Sylt lieben oder hassen

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Ostern naht und damit auch der Saisonbeginn auf den nordfriesischen Inseln. Noch Mitte März war Sylt wegen Bauarbeiten drei Tage nicht per Autozug erreichbar (die Bild titelte „Sylt drei Tage von Deutschland abgeschnitten“, als sei die Insel kein Teil der Bundesrepublik). Jetzt, pünktlich zum Saisonstart, ist aber alles wieder in Ordnung, die Insel ist bereit für den Ansturm.

Und der wird kommen. Auch wenn man häufig das Gefühl hat: Alle hassen Sylt. Es gibt noch genügend Leute da draußen, die diese Insel lieben. Die starken Gefühle spiegeln sich auch in der Popkultur wieder.

„Wenn man reich ist und jeder soll’s sehen“

Die „Sylter Sommer“-Spotify-Playlist vom Sylt-Marketing beginnt mit dem vielleicht bekanntesten Lied über die nördlichste Insel Deutschland: Westerland von Die Ärzte. Wenn bei Dorffesten alle den Refrain grölen „Ich hab solche Sehnsucht / Ich verliere den Verstand / Ich will wieder an die Nordsee / Ich will zurück nach Westerland“ könnte man das Lied schnell in die Schublade „lieben“ stecken. Aber wenn man weiß, dass Die Ärzte eigentlich nie irgendetwas ernst meinen und auch die Textzeilen abseits vom Refrain kennt, fällt einem die Kritik an der Schickeria auf: „Es ist zwar etwas teurer / Dafür ist man unter sich / Und ich weiß jeder Zweite hier / Ist genauso blöd wie ich“. Also doch „hassen“?

Punks zieht es auf jeden Fall immer wieder zum Saufen und Protestieren auf die Insel, zuletzt im Sommer 2021, als man mit dem 9-Euro-Ticket nahezu kostenlos dorthin gelangen konnte. Der Elektro-Song Sylt von LOLNEIN, der diese Zeit thematisiert, hat es nicht in „Sylter Sommer“ geschafft. Zu unbekannt oder doch zu viel Hass? „Es geht nach Sylt / Sylt ist fällig denn / Sie fürchten, dass Proleten / Ihre Insel überrenn“.

Die Sehnsucht nach dem Meer ist es nicht, die Sylt zur vielbesungenen und -beschriebenen Insel macht. Mit dem 9-Euro-Ticket hätte man auch nach Fehmarn oder Usedom fahren können. Sylt steht viel mehr für etwas, das sich auch in Hamburg wie München finden lässt und in dem Song Syltaufkleber von Das Lumpenpack so beschrieben wird: „Ich habe ja nichts gegen Reiche / Reich sein ist völlig okay / Ich finde es nur immer sehr unangenehm / Wenn man reich ist und jeder soll’s sehen“.

Maulbeerfarbene Porsche-Cabrios

Wenn man reich ist und jeder soll’s sehen: Das erlebt auch der Ich-Erzähler von Faserland, wenn er an der nördlichsten Fischbude Deutschlands steht. Christian Krachts Debütroman beginnt bei Fisch-Gosch in List, wo sich der namenlose Erzähler betrinkt und eine frühere Mitschülerin vom Eliteinternat Salem wiedertrifft.

Seine Gefühle zu der Insel schwanken zunächst, es gibt da einige sentimentale Kindheitsurlaubserinnerungen, aber er weiß auch, dass Hermann Göring hier Ferien gemacht und seinen Blut-und-Ehre-Dolch in den Dünen verloren hat.

Dazu kommt folgendes Erlebnis: „Karin und ich laufen zu ihrem Wagen, und unterwegs sehe ich, wie ein völlig betrunkener junger Mann auf die Tür seines maulbeerfarbenen Porsche-Cabrios kotzt, während er versucht, den Wagen aufzuschließen.“

Und schließlich entscheidet sich der Protagonist von Faserland gegen die Insel:

„Ich schenke mir aus der Champagnerflasche nach, aber der Roederer perlt nicht mehr, und als ich einen Schluck davon trinke, schmeckt er schal und flach und abgestanden und nach Asche. Ich glaube, ich werde nicht mehr nach Sylt fahren.“

Sylts schöne Seiten, hier in Hörnum. Foto: Pauline Reinhardt

Kindheitsurlaubserinnerungen

Viele Lieder in der „Sylter Sommer“-Playlist feiern eher den Sommer an sich, als ganz spezifisch den Sommer auf Sylt. Da sticht die Pop-Ballade Sylt 98 von LEA hervor. Es handelt sich um eine Liebeserklärung an ihre Schwester: „Wenn ich raus muss, dann such ich das Meer / Und ich wünschte, du könntest grad hier sein / Denn immer, wenn du bei mir bist / Ist es so wie Sylt 98“.

Wie auch ganz kurz aufblitzend in Faserland ist Sylt hier wieder ein Ort, der für etwas steht, das sich auch anderswo finden lässt: Kindheit, Idylle, Sorglosigkeit.

Bis Sylt im Meer versinkt

Die Band Kettcar hat es auch nicht in die Playlist geschafft. Dabei hat sie 2008 ein ganzes Album namens Sylt produziert. Sören Kittel hat es im gleichen Jahr in einem Artikel in der Zeitung Die Welt sehr treffend analysiert. Es sei laut der Band nach einer der „größten Verliererinnen unter Deutschlands Inseln“ benannt. „Obwohl Sylt stetig im Meer zu versinken drohe, machen alle, die dort sind, weiter wie bisher: Luxus-Partys mit Schampus und den schon symbolhaften Scampi-Spießen – ein bisschen wie auf der Titanic“, schreibt Sören Kittel.

Der aus Husum stammende Sänger und Autor Max Richard Leßmann hat ein Lied und ein Buch zu Sylt geschrieben. Bei ihm versinkt die Insel auch bald im Meer. Auf dem Bild, das das Lied Bis Sylt im Meer versinkt und das Buch Sylter Welle vereint, brennt ein Strandkorb vor einem pastellfarbenen Sonnenuntergang. „Unsere Liebe hält bestimmt / So lang bis Sylt im Meer versinkt“ singt Leßmann gemeinsam mit Ina Müller – was die Klatschpresse dazu veranlasst zu spekulieren, ob die beiden frisch Getrennten zueinander gefunden haben.

Max Richard Leßmann gelingt das mit den Zwischentönen auf jeden Fall besser als den anderen, obwohl es in seinem Roman auch um Kindheitsurlaubserinnerungen geht. Denn es geht ebenso und wenig romantisch um sein Erwachsen- und das großelterliche Älterwerden.

Über Westerland heißt es in seinem Buch: „Die ursprünglich raue Schönheit der Natur im harten Kontrast zu den architektonischen Schandflecken, in denen man dringend Segelschuhe oder Softeis mit roter Grütze kaufen muss, um sich die wenigen Schritte bis zur rettenden See doch noch irgendwie erträglich zu machen.“ Dass das stimmt, wissen alle, die schon mal in Westerland waren.

Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehn

Aber wie schreiben eigentlich jene über Sylt, deren Kindheitserinnerungen an die Insel nicht nur aus Urlaub bestehen? Die nicht nur zum Saufen und/oder Protestieren kommen, sondern hier leben? Was hassen und lieben die an ihrer Insel?

Wer das wissen will, stößt auf ein vielversprechendes Werk von Susanne Matthiesen mit dem Titel Ozelot und Friesennerz. Roman einer Sylter Kindheit. Hier finden sich schon auf den ersten Seiten die Zwischentöne, die so oft in der Popkultur zu Sylt fehlen:

Ja. Wir sind Eingeschlossene. Wir sitzen auf einer kleinen Insel, auf 99 Quadratkilometern, um uns herum ist nur Wasser. Wohin man sich auch wendet, überall ist Endlosigkeit. Wir sind ‚Geiseln‘. Wir kommen einfach nicht los von diesem großen Sandhaufen im Meer. Und wir sind auch Schiffbrüchige. Irgendwann über Bord gegangen, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Und doch wurde jeder von uns wieder angespült – mehr oder weniger heil. Aber die Insel, die wir kannten, gibt es nicht mehr.

Susanne Matthiesen: Ozelot und Friesennerz. Roman einer Sylter Kindheit

Susanne Matthiesens zweites Buch über Sylt heißt übrigens: Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehn. Roman einer Sylter Jugend. Womit wir wieder beim Anfang wären: bei Westerland von Die Ärzte.

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