Eutins Festspiel-Familie kämpft um die Zukunft der Oper am See

Teilen

Im Anschluss an die Vorstellung des CLASSICAL BEAT Sommerfestivals äußerten sich zahlreiche Beteiligte, Künstlerinnen und Künstler, Vertreter des Festspielchores sowie Kulturverantwortliche zur Zukunft der Eutiner Festspiele. Die folgenden, leicht gekürzten Statements zeigen, wie groß die emotionale Verbundenheit mit der traditionsreichen Opernbühne am See ist – aber auch, welche Erwartungen, Sorgen und Hoffnungen mit dem Neustart verbunden werden.

Karl-Winfried Bode, Sprecher des Chors der Eutiner Festspiele

„Ich halte die auf einer Sondersitzung der Eutiner Ratsversammlung getroffene Entscheidung für falsch – auch fachlich kann ich sie nicht nachvollziehen. Im vergangenen Jahr kamen fast 20.000 Besucherinnen und Besucher zu den Opernaufführungen nach Eutin. Davon profitieren nicht nur die Festspiele selbst, sondern auch Hotels, Gastronomie und die gesamte Region.

Die entscheidende Frage ist für mich: Was zieht künftig die Menschen aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Kiel oder Flensburg nach Eutin, wenn die Oper als prägender Bestandteil der Festspiele wegfällt? Viele Konzertformate gibt es bereits an anderen Orten. Die besondere Identität der Eutiner Festspiele lag immer im Musiktheater unter freiem Himmel. Ich habe Zweifel, ob sich dieser Verlust langfristig kompensieren lässt.

Besonders traurig macht mich aber etwas anderes: Dass bislang kein offizielles Wort aus dem Rathaus oder Stadtrat des Dankes an den Festspielchor gerichtet wurde. Der Chor ist die Keimzelle der Eutiner Festspiele. Viele Mitglieder investieren seit Jahrzehnten einen großen Teil ihrer Freizeit, nehmen Urlaub, finanzieren Unterkünfte selbst und verzichten in den Sommermonaten auf eigene Ferien, um hier mitwirken zu können.

Deshalb hätte ich mir zumindest ein Zeichen der Wertschätzung gewünscht. Nicht öffentlichkeitswirksam, sondern einfach menschlich und respektvoll. Gerade bei einem Projekt, das so stark vom ehrenamtlichen Engagement und von persönlicher Leidenschaft getragen wird, gehört ein solches Dankeschön für mich zum Stil.“

Kirchenmusikdirektor Henrich Schwerk aus Plön

„Die Musik in der Fläche liegt mir sehr am Herzen – nicht nur die Kirchenmusik, sondern die Musik insgesamt. Die Eutiner Festspiele sind für unser Land ein kultureller Edelstein. Wir profitieren davon als Publikum und freuen uns, dass es dieses Angebot gibt.

Deshalb ist es uns wichtig, die Festspiele zu unterstützen. Unsere Kantorei besteht nach wie vor, ist gut aufgestellt und hat große Lust, sich einzubringen. Wir freuen uns, mit unseren Chorsängerinnen und Chorsängern den Festspielchor unterstützen zu können und gemeinsam dazu beizutragen, dass etwas Schönes entsteht.“

Christina Struy, Mitglied des Eutiner Festspielchores

„Der Eutiner Festspielchor freut sich sehr über die Zusammenarbeit. Aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit können am 5. Juni nur 16 Chormitglieder mitwirken. Gern wären alle dabei gewesen.

Für viele von uns sind die Eutiner Festspiele seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil des Sommers. Einige Chormitglieder sind seit 1991 dabei. Wir verstehen uns nicht nur als Mitwirkende, sondern auch als Vertreterinnen und Vertreter der Stadt. Die Festspiele sind ein Aushängeschild Eutins.

Gleichzeitig gibt es Sorgen. Aus unserer Sicht hätte früher reagiert werden können, denn die Probleme waren bekannt. Es gab Unterstützungsangebote, sowohl wirtschaftlich als auch künstlerisch. Umso wichtiger ist jetzt, dass die Oper als Kern der Eutiner Festspiele erhalten bleibt. Eutin ist Oper – und die Festspiele dürfen dieses Profil nicht verlieren.“

Hilary Griffiths, langjähriger musikalischer Leiter und Dirigent der Eutiner Festspiele

„Die Eutiner Festspiele brauchen vor allem eines: eine klare künstlerische Vision. Organisation und Finanzierung sind wichtig, aber ein Festival kann nur bestehen, wenn das künstlerische Ziel im Mittelpunkt steht. Sobald das musikalische Niveau und das Profil aus dem Blick geraten, verliert ein Festival seine Existenzberechtigung. Das habe ich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder erlebt.

