Wolfgang Herrndorf und Norderstedt: eine Spurensuche – Teil 1

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„Man denkt immer, Wolfgang Herrndorf sei Berliner“, meint Tobias Rüther, nachdem ich ihm erzähle, dass erst seine Biografie über den Schriftsteller und Maler mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass dieser aus Schleswig-Holstein stammt.

Wolfgang Herrndorfs Lebenslauf sieht so aus: Aufgewachsen in Norderstedt, Kunststudium in Nürnberg, danach Leben und Arbeiten in Berlin. 2010 Diagnose tödlicher Gehirntumor, 2013 Suizid. In den letzten Jahren seines Lebens: schreiben, schreiben, schreiben. In dieser Zeit ist auch Tschick entstanden, einer der erfolgreichsten und beliebtesten Jugendromane Deutschlands mit einem so simplen wie genialen Plot: Zwei sehr verschiedene Jungs, beide 14 Jahre alt, klauen ein Auto und fahren von Berlin aus los.

Wolfgang Herrndorfs Leben und Schreiben kann man ganz hervorragend in Tobias Rüthers Biografie nachlesen. In diesem Text soll es um einen ganz bestimmten Teil von Wolfgang Herrndorfs Leben gehen: Norderstedt. Wie hat der Künstler in seinem Leben und Schreiben auf seinen Heimatort geblickt?

Der Ort

Tobias Rüther ist für seine Recherchen mehrmals nach Norderstedt gefahren, in diese schleswig-holsteinische Stadt bei Hamburg, die 1970 aus vier Orten zusammengesetzt wurde: Garstedt, Friedrichsgabe, Harksheide und Glashütte.

„Norderstedt habe ich als typisch bundesrepublikanisch wahrgenommen: diese Trabantenstadt mit den vielen Einkaufszentren, der leichten Trostlosigkeit und den Fußballvereinen. Die Jugend, die Wolfgang Herrndorf hier erlebt und die ihn sein ganzes Leben lang geprägt hat, ist typisch für eine bestimmte Generation“, sagt Tobias Rüther.

Tobias Rüther: Herrndorf. Eine Biographie.

Berlin 2023: Rowohlt Berlin.

384 S., 25 €.

ISBN: 978-3-7371-0082-3

Wolfgang Herrndorf wurde 1965 geboren. Seine Heimat hat er ein Jahr nach dem Abitur verlassen. Er ist nur selten zurückgekehrt, einmal im Jahr an Weihnachten. Dennoch sagt Tobias Rüther: „Man findet Norderstedt immer wieder in seinen Büchern ­– verkleidet.“

Auch wenn die beiden Protagonisten in Tschick von Berlin aus nach Brandenburg fahren, erinnern die Szenen doch an Herrndorfs Kindheit und Jugend: das Mietshaus am Feldrand, die Nachbarn, die Spießigkeit.

Die Lesung

Stadtbücherei Norderstedt-Mitte: Am 7. März 2024 liest Tobias Rüther hier aus seiner Biografie. Angestoßen hat das Ingrid Weißmann, eine Schriftstellerin aus dem Ort, auf deren Initiative es in den vergangenen Jahren bereits zwei Lesungen aus Wolfgang Herrndorfs Werken gab.

Das Publikum kennt sich, es kommt aus Norderstedt, teilweise sogar aus dem Viertel, in dem Herrndorf aufgewachsen ist. Als der Moderator, Wolfgang Dellke von der Buchhandlung am Rathaus, von der Straße Mühlenbarg spricht, kommen sofort Protestrufe aus dem Publikum: „Es heißt Möhlenbarg!“ Das hier ist keine standardisierte Wasserglaslesung. Das Publikum ist von Anfang an Teil der Veranstaltung – schließlich ist es auch Teil der Geschichte. Wolfgang Herrndorfs Mutter sitzt mit Freundinnen und Freunden in der ersten Reihe.

Nach der Lesung lautet die erste Frage aus dem Publikum: „Wie war denn Wolfgang Herrndorfs Verhältnis zu Norderstedt? Ist er mal zurückgekehrt?“ Dabei wird dieses Verhältnis sowohl in der Biografie als auch während der Lesung en détail thematisiert. Herrndorfs Blick auf Norderstedt ist einer nach oben: in den Himmel. Und sein Blick auf Norderstedt ist einer von oben: auf den Bahnhof. Doch der Reihe nach.

Der Himmel

Der Himmel ist ein Leitmotiv in Tobias Rüthers Biografie – übrigens die einzige Biografie über den Künstler, im Jahr 2023 zehn Jahre nach seinem Tod erschienen und inzwischen die wichtigste Quelle für den Wolfgang-Herrndorf-Wikipedia-Artikel. 11 von 39 Einzelnachweisen beziehen sich auf sie.

„Als ich in Garstedt vor dem Wohnblock stand, in dem Herrndorf aufgewachsen ist, und über die Felder in den Himmel sah… Dieser weite Himmel kam mir bekannt vor. Diesen Himmel kannte ich aus meiner eigenen norddeutsche Erfahrung“, so Tobias Rüther.

Es ist ein Himmel, wie wir ihn alle kennen: Er drückt auf das Land und lässt es ganz klein erscheinen. Dass er Tobias Rüthers Leitmotiv ist, liegt daran, dass er auch Wolfgang Herrndorfs Leitmotiv ist. Schon bevor man seine Bücher aufschlägt, sieht man das an den Coverbildern. Zwischen den Buchdeckeln entdeckt man den Himmel auch immer wieder – nie vollends romantisch beschrieben, immer mit Stilbruch.

