Am Wochenende feierte Husum das erste Lichtkunstfest. Damit hat die Stadt gezeigt, dass es nicht immer der Griff nach dem Gewöhnlichen sein muss.

Heute Abend schläft die Stadt nicht. Die Straßen sind voll am Samstagabend in der Innenstadt. Vor der Marienkirche am Marktplatz bildet sich eine Schlange, die bis zum Tine-Brunnen reicht. Im Schlossgang ist kaum Durchkommen – so viele tummeln sich um den Nachtwächter-Rundgang, der hier gerade Halt macht. Auch „am Hafen brennt noch Licht“. Hier erstrahlt die erste von insgesamt fünf Installationen des Lichtkünstlers Michael Kantrowitsch. Unter dem Titel „Tiden – Mythen – Elemente” hat er prominente Standorte der Innenstadt in Szene gesetzt und für das erste Husumer Lichtkunstfest an vier Abenden zum Leuchten gebracht.
Himmelslichter im Rathaus
Die gegenüberliegenden Hafenkante bietet die perfekte Panorama-Perspektive auf das leuchtende Rathaus. Die wechselnden und wandernden Lichter strahlen aus den kleinen Bürofenstern heraus und spiegeln sich in ihrer Gesamtheit im gerade gefluteten Hafenbecken. Begleitet wird das Lichtspiel von Musik, die aus Lautsprechern ertönt. „Himmelslichter“ heißt die Installation, die sich dem Element Luft widmet.




Gezeiten im alten Rathaus
Bis zur nächsten Station sind es nur zwei Minuten Fußweg: Auch das alte Rathaus in der Einkaufsstraße leuchtet und zieht damit Menschen an und Blicke auf sich. Auch hier ertönt Musik und die meisten wählen die Panoramaperspektive, um das Werk von der gegenüberliegenden Straßenseite als Ganzes zu bestaunen und auch, um eine gute Sicht auf die hoch gelegenen Fenster oberhalb des Ratskellers zu erhaschen. Im Gebäudeinneren leuchten Quallen. Videoprojektionen fluten die Wände mit Wasser und zeigen das Element, dem die zweite Installation gewidmet ist. Ihr Titel lautet „Gezeiten“.



Hingebung im Torhaus
Der Schlossgang führt zur nächsten Station. Auch das historische Torhaus von 1612 ist zum Lichtspiel geworden. Aus den Fenstern knallen Farben, auf die Fassade werfen sich wachsende Wortprojektionen: Hingebung, Rettung, Dankbarkeit. Laut Programmflyer bezieht sich die dritte Station auf das Element Feuer und damit verbunden auf die Sage um die alte Tine: „Die Sage der alten Tine: eine kranke Fischersfrau setzt ihr Hab und Gut in Flammen, um die Menschen in Husum vor der aufkommenden Sturmflut zu retten. Die zerstörerische Energie des Feuers, Vernichtung, Vergänglichkeit und Strahlkraft als rettendes Signal – projiziert auf das historische Torhaus Husum.“




Wurzeln im Schloss
Der Lichtkegel über dem Schloss und die Menschenzüge lenken die Leute intuitiv zur nächsten Station. Vorm Schloss bleiben die meisten bereits am Schlosstor stehen, um das Spektakel anzuschauen. Auf dem Schlossturm klettern Pflanzen, schmiegen sich ans Gemäuer, aus Wurzeln wächst ein Baum. Aus dem Lautsprecher ertönt Theodor Storms Gedicht „Meeresstrand“. Zeitgleich wird es, wie mit einer Feder aus Licht auf den Turm geschrieben, in der Handschrift des Dichters. Zwei Kinder toben im Zentrum des Innenhofs, während das Publikum gebannt auf Abstand bleibt, um die Bewegung in ihrer Gänze zu erfassen. Das zugeordnete Element der vierten Station ist Erde.




MEERESSTRAND
Ein Gedicht von Theodor Storm (entstanden 1853; Erstdruck 1856)
Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.
Energie in der Marienkirche
Die fünfte Station des Husumer Lichtkunstfestes bringt alle vier Elemente in der Marienkirche auf dem Marktplatz zusammen. Sie trägt den Titel „Energie“. Bei freiem Eintritt und vor voll besetzten Kirchenbänken gibt der Nordfriese Jan.Solo ein Konzert in der lichtdurchfluteten Kirche. Hier zeigt sich das Team um das Lichtkunstfest ein weiteres Mal mutig: Heute wird gerappt in den heiligen Hallen: „Am Hafen brennt noch Licht!“

Die Stadt strahlt
Nicht nur die Kirche, auch die Stadt ist belebt und beleuchtet in diesen Abendstunden. Das Husumer Wetter zeigt sich derweil, wie es sich für die „graue Stadt am Meer“ gehört: Es ist grau und diesig, die Himmelskulisse ist wie für das Lichtkunstfest gemacht, so als sei sie Teil der Inszenierung.
Während ich von Installation zu Installation spaziere, beobachte ich staunende Menschen und höre begeisterte Stimmen: „Das ist endlich mal was Besonderes…“ oder „Wie schön das ist – in dieser dunklen Jahreszeit!“ Auch ich bin begeistert und vergesse darüber sogar die Zeit. Ein bisschen zu viel sind mir nur die thematischen Verknüpfungen, die das Programmheft konstruiert. Da sind die vier Elemente, da ist die Geschichte der Stadt am bedrohlichen Meer, da sind die Zitate Storms, die sich mal mehr und mal weniger gut angliedern. Die sich bewegenden Lichtkunstinstallationen, die Worte und Klänge integrieren und die sich an die Gebäude der Stadt schmiegen – all das spricht für sich. Es braucht nicht mehr. Husum leuchtet. Das hat Strahlkraft!
Bewegte Bilder vom Lichtkunstfest Husum gibt es in diesem Video-Beitrag aus dem Schleswig-Holstein Magazin vom 08. November 2024.

Lichtkunstfest Husum
Das Konzept stammt von dem Lichtdesigner Michael Kantrowitsch (Warendorf) und der ideengebenden Kulturmanagerin und Projektleiterin Erinn Carstens-Doll (Husum). Die technische Leitung lag bei Jan Boe (Husum). Künstlerisch mitgewirkt haben: Christian Confer von Klick Kola (Film und Animation, Warendorf), Inga Johanna Roos (Schriftstellerin, Husum), Melf Petersen (Grafik und Illustration, Bosbüll / Nordfriesland).
Das erste Lichtkunstfest fand vom 07. bis 10. November 2024 statt. Veranstaltet wurde es von der Werbegemeinschaft Husum e.V. und durch mehrere Förderer und Sponsoren unterstützt.
Weitere Informationen zum ersten Lichtkunstfest in Husum gibt es hier: husumerleben.de