Die Strandsaison hat begonnen. Und genauso wie ein Beach-Body einfach ein Körper am Strand sein sollte, ungeachtet der Figur, sollte die Strandlektüre einfach ein Buch sein, das man am Strand liest, ungeachtet des Genres. Es muss nicht leicht sein, es kann auch schwere Themen behandeln. Es gibt keine Verpflichtung dazu, Romance Novels oder Lokalkrimis zu lesen, während man die Füße in den Sand steckt, auch wenn so manche Buchhandlung am Meer vor allem solche Werke in der Auslage präsentiert.
Der Roman Paradise Beach von Dara Brexendorf trägt den Strand schon mal im Namen. Paradise Beach – so heißt in dieser Geschichte die lokale Pommesbude. Fritten essen, trotz Blaualgengefahr schwimmen gehen, in der Sonne brutzeln: Ada erinnert sich zurück an einen Ostseesommer vor 15 Jahren, den sie wie jedes Jahr mit ihrer Cousine verbracht hat:
Sie begutachten den Strand, als seien sie seine persönlichen Rangerinnen und kennen die Leute, die täglich kommen, und sich im Laufe des Tages an ihrem Strandabschnitt platzieren: Die Backgammon spielenden Männer mit Fischerhüten. Die älteren Paare, die sich täglich gemeinsam an den Strand begeben, um ihren Schwimmroutinen nachzugehen. […] Sie teilen die Leute in Kategorien ein: Leute aus der Stadt, Leute, die Urlaub machen, Einheimische.
Ada und ihre ältere Cousine Lill gehören zu den Einheimischen. Sie sind unzertrennlich, bis Elja auftaucht, eine der Leute, die Urlaub machen. Nicht nur diese Begegnung verändert alles für Ada: Das Bluten passiert nicht einfach. Es ist etwas, das ihr passiert. Wie ein großes Unglück, das sie nicht verarbeiten kann.
Mitten hinein in die Trägheit dieses heißen Sommers kommt Adas erste Periode. Die Menarche. Was sie damals noch nicht begreift: Die Schmerzen, die sie irgendwie aushält, indem sie ihren Körper, wie sie sagt, „ausstellt“, sind nicht normal. Die Endometriose-Erzählung, für die das Buch von der dazugehörigen Community gefeiert wird (denn die weit verbreitete Krankheit wurde bislang nur selten literarisch beschrieben), bildet den Rahmen der Geschichte.
In dem Sommer 15 Jahre nach ihrer ersten Periode erlebt die inzwischen erwachsene Ada ihre letzte Periode. Die Menopause zur Menarche. Denn nach ihrer Endometriose-OP wird sie nicht mehr bluten. Medikamente, Gedanken und Geräusche halten Ada wach.
Schmerzen am Strand
Die alten Fotos, das Schmerzgedächtnis, der heiße Sommer, sie alle führen Ada in die Vergangenheit, in diesen Sommer, in dem so vieles begann. Im Mittelpunkt steht damals wie heute der Körper. Der Strand ist gar nicht so paradiesisch, wenn sich fast das gesamte Leben dort abspielt. Er ist ein Ort, an dem Ada so starke Schmerzen empfindet wie noch nie zuvor; ein Ort, an dem ihr Körper beäugt und kommentiert wird. In diesem Sommer entwickelt sie auch einen neuen Blick auf ihn, weniger wohlwollend, wertender als zuvor:
Wie viel Zeit sie damit verbringen, sich auf den Strand vorzubereiten. Abends liegen sie auf Lills Bett, schieben die Haut zusammen und entdecken erschrocken die Dellen, vor denen die Zeitschriften warnen. Die kleinen Vertiefungen nehmen die Beine in Beschlag. Sie betrachten die Dellen, als sei ihre Existenz von ihnen abhängig.
Leise Erzählung über laute Themen
Strandlektüre muss nicht leicht sein. Sie kann Krankheit und kaputte Körperbilder behandeln. Aber es schadet nicht, wenn sie zugänglich ist. Das ist Paradise Beach allein schon durch den Bezug zum Strand und zum heißen Sommer. Aber auch weil Dara Brexendorf die Geschichte von Ada ruhig und langsam erzählt. Bedacht.
Was jugendliche Mädchen erleben, ist häufig drastisch. Fast parallel zur Bucherscheinung kam die Serie The Testaments: Die Zeuginnen heraus, die auf dem gleichnamigen Roman von Margaret Atwood beruht. Eine Fortsetzung von The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd, die gleiche dystopische Welt, in der Frauen auf ihre Gebärfähigkeit reduziert werden, in der ihre Periode den Aufstieg bedeutet und die Heiratsfähigkeit bestimmt. Eine schnell erzählte Serie voller Spannung, ein page turner sozusagen.
Paradise Beach hingegen ist ruhig. Obwohl die Themen danach schreien, in die Welt gebracht zu werden, nähert sich Dara Brexendorf ihnen vorsichtig an. Tagelang passiert scheinbar nichts. Ada liegt und denkt. In diese Ruhe schlägt dann jedes Wort, jede Aktion wirkungsvoll ein.
Diese Ruhe lädt einen auch dazu ein, das Buch ganz bewusst zu lesen, die Seiten nicht zu schnell umzublättern. Ich stelle mir vor, wie ich es noch einmal lese, dieses Mal am Strand, und es zwischendurch kurz weglege, um auf das Meer zu schauen und mir bewusst zu werden, dass ich selbst auch nur ein Körper unter vielen anderen bin, die alle Schmerzen erlitten haben, die alle unperfekt sind. Und um dann weiterzulesen, wie Ada lernt, damit umzugehen.

von Dara Brexendorf
Frankfurt am Main: Eichborn Verlag
22 Euro, 256 Seiten
ISBN 978-3-8479-0237-9