Nach Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (2023, Regie: Sonja Heiss) läuft jetzt mit Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke die zweite Buchverfilmung von Joachim Meyerhoffs Werken im Kino. Das ist der dritte Band seiner autobiografischen Reihe: Der gerade erwachsen gewordene Joachim Meyerhoff geht nach München auf die Schauspielschule und erlebt dort bei seinen exzentrischen Großeltern einen Alltag zwischen den Demütigungen des blutigen Anfängerdaseins und dem über Jahrzehnte eingeübten Alkoholismus der älteren Generation. Eine bittersweete Geschichte, wie die gesamte Reihe.
Bei Literaturverfilmungen stellt sich ja immer diese Frage ans Publikum: Erst das Buch lesen und dann den Film schauen – oder andersrum? Bei Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke dürften die meisten das Buch bereits gelesen haben, schließlich wurde es vor mehr als zehn Jahren veröffentlicht. Außerdem waren alle sechs Bände der Reihe vielgelesene Spiegel-Bestseller.
Die Lektüre liegt also vielleicht schon etwas länger zurück. Trotzdem stellt sich bei Literaturverfilmungen immer die gleiche Frage an die Regisseur*innen (hier: Simon Verhoeven): Wie nah bleibe ich am ursprünglichen Stoff – das Buch einfach in ein Drehbuch verwandeln oder es ganz anders machen? Wer die Diskussionen um die neuste cineastische Version von Emily Brontës Wuthering Heights verfolgt hat, weiß wie unbarmherzig das Publikum sein kann, wenn sich die Interpretation zu sehr auf Abwege begibt.
Ein filmgewordenes Buch

Simon Verhoeven hat sich für sehr viel Nähe zum Original entschieden. So ist seine Version von Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ein filmgewordenes Buch geworden. Gekürzt, gerafft, aber kaum geändert.
Der großartige Bruno Alexander, den man vor allem aus der Mockumentary Die Discounter kennt, – hier ist er der junge Meyerhoff – ist gleichzeitig der Erzähler. Immer wieder erklärt uns seine Stimme aus dem Off die Situation, die wir ja sehen, und die Gefühle, die wir ja auch zwischen den Zeilen lesen könnten. Schöner wäre gewesen: Mehr Ruhe. Mehr Mut zur… Ja, hier wäre die so entsetzliche Lücke passend gewesen. Sie hätte uns mehr Raum für unsere eigenen Eindrücke verschaffen können.
Sometimes I feel I‘ve got to run away
Die schönsten Szenen sind die, die gar nicht im Buch vorkommen und sich mit diesem Medium auch nicht so ergreifend darstellen lassen können. Joachim Meyerhoff tut sich schwer mit der Schauspielschule und damit, seine Gefühle zuzulassen, das zeigt Bruno Alexander eindrücklich. Besonders traurig-schön ist es also, wenn der Knoten endlich platzt: Der 20-jährige Schauspielstudent singt vor seiner Klasse ein Lied, „Tainted Love“ von Soft Cell, das Lieblingslied seines vor kurzem verstorbenen Bruders. Er singt ein wenig schief, sucht nach den Lyrics. Das ist roh, ehrlich und aussagekräftig ohne viele Worte, außer „Sometimes I feel I’ve got to run away, I’ve got to get away from the pain you drive into the heart of me”. Dieses intensive Zusammenspiel von Stimme und Mimik, ohne Cut, lässt sich schwarz auf weiß kaum vermitteln.
Auch andere Sounds, wie das allmorgendliche Gurgeln der Großeltern mit Schnaps (ein tolles Konzert!) zeigen, dass Simon Verhoeven sein Medium eigentlich beherrscht. Doch am Ende ist sein Film zu auserzählt. Er lässt nicht einmal unerwähnt, dass der junge Joachim Meyerhoff seine Erlebnisse aufschreibt und später in ein Buch verwandelt. Näher am Original geht es wohl kaum.
Berührend und lustig

Spaß macht die Verfilmung natürlich trotzdem, schließlich ist die Buchvorlage berührend und lustig. Das fängt auch der Film sehr gut ein. Die Schauspieler*innen sind eine hervorragende Wahl (Senta Berger als Großmutter!), die Münchner Kulisse überzeugt, auch die absurden Übungen an der Schauspielschule, „Stellt euch vor, ihr seid Spaghetti im Topf!“, hinterlassen einen bleibenden Eindruck.
Doch häufig ist dieser Eindruck nur eine blasse Kopie des Textes. Es ist ja auch schwierig, ein so beliebtes Buch zu verfilmen. Das Publikum wäre sicherlich enttäuscht, wenn man sich zu weit von der Vorlage entfernen würde. Und gerade bei Autobiografien kann es schnell anmaßend sein, die Realität anders darzustellen.
Trotzdem stellt sich noch eine letzte Frage, an Publikum sowie Regisseur: Kann ein Film wirklich nur so gut sein wie sein literarisches Vorbild – oder geht da nicht noch mehr?