Gefängnismuseum Hamburg: Niemanden aufgeben

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Das Gefängnismuseum Hamburg liegt in Schleswig-Holstein, genau genommen in Norderstedt. Ehe man sich darüber wundern kann, erklärt Museumsleiter Klaus Neuenhüsges gleich zu Beginn seines Rundgangs, woran das liegt: Die Justizvollzugsanstalt Glasmoor, in dessen Beamtenhaus sich das Museum befindet, ist eine Hamburger Einrichtung. Im Ersten Weltkrieg mussten Gefangene der Hansestadt hier Torf stechen. Im Museum erinnert ein Karren daran. Die Torfstecher lebten in Baracken – der heute noch sehr gut erhaltene Bau des Architekten Fritz Schumacher entstand erst in den 1920er Jahren. Die Bauweise der roten Backsteingebäude verrät viel über die Absichten des Gefängnisses: ein offener Vollzug ohne Mauern, Stacheldraht und Gitter.

Doch in dem Museum können Besucher*innen nicht nur diese Geschichte entdecken, sondern die Geschichte aller Hamburger Museen. Dementsprechend setzt die Ausstellung viel früher an: im Jahr 1270, als die Obrigkeit Gefangene einsperrte, die auf ihre Hinrichtung warteten. Das Gefängnismuseum ist kein Foltermuseum. Es zeigt aber auch eine Folterwiege, die im Werk- und Zuchthaus zur Peinlichen Befragung eingesetzt wurde, also einer Befragung unter Folter, die dazu dienen soll, ein Geständnis zu erzwingen.

Diese Informationen erhält man nicht über Schautafeln, sondern von dem Museumsleiter selbst. Denn das Museum hat keine Öffnungszeiten. Wer es besichtigen will, vereinbart einen Termin mit Neuenhüsges, der die Interessierten persönlich durch die Ausstellung führt. Er hat Soziale Arbeit, Kriminologie und Geschichte studiert, um anschließend jahrzehntelang im Hamburger Justizvollzug zu arbeiten – erst als Abteilungsleiter in der JVA Glasmoor, später in gewerkschaftlicher Tätigkeit. Ein Mann der Praxis und der Theorie.

Fortschritt ist etwas sehr Fragiles

Die Bauweise eines Gefängnisses verrät viel über die dahinterstehenden Absichten. Die Absichten wiederum verraten viel über die Gesellschaft, in der sie entstanden sind. So war im Gefängnis Winserbaum im Mittelalter eine Schankwirtschaft untergebracht – gegen ein wenig Geld konnten schaulustige Kneipenbesucher*innen die vermeintlich aussätzigen Gefangenen besichtigen. Solche unmenschlichen Vorstellungen und Taten tauchen im Nationalsozialismus wieder auf. Ein besonders schreckliches Ausstellungsstück ist die Totenmaske eines jungen Mannes, der hingerichtet worden war – wegen Raubes. In dem jungen, weichen Gesicht des 23-jährigen Heinrich Janys wollten die Nazis verbrecherische Züge erkannt haben.

Geschichte verläuft nicht linear, Fortschritt ist etwas sehr Fragiles – das verdeutlicht diese Ausstellung. Auch heute begegnen Neuenhüsges Besucher*innen, die davon sprechen, Gefangenen ginge es doch viel zu gut. Schließlich finanziere der Staat ihnen ein Einzelzimmer. Die Führungen des Rentners laden zu Diskussionen über solche Themen ein. Immer wieder fragt er: Was ist das für ein Gegenstand, was denken Sie über diesen Fakt? Der Museumsleiter begegnet den Besucher*innen auf Augenhöhe – und klärt sie trotzdem auf, zum Beispiel darüber, dass man heute davon ausgeht: Der Entzug der Freiheit ist Strafe genug.

Eine Zellentür mit der Aufschrift: Vorsicht! Fluchtverdacht! Strenge Einzelhaft!

Nach der Führung bleibt noch Zeit, um die Ausstellung in Ruhe allein zu betrachten und sogar anzufassen. Alles, was nicht hinter Glas liegt, sondern offen in den Regalen, darf in die Hand genommen werden. Dieses Ausstellungskonzept, entwickelt aus der Sammlung des verstorbenen Mitarbeiters Peter Zimmermann, unterstützt von der JVA-Glasmoor-Leiterin Angela Biermann, wurde von Neuenhüsges gemeinsam mit zwei Studenten der Hochschule für bildende Künste Hamburg erstellt. 2020 eröffnete das Museum und gewann sogleich die Bronze-Auszeichnung des Deutschen Designer Clubs.

Anpassen an die Mehrheitsgesellschaft

Das Museum spart Kritik am Hamburger Gefängnissystem nicht aus. Es thematisiert auch Situationen aus den vergangenen Jahrzehnten, in denen Gefängnisse überfordert waren: Bei Hungerstreik oder wenn, wie es bis 2014 noch der Fall war, Menschen in Hafträumen untergebracht werden, die keine Straftaten begangen hatten, aber abgeschoben werden sollten.

„Niemanden aufgeben“ ist das Credo der Hamburger Gefängnispolitik. Natürlich wolle man die Bevölkerung vor Straftäter*innen schützen – aber diese gleichzeitig möglichst vollständig resozialisieren. Das gelinge nicht immer, sagt Neuenhüsges. Nicht alle Gefangene lernen sich wieder an die Mehrheitsgesellschaft anzupassen.

Doch manchmal passen sich sogar die Nicht-Gefangenen an die Gefangenen an. Zu den Ausstellungsstücken gehören zahlreiche Tätowiermaschinen, die sich Gefangene aus Besteck und Kugelschreibern selbst gebaut haben. Sie tätowieren sich in der Haft gegenseitig. Tränen unter dem Auge. Drei Punkte zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Interpretationen dieser Tattoos sind vielfältig. Sie können für die Aufenthaltsdauer im Gefängnis, für begangene Verbrechen oder auch für das Bibelzitat „Glaube, Liebe, Hoffnung“ stehen. Diese Kultur, die in Europa früher nur unter Seeleuten und Gefangenen verbreitet war, ist längst in der Mehrheitsgesellschaft angekommen. Auch wenn die meisten Nicht-Gefangenen für ihre Tätowierungen ein Studio besuchen, nähert man sich somit doch einander ein. Wer sich nicht tätowieren lassen möchte: Ein Museumsbesuch kann auch dabei helfen, Gefängnisse und Gefangene besser zu verstehen.

Gefängnismuseum Hamburg

Termine für Führungen mit anschließendem individuellem Rundgang werden mit Klaus Neuenhüsges vereinbart (+49 170 3590555 / klaus@neuenhuesges.de) und können montags bis sonntags stattfinden. Der Eintritt ist frei, es darf gerne gespendet werden. Das Museum befindet sich im zweiten Stock – der Zugang ist nur über eine Treppe möglich.

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