Die Grenze zwischen BRD und DDR verlief auch durch die Ostsee. Was bleibt zurück, wenn nicht nur Gras über die Geschichte wächst, sondern Wind und Wellen die Erinnerung verwässern?
1962: Der Reporter Peter Gerlach schildert in einer Reportage für den Deutschlandfunk seine Eindrücke von der innerdeutschen Grenze aus bundesrepublikanischer Perspektive. Seine Reise beginnt im Bayerischen Wald und endet am Strand der Ostsee. Dort angekommen, sagt Gerlach : „Die falsche Grenze ist zu Ende.“
Doch die Grenze führte nicht nur durchs Land, sondern auch durchs Meer. Sie war dort fast unsichtbar, ohne Mauern, Zäune, Hunde. „Die Ostsee hingegen konnte man nicht absperren, oder? Der Horizont war unverbaut, er war frei.“ So beschreibt es Olaf Kanter in seinem Essay Binnenmeer, um sofort hinzuzufügen: „Ein Trugschluss.“
Kein Baden und Bootfahren bis Boltenhagen
Auch wenn sich die Ostsee nicht absperren ließ: Baden und Bootfahren konnte die DDR-Regierung verbieten – der Strand von der Halbinsel Priwall bis kurz vor Boltenhagen war streng bewachtes Sperrgebiet. Bei Lübeck „schießen die Wachtürme wie Pilze aus dem Boden“, berichtete Peter Gerlach 1962. Geschossen wurde auch, per Selbstschussanlage und per Schießbefehl.
Trotzdem wagten viele die Flucht, auch über die Ostsee. Olaf Kanter erwähnt in seinem Binnenmeer-Essay auch Über die Ostsee in die Freiheit, ein Buch, deren Autor*innen möglichst viele Schicksale rekonstruieren: 5.600 Menschen versuchten über die Ostsee zu fliehen. 901 ist es gelungen. Von 189 weiß man, dass sie bei dem Versuch gestorben sind. Bis heute ist unbekannt, was mit den übrigen 4.510 Menschen geschehen ist, ob sie ein nasses Grab oder die Freiheit fanden.
Den Fluchtweg über die Ostsee haben vor allem junge sportliche Männer gewählt. Axel Mitbauer, ehemaliger Leistungsschwimmer in der DDR, schwamm nachts 22 Kilometer von Boltenhagen bis zu einer Leuchtboje in der Lübecker Bucht. Er orientierte sich an den Sternen, konnte nur hoffen, dass er wirklich Richtung Westen schwamm – eine Grenze, die schon damals kaum als solche erkennbar war.
Slut up – Schließ auf!

Als es noch zwei Deutschlands gab, wurde auf der Westseite ein großer Stein aus der gemeinsamen Ostsee gezogen und aufgestellt. Peter Gerlach beschreibt ihn in seiner Reportage von 1962. „Slut up“ (für „Schließ auf!“) war in den Stein gemeißelt. Und „Getrennt 1945 -“ mit genug Freiraum für eine zweite Jahreszahl, für ein Ende zu dem Anfang.
Inzwischen ist der Stein das Markenzeichen der Grenzdokumentationsstätte Lübeck-Schlutup. Der Freiraum wurde gefüllt mit dem Jahr 1989. Im Museum erfährt man: Ein ähnlicher Stein steht in Südkorea. Dort wartet der Anfang, ebenfalls 1945, noch auf sein Ende.
Keine Lesezeichen mehr
Von „Lesezeichen in der Natur“, die die deutsche Teilung markieren, spricht das Grenzhus Schlagsdorf in Mecklenburg auf der anderen Seite der Grenze. Diese Lesezeichen gibt es heute kaum noch, in der Ostsee erst recht nicht mehr. Ein Relikt des unfreien Horizonts liegt inzwischen an der Promenade in Travemünde. Ursprünglich war es nördlich von Groß Schwansee im Meer befestigt: eine Markierungstonne der DDR-Grenze.
Mit dem Schlauchboot auf der Ostsee

Kein Relikt, aber ein unfreiwilliger Reminder, wie ein temporäres Ausstellungsobjekt: Am Strand von Groß Schwansee, damals Sperr-, heute Badegebiet, liegt ein Schlauchboot. Es wartet darauf, ins in der Sonne glitzernde Wasser gezogen zu werden, ein bisschen Paddeln auf der Ostsee.
Als die Familie Kostbade (Vater, Mutter, zwei Kinder) im Oktober 1988 ihr Schlauchboot in Kühlungsborn ins Wasser ziehen will, ist es mitten in der Nacht. Ein Schäferhund der Grenzpolizei rennt auf sie zu. Sie streicheln und beruhigen ihn, bis er schließlich wieder verschwindet. Anschließend paddeln sie 111 unglaubliche Kilometer mit dem gelben Schlauchboot, bis sie Fehmarn erreichen. Das Boot haben sie behalten.
Keine Erinnerung ohne Materialität

„Ohne Dinglichkeit, ohne Materialität ist Erinnerung nicht möglich.“ Dieses Zitat von Hannah Arendt steht auf dem Außengelände vom Grenzhus Schlagsdorf. Dort werden historische Türme, Zäune, Schilder ausgestellt. Sie stehen nicht mehr dort, wo sie einst die tödliche Grenze markierten, sind aber trotzdem aufgebaut worden, um eine Erinnerung zu ermöglichen: haptisch und direkt.
Und die Ostsee? Die ist immer noch da, wo sie damals war – und sie erinnert sich.
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