thrillern und mörderischen Rätseln ist der Laden für Bücher aus zweiter Hand im nordfriesischen Ladelund eine große Wundertüte, in der es jeden Tag etwas Neues zu entdecken gibt. Welche Titel in den hohen Holzregalen stehen, weiß nicht einmal Meyer-Lovis, Vorsitzender des Vereins hinter den „Büchern ohne Grenzen“, so ganz genau.
„In diesem Gang spritzt das Blut“
Die Idee der „Bücher ohne Grenzen“ (BoG) entstand gut 20 Kilometer entfernt in Aventoft. Ulla Pieper, neu aus Bayern zugezogen, wollte ein „Bücherdorf“ aus dem Örtchen nahe der dänischen Grenze machen. Damit folgte sie dem Beispiel des walisischen Hay-on-Wye, das wegen seiner vielen Antiquariate und Bücherläden bekannt ist. Was an der Grenze zwischen Wales und England klappt, könnte auch an der Grenze zwischen Nordfriesland und Dänemark funktionieren, dachte Pieper. Doch als sie ihre Idee im Gemeinderat vorstellte, „herrschte erstmal Schweigen“, sagte sie dem NDR.

Trotz der Skepsis einiger Gemeindevertreter eröffneten Pieper und ihre Mitstreiter:innen 2005 einen Laden, in dem gebrauchte Bücher abgegeben werden konnten. Der Verein arbeitetet mit einem Antiquariat im dänischen Tondern zusammen – „ohne Grenzen“ eben. Im Jahr 2013 zog der Tauschladen in das Örtchen Ladelund um. Anfangs fanden die Bücherschätze ihren Platz im Gebäude eines früheren Imbisses. Während der Corona-Zeit meldete der Besitzer Eigenbedarf an.
Für die Vereinsmitglieder war das eine schwierige Phase, zwischenzeitlich stand das ganze Projekt auf dem Spiel. So war es ein Glücksfall, dass der örtliche Zahnarzt seine Praxis schloss. In seinem mit Reet gedeckten Haus in einer Nebenstraße, wo früher die Bohrer surrten, fand der Verein seine heutige Unterkunft.
47.000 Bücher, Platten und CDs umfasst der Bestand
Rund 47.000 Medien, überwiegend Bücher, aber auch CDs und Schallplatten, umfasst der Bestand. Regelmäßig kommen neue dazu, meistens durch Haushaltsauflösungen nach Todesfällen oder beim Umzug in eine kleinere Wohnung. Den meisten Spender:innen ist wichtig, dass die Bücher weiter im Umlauf bleiben.

„Wir nehmen nicht alles“, macht der heutige Vorsitzende Meyer-Lovis klar. Der Zustand der Bücher müsse in Ordnung sein, und es müsste eine Chance geben, dass sich neue Käufer:innen finden. Grundsätzlich aber ist jedes Buch willkommen: „Es wird alles Mögliche und Unmögliche gebracht, und die Leute fragen nach allem Möglichen und Unmöglichem“, sagt Hermine Lorenzen. „Die Kunst liegt darin, beides zusammenzubringen.“
Der Bücher-Tausch ist sechs Tage pro Woche geöffnet
Sie, Klaus Meyer-Lovis und Margit Kohlhardt gehören zu den insgesamt acht Freiwilligen, die den Laden während der Öffnungszeiten betreuen. Montags bis freitags ist der Laden von 14 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Jeder der Aktiven hat sich auf einige Fachgebiete spezialisiert, um bei Fragen Auskunft zu geben und den Bestand in etwa im Blick zu behalten. Alle Bücher ein- und beim Verkauf wieder auszutragen, ist dem ehrenamtlichen Team aber zu aufwändig. Den Preis von seltenen Werken ermitteln sie über Internet-Seiten für Antiquariate. Gewinn will und darf der nicht-kommerzielle Verein, anders als der normale Buchhandel, aber nicht machen: „Wir machen niemandem Konkurrenz“, betont Meyer-Lovis.

Die große Masse der Taschenbücher geht für wenige Euro wieder über den Ladentisch – einige sogar mehrfach: „Leute holen sich eine Reiselektüre und geben das Buch nach dem Urlaub wieder ab“, sagt Hermine Lorenzen.
Während der Öffnungszeiten kommen mal mehr, mal weniger Buch-Interessierte herein, schlendern an den Regalen entlang, blättern in alten Sachbüchern, lesen sich in Romanen auf deutsch oder dänisch fest und stöbern in den zahlreichen heimatkundlichen Titeln. In der Regel gebe es nette Gespräche mit der Kundschaft, sagt Hermine Lorenzen: „Wer sich für Bücher interessiert, ist in der Regel aufgeschlossen, also bringt es immer Spaß, miteinander zu reden.“
So ging es Margit Kohlhardt. Sie kam als Kundin in den Tauschladen und blieb zum Mitarbeiten. Die Rentnerin ist erst vor Kurzem nach Nordfriesland gezogen. „Ich wollte etwas zu tun haben, eine Struktur in der Woche“, sagt sie. Als begeisterte Leserin – „Ich lese fünf oder sechs Bücher parallel“ – nutzt sie die Stunden der ehrenamtlichen Arbeit, um in aller Ruhe zu schmökern, wenn gerade keine Kundschaft im Laden ist.