Die Nachrichten über marode Infrastrukturen in Deutschland haben in der letzten Zeit bundesweit für Aufsehen gesorgt. Auch in Schleswig-Holstein sei ein eklatanter Teil unserer Brücken und Straßen in einem schlechten Zustand und müsse dringend saniert werden. Die erschütternde Erinnerung an den Einsturz der Carolabrücke in Dresden mahnt uns eindringlich. Niemand möchte sich vorstellen, auf der Rader Hochbrücke über die A7 zu fahren, wenn diese zu wackeln beginnt. Jahrelang sind wir sorglos über brüchige Straßen gefahren, und nun stehen wir vor einer gewaltigen Rechnung.
Der Begriff „Infrastruktur“ selbst ist in unserem Sprachgebrauch zwar nicht so alt, doch hat die digitale Transformation und die damit einhergehende neue Aufmerksamkeit auf dieses System, das unser Leben maßgeblich prägt und von dem wir abhängig sind, seine Wurzeln tatsächlich im Militärischen. In den 1950er Jahren wurde „Infrastruktur“ hauptsächlich durch die NATO und das von dem amerikanischen Politiker W. Harriman koordinierte Programm zur militärischen Ausstattung im deutschen Sprachraum eingeführt. Doch erst in den vergangenen Jahren, auch befördert durch die digitale Transformation, hat der Begriff weiter Einzug in unseren alltäglichen Sprachgebrauch gefunden.
Doch nicht nur unsere physische Mobilität, auch unser geistiges und kulturelles Fortkommen hängt von gut gepflegten Infrastrukturen ab. Der Begriff „Kulturelle Infrastruktur“ spielt hier eine entscheidende Rolle. Entstanden in den Diskussionen der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages (2003-2007), eröffnet er eine umfassende Perspektive auf die Bedeutung von Kultureinrichtungen für ein sinnvolles Leben. Harvard-Ökonom Mark H. Moore prägte den Begriff im Hinblick auf den öffentlichen Wert (Public Value), was die wirtschaftliche Unabbildbarkeit des Angebots von Kultureinrichtungen unterstreicht.
Was haben also Brücken, Volkshochschulen, Museen und Bibliotheken gemeinsam? Sie sind essentiell für unsere tägliche Bewältigung des Lebens sowie die allgemeine Versorgung, Mobilität, Reflexion, unser kulturelles Erbe und die kulturelle Bildung. Ähnlich wie wir die Straßen benötigen, um voranzukommen, sind unsere Kultureinrichtungen unverzichtbar für die Gestaltung unseres Lebens und die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.
Die Aufmerksamkeit sollte allerdings auch dem Sanierungsstand und dem Investitionsbedarf sowohl der physischen als auch der kulturellen Infrastruktur gelten. Jegliche Hinauszögerung der notwendigen Maßnahmen wird die Kosten nur erhöhen – sowohl in realer Hinsicht, da konkret in Bauten investiert werden muss, als auch in sozialer Hinsicht, da wir den Austausch und die Vergewisserung, die Kultureinrichtungen bieten, dringend benötigen. Genau wie einstürzende Brücken sollten uns auch finanzielle Engpässe bei Kultureinrichtungen alarmieren.
Es ist zwingend erforderlich, ein Augenmerk auf eine solide Finanzierung der kulturellen Infrastruktur zu legen. Denn genau wie gute Straßen sind auch gute Kulturangebote entscheidend, um unseren Alltag und die Zukunft zu gestalten.