SOS steht für Save Our Souls

Teilen

Krimis gibt es wie Sand am Meer. Richtig gute Krimis hingegen sind selten. Wie schön, wenn einem mal wieder solch ein Exemplar begegnet: Der Retter von Mathijs Deen. Der im März erschienene Roman ist bereits der dritte Teil der Reihe rund um den deutsch-niederländischen Kommissar Liewe Cupido. Für den Lesegenuss muss man die ersten beiden Teile jedoch nicht kennen.

Der Band beginnt ganz klassisch mit dem Fund einer Leiche – oder vielmehr ihrer Überreste, einem unvollständigen Skelett mit Rettungsweste. Doch dann werden reihenweise die gewohnten Regeln der Kriminalliteratur gebrochen. Im Zentrum der Ermittlungen von Liewe Cupido und seinem Kollegen Xander Rimbach steht die Klärung der Identität und der Todesumstände des gefundenen Mannes. Doch es geht in diesem Roman um so viel mehr, dass einen die Auflösung des Falls am Ende kaum interessiert, anders als beim Lesen eines typischen Krimis, den man nur so verschlingt, um endlich zu erfahren, wer der Mörder ist.

Fischer und Retter

Liewe Cupido interessiert sich anfangs auch nicht wirklich für den Mörder; er erforscht lieber die Todesumstände seines eigenen Vaters, der genauso wie der Tote sein Leben auf See ließ. Sein Vater war Fischer.

Im Mittelpunkt des Romans stehen andere Männer, die zur See fahren, die titelgebenden Retter. Denn der Leichenfund führt schnell zu einem 20 Jahre alten Fall, den Unfall des Seeschleppers Pollux, und die Frage, warum der Kapitän – um dessen Überreste es sich vermutlich handelt – damals nicht gerettet werden konnte.

Mathijs Deen: Der Retter

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke

Hamburg: mare

23 Euro

384 Seiten

ISBN: 978-3-86648-707-9

Die Tochter des Kapitäns will von einer Aufklärung des Falls nichts wissen – eine Antagonistin zu Liewe Cupido, der sich verzweifelt in die Suche nach einem Schuldigen für den Tod seines Vaters stürzt. Und auch Liewe Cupido und sein neuer Kollege Xander Rimbach sind grundverschieden. Ein wenig genrelastig ist der Roman dann doch, mit diesem wortkargen und eigensinnigen Kommissar, der durch sein bloßes Auftreten den übereifrigen Kollegen verspottet.

Doch ansonsten überschreitet Der Retter Grenzen, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Leiche wird in einem kleinen Küstenort in England gefunden – doch die Ermittlungen finden in den Niederlanden und auf Norderney statt, in Hamburg und in Flensburg, sodass man es hier nicht mit der Massenware Regionalkrimi zu tun hat.

Auch die Protagonist*innen überschreiten ständig die Grenzen: Niederlande und Deutschland, Festland und Insel, Lüge und Wahrheit, sich der Realität stellen oder sie verdrängen. Immer wieder begegnen sie dabei dem Dazwischen, diesem teuflisch Unklaren.

Poesie der Polizeiarbeit

Mathijs Deen beherrscht die Recherche und er beherrscht den Ton der verschiedenen Medien, die er in seinen Roman eingebettet hat. Zeitungsartikel und Seenotrettungsprotokolle sind Teil des Ganzen, als wären wir selbst die Ermittelnden, die mit dem Material arbeiten, das ihnen vorliegt.

Nur die Poesie der Polizeiarbeit ist schwer zu glauben: „Komm, wir setzen uns an den Tisch, dann gebe ich dir ein paar Informationen zu den Namen. Damit sie zu Menschen werden. Außerdem möchte ich dich auch etwas fragen, über das Retten und über das Nicht-vergessen-Können.“ So reden doch keine Kriminalkommissar*innen miteinander, oder?

Aber diese künstlerische Freiheit verzeiht man dem Autor schnell, ist ihm doch ein Meisterwerk gelungen. Das Buch endet mit der Auflösung des Falls. Doch viel wichtiger als zu wissen, wer der Mörder ist, ist alles andere, was uns auf den fast 400 Seiten begegnet ist, was wir gelernt haben über Inselleben und Erinnerungen, über Seenotrettung und Gedenken. Und am wichtigsten ist: SOS steht für Save Our Souls.

Auf der Website vom mare-Verlag gibt es zahlreiche Lesungstermine – leider bislang keiner in Schleswig-Holstein.

Unterstützen Sie kulturkanal.sh
– für eine lebendige Kulturszene

Vielen Dank, dass Sie kulturkanal.sh nutzen. Unser Online-Feuilleton für Schleswig-Holstein bringt Ihnen spannende Inhalte und aktuelle Berichte über das vielfältige kulturelle Leben in unserer Region.

Um weiterhin unabhängige und hochwertige Inhalte anbieten zu können, brauchen wir Ihre Unterstützung.

Mit einer freiwilligen Zahlung helfen Sie uns, durch unsere Berichterstattung die Kultur vor Ort zu fördern.

Jeder Beitrag zählt – machen Sie mit und stärken Sie die regionale Kultur!

Themen

Teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Neueste Artikel

Datenschutz
Kulturkanal.sh GbR, Inhaber: Birthe Dierks, Esther Geißlinger, Pauline Reinhardt, Bernhard Martin Schweiger, Gerd-Richard Warda, Kristof Michael Warda (Firmensitz: Deutschland), würde gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl:
Datenschutz
Kulturkanal.sh GbR, Inhaber: Birthe Dierks, Esther Geißlinger, Pauline Reinhardt, Bernhard Martin Schweiger, Gerd-Richard Warda, Kristof Michael Warda (Firmensitz: Deutschland), würde gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl: