Der hochwertig gestaltete Bildband „Land am Rand“ von Christoph Corves ist weit mehr als die Dokumentation des Wandels in der Region Probstei im Kreis Plön. Er ist visualisierte Poesie von Schönheit und Vergänglichkeit.
„Bei uns sieht es eher normal aus“, schreibt Christoph Corves im einleitenden Text des Buches, und er zählt auf: „Einfamilienhäuser, Aldi, Baumarkt, Automeile, Landhandel. Und klar, Bauernhöfe und Kirchen gibt es auch.“ Mit „bei uns“ meint Corves die Probstei. Diesen Landstrich, nördlich von Preetz, nordöstlich von Kiel gelegen, hat er in „Land am Rand“ mit Blick für schonungslose Alltäglichkeit und die Schönheit im Alltäglichen fotografisch dokumentiert. Dabei geht es dem hauptberuflichen Geographen auch um Bestandsaufnahme, darum, eine Landschaft festzuhalten, die gerade in rasantem Wandel begriffen ist.
„Verweile doch, du bist so schön“ steht da zum Beispiel in blauer Schrift auf einer weißen Girlande am Gartenzaun auf einem der Bilder. Im Hintergrund ein rotes Backsteinhaus zwischen üppigem Sommergrün. Das Motiv taucht mehr als 100 Seiten später erneut auf. Doch da steht das Haus schon nicht mehr. Ein Bagger macht es dem Erdboden gleich. Noch ein Bild weiter: Die Girlande verschmutzt. Wo das rote Haus stand, nur noch ein Loch. Den Bagger aber finden wir wieder auf weiteren Fotografien. In einem der vielen Neubaugebiete rahmt sein gelber Arm ein gerade neu errichtetes Fertighaus.
Christoph Corves verzichtet auf lange Bildbeschreibungen und nennt bloß den Ort, an dem die Fotografien entstanden sind, noch nicht einmal die Zeit. Das lenkt den Fokus weg vom aktuellen Wandel des Probsteier Erscheinungsbildes und seinen konkreten Bedingungen und verleiht dem Gezeigten heraklitische Allgemeingültigkeit.
Die Fotografien sprechen für sich, doch treten sie auch in den fruchtbaren Dialog mit der in ausgewählten Passagen abgedruckten Reisebeschreibung eines gewissen J. Taillefas, der 1817 mehrere Monate in der Probstei verbracht hatte und seine Eindrücke anschließend in einem kleinen Büchlein veröffentlichte. Die bewusste Bild-Text-Setzung von Christoph Corves erzeugt mal Melancholie, mal Komik und manchmal schlicht Schönheit.
J. Taillefas beschreibt nüchtern die Lebensweise der „Probsteyer“ („äußerst einfach“) und ihr Beackerungssystem („häufig bis zum Missbrauch übertriebene, durch eine zu lange Folge von Saaten fortgesetzte Bearbeitung des Landes zum Kornbau“). Später kommt er auf die „National-Eigenthümlichkeiten“ zu sprechen, von denen allerdings aufgrund zunehmender Kultur und Aufklärung „in den letzten vier Decennien manches, ja vieles verlorengegangen seyn“ soll. Auch sind „in den letzten 20 Jahren […] einige bedeutende Veränderungen in der Bauart der Häuser angebracht“. Besonders diese Passagen von Taillefas´ Bericht stimmen ein in den Grundtenor des Buches: Das einzig Beständige ist der Wandel.
Christoph Corves: Land am Rand, Dokufaktur Medienproduktion, 2023.
https://www.dokufaktur.com/shop/land-am-rand.-bildband-von-christoph-corves/