Wer ist wir? Identitätsfragen auf der „Bühne für Demokratie“

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„Wir sollten darüber sprechen, wer „wir“ denn überhaupt ist. Die Anregung aus dem Publikum zum Ende der Podiumsdiskussion am Vorabend des Einheitsfeiertages im Foyer des Kieler Opernhauses brachte die zentrale Konfliktlinie der aktuellen gesellschaftlichen Zerrissenheit auf den Punkt und offenbarte einen blinden Fleck.

Podium im Opernfoyer: (v.l.n.r.). Denise von Schön-Angerer, Carsten Weber, Johanna Göb, Caspar Sawade Foto: Turid Hansen

Vor rund 70 Besucher:innen leitete die Kieler Theaterpädagogin Denise von Schön-Angerer souverän und dramaturgisch geschickt durch die Podiumsdiskussion. Auf der „Bühne für Demokratie“ ging es unter dem Eindruck der jüngsten Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg, bei denen die AfD jeweils circa ein Drittel der Stimmen erhielt, um Konsequenzen rechtsextremer Beteiligung in den Kommunen und Landtagsparlamenten für die Kunst- und Kulturszene. Die große Frage nach dem identitätsbildenden „wir“ schwang dabei auf unterschiedlichen Ebenen mit. Symbolisch zum Beispiel, als Carsten Weber, Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar von den Demonstrationen der letzten Wochen vor dem berühmten Goethe-und-Schiller-Denkmal auf dem Weimarer Theaterplatz berichtete. Konkret, als Moderatorin Denise von Schön-Angerer das Zitat des kulturpolitischen Sprechers der AfD-Fraktion im Sachsen-Anhaltinischen Landtag vorlas, der von Kultureinrichtungen „ein grundsätzliches Bekenntnis zur deutschen Nationalkultur“ verlangt – und, als Johanna Göb, die Leiterin des Amtes für Kultur und Weiterbildung der Stadt Kiel, davor warnt, dass „der Griff der Rechtsextremen in Machtpositionen zuerst in Richtung Bildung und Kultur“ gehe. Wo, wenn nicht dort wird das „wir“ verhandelt?

Halt etwas rauer

Wie ein „Bekenntnis zur Nationalkultur“ wohl auf der Bühne aussähe, fragte sich Carsten Weber, und Caspar Sawade, geschäftsführender Direktor des Theaters Lübeck, brach eine Lanze für die Freiheit der Kunst: „Ich würde niemals in die Sichtweise einer Inszenierung eingreifen.“ Dass es am Vorabend des 3. Oktober viel um „den Osten“ ging, hatte auch persönliche Gründe: Die gebürtige Sächsin von Schön-Angerer sprach über ihre persönlichen Erfahrungen mit Rechtsextremismus während ihrer ersten beruflichen Stationen an den Theatern in Zittau und Chemnitz und befragte ihre Gäste zu den ihren. Caspar Sawade arbeitete ebenfalls am Landestheater Zittau-Görlitz, bevor er nach Lübeck wechselte. „Es ist halt etwas rauer“, sagt der gebürtige Düsseldorfer, als er von einer „Zeckenliste“ erzählt, die aufzählte, wer „weg“ müsse in der Region. Sein Name stand auf Platz drei. Auch Bedrohungen und Besuche vor seinem Privathaus habe er in seiner Zeit in Ostsachsen erlebt. „So ist das eben“, sagt er. Und fügt hinzu: „Man muss gegenhalten, am besten im Gespräch.“ Ob man mit Menschen noch sprechen könne, die „Zeckenlisten“ führen, bezweifelt Carsten Weber. Mit von Schön-Angerer teilt er das Aufwachsen in den „Baseballschlägerjahren“, den frühen 1990ern in den „Neuen Bundesländern“. Auf seine Kindheit und Jugend in Gera blickend stellt er fest: „Es ist schon erstaunlich, welche Form der Realität man als Normalität akzeptierte – ständig im Kopf die Stadt kartographieren, wo welche Gang das Sagen hatte, bestimmte Wege meiden, abends nur in Gruppen unterwegs sein, auf die Fresse kriegen. Und ich bin männlich und weiß. Für Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund muss es noch viel schlimmer gewesen sein.“


Eine weitere Perspektive auf die 1990er Jahre in Ostdeutschland: Im Jahr 2020, 30 Jahre nach der Deutschen Einheit, startete die 1985 in der DDR geborene Autorin Katharina Warda das Projekt “Dunkeldeutschland”, mit dem sie die Erlebnisse ihrer Generation beleuchten möchte. Als Kind einer deutschen Mutter und eines südafrikanischen Vaters erlebte sie seit der Wende immer wieder selbst Rassismus, Klassismus und Abwertungen über Ostdeutsche. Im Interview mit Zeitzeugen.de berichtet sie davon:


Zersplitterung des Wir und integratives Potenzial

Johanna Göb schwenkt den Blick schließlich auf die Gegenwart. Sie sieht im Phänomen der Filterblasen einen Grund für die heutige zunehmende Polarisierung der Gesellschaft und der Empfänglichkeit für einfache Antworten auf komplexe Fragen. Insbesondere Jugendliche gelte es, davor zu schützen – kulturelle Bildung sei hier ein wichtiges Instrument.

Insbesondere Kultureinrichtungen hätten integratives Potenzial, da waren sich alle einig. Gerade die Theater müssten es nur stärker ausschöpfen, ihre großen Häuser in der Stadtmitte für alle öffnen, zu Orten der Begegnung und des Austauschs machen.

Nach einer guten Stunde öffnete sich die Runde für Fragen aus dem Publikum. Dieses war mit wenigen Ausnahmen erwartbar homogen zusammengesetzt. Also: Potenzial ausschöpfen!

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