Minutenlang schauten wir einfach nur. Kleinere, hellere Wolken flogen unter den schwarzen hindurch. Blaugraue Schleier liefen über die entfernten Hügelketten, über die näheren Hügelketten. Die Wolken hoben sich und kamen wie eine Walze auf uns zu.

„Independence Day“, sagte Tschick.

Wolfgang Herrndorf: Tschick

Der Bahnhof

In Tobias Rüthers Biografie gibt es, wie in Wolfgang Herrndorfs Büchern, einige Stellen, bei denen man laut auflachen muss. Ein Beispiel: Als Wolfgang Herrndorf im Forum der Höflichen Paparazzi aufgefordert wird, ein Foto aus seiner Heimat zu teilen, schickt er eine Luftaufnahme vom Bahnhof Norderstedt-Mitte. Repräsentativ für den Ort ist, wie man möglichst schnell von dort wegkommt.

Das Norderstedter Publikum lacht auch, als Tobias Rüther diese Stelle vorliest. Die Leute wissen ja, dass sie in einer Pendlerstadt leben – der viertgrößten Stadt Schleswig-Holsteins, die im Gegensatz zu Kiel, Lübeck und Flensburg kaum jemand außerhalb des Bundeslandes kennt.

Der Bahnhof Norderstedt-Mitte

Foto: Pauline Reinhardt

Tobias Rüther erzählt, wie man den Himmel und den Bahnhof Norderstedts miteinander verbinden kann. Er hat für die Biografie auch mit Wolfgang Herrndorfs Jugendfreundin Tatjana gesprochen, die ebenfalls nach dem Abitur weggezogen ist. „Der weite Himmel lädt zum Aufbruch ein“, habe sie gesagt. „Es geht immer noch weiter.“ Solch eine poetische Weisheit hätte der eher ironische Wolfgang Herrndorf nicht unbedingt von sich gegeben. Aber vielleicht empfunden?

Durchlässigkeit von Kunst und Leben

Bei der Lesung berichtet Tobias Rüther von seiner größten Überraschung bei der Recherche: wie durchlässig Leben und Kunst für Wolfgang Herrndorf sind – in beide Richtungen. Herrndorf präsentiert nicht nur echte Erlebnisse und Erinnerungen in seinen Texten. Auch zu dessen Verhältnis zur Kunst sagt Tobias Rüther etwas sehr Schönes, das in einer Stadtbücherei sehr passend erscheint: dass Literatur für Wolfgang Herrndorf nicht ein Buch war, das man ausleiht und wieder zurückgibt – sondern auch im Leben immer präsent.

Was man einmal gelesen hat, kehrt immer wieder zu einem zurück, wie ein Bumerang.

In der Ausstellung

Bei dem Projekt 50x Norderstedt zum Stadtjubiläum ist Herrndorf als Autor vertreten, der „ein Stück Norderstedt in die Weltliteratur bringt“. Auch eins seiner Bücher hat dort einen Eintrag erhalten, natürlich Tschick, über das es heißt: „Ohne Zweifel hat sich Wolfgang Herrndorf beim Schreiben von seiner Jugend in Norderstedt inspirieren lassen.“ Ein konkretes Beispiel ist der Lehrer Wilhelm Bretfeld. Oder, um aus Tschick zu zitieren:

Überall auf der Welt, wenn heute jemand einen Langzeitflugbumerang wirft und der bleibt fünf Minuten in der Luft, dann wird ein Foto gemacht, und dann steht da: basierend auf einem Design von Wilhelm Bretfeld. Und der steht da letzten Sommer auf der Kuhwiese hinter unserem Haus und zeigt mir das. Wirklich ein guter Lehrer.

Wolfgang Herrndorf: Tschick

Den Lehrer Wilhelm Bretfeld gab es wirklich, und er hat selbstverständlich auch einen Eintrag bei 50x Norderstedt.

Norddeutschland ist eine Zeit

Tobias Rüther berichtet, er habe Wolfgang Herrndorfs Eltern gefragt, ob sich dieser als Norddeutscher empfunden hätte. Die Mutter habe sehr deutlich nein dazu gesagt. Ihr Sohn habe sich ab einem bestimmten Zeitpunkt als Berliner gesehen.

„Norddeutschland ist eher eine Zeit als ein Ort für ihn: die Kindheit und die Jugend“, stellt Tobias Rüther fest. Eine Zeit, in der Wolfgang Herrndorf von Familie und Schule in seiner Autonomie und Eigensinnigkeit unterstützt wurde. Eine Zeit, die wir alle irgendwo erlebt haben: das Aufwachsen.

Kein Wunder also, dass man nicht nur Norderstedt in Wolfgang Herrndorfs Büchern wiederfindet, sondern vor allem sich selbst. Zum Beispiel wenn es in Tschick heißt: „Ich war auf einmal so begeistert davon, dass ich jetzt machen konnte, was ich wollte, dass ich vor lauter Begeisterung überhaupt nichts machte.“ Obwohl das vielleicht in Norderstedt besser geht als in Berlin.

Im zweiten Teil von „Wolfgang Herrndorf und Norderstedt: eine Spurensuche“ stellt sich die Frage: Wie blickt der Ort eigentlich auf seinen Künstler?

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