200 Jahre länger jüdisches Leben in Schleswig-Holstein?

Teilen

„Eine kleine Sensation“, sagte der Leiter des Landesarchivs Schleswig-Holstein, Rainer Hering, über einen Fund, den er im Februar in Schleswig präsentierte. In dem Dokument aus Lauenburg aus dem Jahr 1424 geht es um die Mitgift für den Knappen eines Burgmanns, die sich dieser leihen musste, bei „christlichen oder jüdischen Geldverleihern“. Das ist ungewöhnlich, weil die Forschung eigentlich davon ausgeht, dass Jüd*innen sich erst um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert im heutigen Schleswig-Holstein ansiedelten. Muss die Geschichte des Judentums in Schleswig-Holstein neu geschrieben oder zumindest um 200 Jahre nach vorn verlängert werden?

Auch ein Burgmann braucht mal Geld …

„Eher nein“, sagt Mirjam Gläser vom Jüdischen Museum Rendsburg. Dort dokumentiert eine Dauerausstellung unter dem Motto „400 Jahre Gegenwart“ die Geschichte des Judentums im ganzen Land. Diese 400 Jahre beziehen sich auf den Zeitraum seit 1619: In diesem Jahr lud der dänische König Christian IV. jüdische Familien aus ganz Europa ein, sich in Glückstadt anzusiedeln. Die Stadt hatte der Dänenherrscher eigens neu gegründet, um Hamburg den Rang abzulaufen, und brauchte dafür eine Bevölkerung. Es kamen sephardische Flüchtlinge von der iberischen Halbinsel. In Friedrichstadt, benannt nach dem Gottorfer Herzog Friedrich III., siedelten wenig später neben Jüdinnen und Juden niederländische Religionsflüchtlinge wie Mennonit*innen oder Remonstrant*innen.

„Die Mobilität ist nicht zu unterschätzen.“

Mirjam Gläser

Das Dokument, das nun im Archiv aufgetaucht ist, zeige zwar, dass es einzelne Juden in der Region gab, nicht aber „dass so viel früher jüdische Ansiedlungen gab“, sagt Mirjam Gläser. Eine einzelne Urkunde ersetze keine Forschung – „die wir nicht leisten können“, bedauert Gläser. Sie vermutet, dass Geldverleiher und möglicherweise andere Händler im Herzogtum Lauenburg zwar ihre Dienste anboten, aber nicht am Ort lebten: „Die Mobilität ist nicht zu unterschätzen.“

Obwohl die Urkunde aus dem Landesarchiv in Schleswig die Geschichte des Judentums in Schleswig-Holstein nicht neu schreibt, zeige sie, wie sich die Digitalisierung auswirkt: So fand Archivleiter Hering den Text durch eine Onlinerecherche in den Beständen. Dies zeige, wie wichtig es sei, Dokumente zu digitalisieren und immer mal wieder andere Fragestellungen in der Onlinesuche anzuwenden, sagte er bei einer Pressekonferenz.

Auch Gläser berichtet von Vorteilen der Digitalisierung: Für die Ausstellung „Jüdisch? Preußisch? Oder was?“, die seit Anfang März im Jüdischen Museum Rendsburg läuft, ging Museumsleiter Jonas Kuhn auf weltweite Suche in den elektronischen Archiven und fand neues Material über den Kieler Juden und Hoflieferanten Michael Lask im Leo-Baeck-Instituts in Jerusalem.

Unterstützen Sie kulturkanal.sh
– für eine lebendige Kulturszene

Vielen Dank, dass Sie kulturkanal.sh nutzen. Unser Online-Feuilleton für Schleswig-Holstein bringt Ihnen spannende Inhalte und aktuelle Berichte über das vielfältige kulturelle Leben in unserer Region.

Um weiterhin unabhängige und hochwertige Inhalte anbieten zu können, brauchen wir Ihre Unterstützung.

Mit einer freiwilligen Zahlung helfen Sie uns, durch unsere Berichterstattung die Kultur vor Ort zu fördern.

Jeder Beitrag zählt – machen Sie mit und stärken Sie die regionale Kultur!

Themen

Teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Neueste Artikel

Datenschutz
Kulturkanal.sh GbR, Inhaber: Birthe Dierks, Esther Geißlinger, Pauline Reinhardt, Bernhard Martin Schweiger, Gerd-Richard Warda, Kristof Michael Warda (Firmensitz: Deutschland), würde gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl:
Datenschutz
Kulturkanal.sh GbR, Inhaber: Birthe Dierks, Esther Geißlinger, Pauline Reinhardt, Bernhard Martin Schweiger, Gerd-Richard Warda, Kristof Michael Warda (Firmensitz: Deutschland), würde gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl: