Uwe Lehmann aus Süderbrarup ist unserem öffentlichen Aufruf gefolgt und wirft für kulturkanal.sh seinen Blick aufs Kulturjahr 2026:
Man muss nicht weit reisen, um im Jahr 2026 etwas Bewegendes zu beobachten. Es genügt, den Blick von den Zentren abzuwenden und ihn über jene Landschaften schweifen zu lassen, die lange als kulturelle Nebenstrecke galten. Der Norden oberhalb des Kanals erweist sich als ein Raum, in dem Kultur nicht auftritt, sondern entsteht.
Mehr als bloße Kulisse
Hier ist Kultur kein Programm, sondern eine Haltung. Sie fügt sich ein in die Topografie, nimmt Wind, Weite und Wetter ernst und macht aus ihnen mehr als eine bloße Kulisse. In umgenutzten Räumen, in temporären Konstellationen, in beiläufigen Begegnungen formt sich eine Ästhetik des Zweckmäßigen, die überraschend eigenständig wirkt. Das Provisorium wird nicht versteckt, es wird gezeigt und das mit Stolz.

Auffällig ist eine neue Konzentration auf die besondere Nähe. Man begegnet einander nicht anonym, sondern wiedererkennbar. Gespräche setzen sich fort, nachdem die Veranstaltungen längst vorbei sind und genau darin liegt ihr kultureller Mehrwert. Kunst wird hier nicht abgeholt, sondern gemeinsam verhandelt. Sie bleibt im Raum, im Gedächtnis, im Austausch.
Das Lokale verliert nichts
Gleichzeitig öffnet sich dieser Norden mit einer Selbstverständlichkeit, die man lange übersehen hat. Unterschiedliche kulturelle Prägungen, Sprachen und Lebenswege finden Eingang in Programme, ohne etikettiert zu werden. Internationalität erscheint nicht als Anspruch, sondern als gelebte Normalität. Das Lokale verliert nichts, es gewinnt einfach an Tiefe.
Auch die jüngeren Generationen schreiben sich ein, leise, aber bestimmt. Sie nutzen vorhandene Orte neu, verschieben ihre Bedeutungen und bringen andere, neuere Rhythmen mit. Es entsteht so eine Kultur des Dazwischen: zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Analogem und Digitalem, zwischen Bleiben und Aufbrechen. Der ländliche Raum wird dabei nicht überwunden, sondern bisweilen einfach nur neu gelesen.

Kultur strukturiert Zeit
Bemerkenswert ist dabei zudem die Rückkehr der Rituale. Das Jahr erhält wieder Markierungen, Übergänge, Haltepunkte. Kultur strukturiert Zeit, ohne sie zu beschleunigen, sie bietet Orientierung, ohne zu bevormunden. In einer Gegenwart, die sich oft erschöpft, wirkt das beinahe subversiv.
Nicht zuletzt zeigt sich eine erstaunliche Beweglichkeit. Kultur wandert, passt sich an, findet ihre Wege über Distanzen hinweg. Mobile Formate, temporäre Bühnen, flüchtige Zusammenschlüsse, sie alle bilden eine Infrastruktur, die nicht auf Dauerhaftigkeit, sondern auf Verlässlichkeit setzt.
Die missverstandene Stille

Am Ende bleibt das Bild eines Raumes, der nicht um Aufmerksamkeit wirbt, sondern schlichtweg Wirkung entfaltet. Die Stille, lange missverstanden, wird zum Resonanzraum. Kunst und Kultur nutzen sie, um genauer zu werden, konzentrierter und klarer.
2026 erscheint der Norden nicht als Rand, sondern als Denkraum. Nicht spektakulär, aber präzise. Nicht laut, aber wirksam.
In diesem Sinne auf ein wundervolles, kommendes Kulturjahr, eines das weniger glänzt und gerade deshalb nachleuchtet.
(Neujahrsstatement 2026 von Uwe Lehmann)
Hauptberuflich berät Uwe Lehmann Menschen auf dem Weg in die Selbständigkeit. Als Fotograf ist Lehmann außerdem kulturschaffend unterwegs: photographiemanufaktur.de
Transparenzhinweis: Im Rahmen unserer Neujahrsaktion ist Uwe Lehmann unserem öffentlichen Aufruf an die Leserschaft gefolgt und hat uns seinen Ausblick 2026 geschickt. Außerdem ist 2025 bereits ein Gastbeitrag von Uwe Lehmann auf kulturkanal.sh erschienen: