Was ist typisch jüdisch? Klar, die Mikwe, das Tauchbecken für religiöse Waschungen im Keller des Dr.-Bamberger-Hauses in Rendsburg. Klar, eine Lesehilfe in Form einer winzigen Hand, die Gelehrte beim Vortrag aus der Thora benutzen. Klar, Kippas und Maze-Gebäck. Aber was ist mit diesem golden glänzenden T-Rex, auf dessen Rücken Chanukka-Kerzen stehen? Und wozu hängt da ein Boxsack? Gehen schwule, lesbische oder transgender Jüd*innen eigentlich zur Gay Pride? Fühlen sich Jüd*innen mit Behinderung doppelt diskriminiert? Das Jüdische Museum Rendsburg, das in der ehemaligen Talmud-Thora-Schule und Synagoge der Stadt untergebracht ist, will zu solchen Fragen anregen. Die neue Dauerausstellung wurde im Sommer 2023 nach langem Umbau eröffnet wurde.

„400 Jahre Gegenwart“ ist das Leitmotto. Es soll daran erinnern, dass jüdisches Leben in Schleswig-Holstein mehr ist als der Holocaust. Im ersten Raum stellen sich Jüd*innen vor, die heute im Land leben. Denn manche Kinder und Jugendliche – die eine Haupt-Zielgruppe des Museums sind – hätten nie bewusst einen jüdischen Menschen getroffen, berichtet Museumsleiter Jonas Kuhn.
Er und sein Team standen vor der Aufgabe, auf nur 240 Quadratmetern mehrere Jahrhunderte des Judentums in Schleswig-Holstein zu zeigen und noch genug Raum für das Hier und Heute zu lassen: „Eine rein historische Ausstellung funktioniert für uns nicht“, sagt Kuhn.
Dennoch beginnt der Rundgang in der Vergangenheit, bei den ersten jüdischen Gemeinden im Land. Im 17. Jahrhundert gestatteten das dänische Königreich, zu dem das heutige Schleswig-Holstein gehört, dass jüdische Familien sich ansiedelten. In Rendsburg durften sie im Garnisonsviertel Neuwerk leben. 1845 errichteten sie die Synagoge, die aber nach außen hin nicht wie ein Gotteshaus aussehen sollte und daher hinter einer Ziegelfassade steckt.
Holocaust: Drei Schicksale stehen für alle Opfer
Texttafeln und Fotos informieren darüber, wie Jüd*innen arbeiteten, feierten, welche Vereine sie besuchten, wie ihr Alltag aussah und was sich änderte, als im 20. Jahrhundert der Antisemitismus wuchs. Ein Raum befasst sich mit dem Holocaust. Drei Schicksale stehen stellvertretend für alle Opfer, doch an einer Hörstation läuft in Dauerschleife ein Band mit den Namen von fast 1500 Schleswig-Holsteiner*innen, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit ermordet wurden.
Geschichte an Menschen zu zeigen, ist ein Konzept der Ausstellung. So geht es mehrfach um den Kieler Jonni Hirsch: Ihm wurde 1936 der Besuch in seinem Stamm-Café untersagt. Andere Gäste hätten sich beschwert, sie wollten nicht mit einem Juden zusammensitzen, schrieb ihm der Café-Besitzer „mit deutschem Gruß“. Im Obergeschoss, wo es um die Geschichte nach 1945 geht, hängt eine Urkunde, die Hirsch zum 100. Bestehen seines Ladengeschäfts erhielt – als wäre der Laden nicht während der NS-Zeit zwangsgeschlossen gewesen.
Nach der Ausreisewelle nach dem Krieg folgte in den 1990er Jahren eine Einwanderungswelle von Jüd*innen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Die Neu-Bürger*innen gründeten neue Gemeinden in Schleswig-Holstein, Synagogen werden wieder eröffnet oder neu erbaut.
Jüdische Gemeinde beteiligte sich an der Konzeption
In die Konzeption der Dauerausstellung waren Vertreter*innen der jüdischen Gemeinde eingebunden. Sie lobten die Schau bei einer Pressekonferenz: „Jetzt haben wir einen Ort im Land, an den wir verweisen können, wenn jemand Fragen zum jüdischen Leben hat.“
Neben der Dauerausstellung, die auch die ehemalige Synagoge einbezieht, zeigt das Haus auch wechselnden Sonderschauen in einem Nebengebäude. Davon sind viele selbst kuratiert, einige von anderen Museen übernommen.
Das Museum ist Teil der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen. Rund 1,5 Millionen Euro hat der Umbau des Museums gekostet, rund 900.000 Euro stellte das Land bereit, der Rest stammt aus EU-Mitteln. Unter anderem gibt es nun einen Fahrstuhl, und der Betsaal der früheren Synagoge erstrahlt frisch saniert.
Mehr Informationen auf der Website des Museums: www.jmrd.de.