Olaf Kanters „Randmeer“: Ein Essay über die Nordsee

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Wenn ich mir auf Satellitenbildern die Küstenlinie und die Inseln der Nordsee anschaue, fasziniert mich der Blick auf ihre Ränder. Denn die Fotografien aus dem All legen frei, was ansonsten unter der Oberfläche verborgen liegt: „untermeerische Landschaften“, wie Olaf Kanter sie nennt. In seinem Essay Randmeer zeigt er uns, was unter dem Meeresspiegel und am Horizont der Nordsee vor sich geht. Es ist das Portrait eines Lebensraums – und wie die Menschheit aus ihm einen Wirtschaftsraum macht.

Satellitenbilder von den untermeerischen Landschaften vor Fanö. Screenshot von wego.here.com

European Essays on Nature and Landscape

Der Essay Randmeer ist in der Reihe European Essays on Nature and Landscape des Hamburger KJM Verlags erschienen. Die dort erschienenen Bände – inzwischen elf Stück – setzen einen neuen Maßstab für Texte, die Geistes- und Naturwissenschaften verbinden. „Der Essay ist streng im Blick auf das Ergebnis, nicht aber in der Systematik“, heißt es in der Selbstbeschreibung der Reihe. Was die Veröffentlichungen gemeinsam haben: Sie sind kurz, persönlich und reich bebildert.

Diesen Band hat mit Olaf Kanter ein Reporter geschrieben, der für die Zeitschrift mare die Meere bereist hat, aber auch privat als Segler auf ihnen herumgekommen ist. Randmeer liest sich auch gut als Fortsetzung von Strand, dem Essayband von Karsten Reise und Hella Kamper. Von der Küste geht es nun hinaus aufs Meer.

Kein wildes Meer

„Wildnis? Nein geordnete Bahnen“ und „Die See hat längst Landanschluss“. Mit wenigen kurzen Sätzen dekonstruiert Olaf Kanter unsere Vorstellungen von der wilden, unendlich großen Nordsee, die wir entwickeln, wenn wir uns das Meer nicht nur auf Satellitenbildern anschauen, sondern davor stehen und am Horizont kein Land mehr erkennen können.

Immer wieder hat sich die Nordsee verändert, wurde von Gletschern geformt, war mal Land, mal Wasser. Schon lange greifen die Menschen in die Natur ein, um weiterhin hier leben zu können. „Wer nicht deicht, weicht“ sagt man. Oder auch „Gott schuf das Meer. Der Friese die Küste“. Rungholt musste untergehen, weil die Deiche nicht hoch genug waren – Olaf Kanter spricht vom großen nordfriesischen Trauma.

Olaf Kanter: Randmeer

European Essays on Nature and Landscape

Hamburg 2023: KJM Buchverlag

139 Seiten, 20 Euro

ISBN: 978-3-96194-222-0

Industriepark Nordsee

Manche Maßnahmen sind notwendig für ein Leben an der Nordsee. Doch Olaf Kanter zeigt auch auf, wie größenwahnsinnig diese Eingriffe werden können. Das Unternehmen Shell hat 2017 seine Ölförderungsanlagen in der Nordsee abgebaut. Doch etwas blieb stehen: 60 Meter hohe Betonsäulen, die ursprünglich als Tanks genutzt worden sind. Sie enthalten Zehntausende Tonnen eines Gemischs aus Öl und Sand. Shell kann und will die Betonstümpfe nicht abbauen. So bleiben sie dort stehen, wie ein Mahnmal für die menschliche Vorstellung, man könne ewig so weitermachen.

„Wäre es nicht schön, wenn wir irgendwo Ecken in der Welt behielten, für die es noch keinen Raumordnungsplan gibt?“, fragt Olaf Kanter. Eine rhetorische Frage, eine verzweifelte Frage angesichts der Tatsache, dass die Nordsee längst vom Lebensraum für Tier und Mensch zum Wirtschaftsraum geworden ist: Industriepark Nordsee.

Vom Wasser aus denken

Olaf Kanters Essay fordert uns immer wieder heraus, anders zu denken. Deutschlands Nachbarländer, das sind doch Dänemark, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich, die Schweiz, Österreich, Tschechien und Polen. Oder? Vom Wasser aus gedacht kommt noch eine gemeinsame Grenze mit Großbritannien dazu. Sie liegt an dem Punkt Deutschlands, der am weitesten vom Festland entfernt ist.

Auch Olaf Kanters Blick auf die Gezeiten ist ein anderer als der vom Tidekalender aus der Tourismusinformation, der für einige Monate die beste Badezeit vorhersehen kann. „Jede Tide verschiebt den Lauf der Priele: reißt hier Schlick mit, deponiert ihn dort neu. Die ständige Veränderung ist die einzige Konstante an dieser Küste.“

So sind auch die Satellitenbilder von den untermeerischen Landschaften nur eine Momentaufnahme. Genau so wird es nie wieder sein. Die Betonsäulen von Shell bleiben stehen, doch um sie herum verändert sich alles – durch Wasserkraft und Menschenhand.

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