Seit 1991 bin ich mit Eutin verbunden, und für mich besitzt dieser Ort etwas Einmaliges. Es gibt hier zwei große Besonderheiten: die Tradition um Carl Maria von Weber und diese außergewöhnliche Naturakustik. Die Bühne am See ermöglicht Oper unter freiem Himmel ohne technische Verstärkung. Das ist heute eine Seltenheit und ein großer künstlerischer Schatz.

Gerade diese natürliche Akustik schafft ein besonderes Erlebnis zwischen Musik, Landschaft und Atmosphäre. Deshalb kommen die Menschen immer wieder nach Eutin zurück. Diese Verbindung aus Naturbühne, Oper und Klangqualität macht die Festspiele unverwechselbar.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Künstlerinnen und Künstler, Chor, Dirigenten, Regieteams und Verantwortliche gemeinsam eine neue Vision entwickeln. Ein Festival lebt nicht allein von Verwaltung und Organisation, sondern von Begeisterung, Identität und einem klaren künstlerischen Profil. Genau darin liegt die Chance für Eutin.“

Dr. Ludger Iske, Musiker, Arzt und Wahl-Eutiner

„Ich verstehe mich als örtliche Kraft und überzeugter Wahl-Eutiner. Seit rund 40 Jahren lebe ich hier, bin musikalisch mit der Stadt verbunden und trete seit vielen Jahren regelmäßig in Eutin auf – unter anderem mit der Reihe ‚Lieder vom Reisen und Bleiben‘ in der Landesbibliothek sowie bei verschiedenen Konzerten im kulturellen Leben der Stadt.

Mit meiner Band ‚Iske und 100 Meter Glück‘ möchten wir ein Programm präsentieren, das Carl Maria von Weber ebenso aufgreift wie moderne musikalische Adaptionen und eigene Stücke. Musiktheater und Kultur gehören für mich ganz wesentlich zur Identität Eutins.

Als Arzt sehe ich darüber hinaus auch die gesundheitliche Bedeutung solcher Veranstaltungen. Kultur, Musik und gemeinschaftliche Erlebnisse sind weit mehr als Freizeitangebote. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur seelischen, geistigen und körperlichen Gesundheit. Wer Zeit an der frischen Luft verbringt, Musik erlebt und sich kulturell anregen lässt, stärkt Konzentration, emotionale Stabilität und soziale Verbundenheit.

Gerade Oper und Musiktheater wirken dabei auf besondere Weise: Sie sprechen Emotion, Verstand und Sinne gleichzeitig an. Diese harmonisierende Wirkung auf den Menschen ist aus medizinischer Sicht nicht zu unterschätzen. Gemeinsame kulturelle Erlebnisse schaffen Orientierung, Verlässlichkeit und Zugehörigkeit – Faktoren, die für die psychische Gesundheit und das gesellschaftliche Miteinander enorm wichtig sind.

Deshalb verstehe ich den Erhalt der Eutiner Festspiele auch als eine Form kultureller Prävention und Gesundheitsvorsorge. Kultur bringt Menschen aus der Isolation des digitalen Alltags zurück in den direkten Kontakt mit Natur, Musik und anderen Menschen. Oder, wie ich es in einem meiner Lieder formuliere: ‚Ich bin kein Roboter, kein Avatar, ich bin ein Mensch mit Haut, Herz und Haar.‘ Genau darum geht es.“

Anja Sierks-Pfaff, Geschäftsführerin Kulturstiftungen Ostholstein

„Die Kulturstiftung Ostholstein versteht sich nicht nur als Förderinstitution, sondern auch als aktive Trägerin wichtiger Kultur- und Bildungseinrichtungen in der Region. Dazu gehören unter anderem das Ostholstein-Museum, die Kreisbibliothek, die Kreismusikschule sowie die Eutiner Landesbibliothek. Unser Ziel ist es, kulturelle Angebote langfristig zu stärken und für die Menschen in Ostholstein sichtbar und erlebbar zu machen.

Deshalb unterstützen wir sehr gern die Kinder- und Jugendprojekte der Stiftung Neue Musikimpulse. Gerade die Verbindung aus klassischer Kultur, musikalischer Bildung und modernen Themen wie Künstlicher Intelligenz eröffnet neue Zugänge für junge Menschen und entspricht ausdrücklich unserem Förderauftrag.

Kultur ist dabei nicht nur ein ideeller Wert, sondern auch ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor für Eutin und die gesamte Region. Veranstaltungen wie die Eutiner Festspiele ziehen Besucherinnen und Besucher an, stärken Gastronomie, Hotellerie und den Einzelhandel und tragen wesentlich zur touristischen Attraktivität bei.

Besonders wichtig ist aus unserer Sicht, dass die erreichte Qualität der Festspiele erhalten bleibt. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Verbindung aus Oper, Musiktheater und der außergewöhnlichen Spielstätte in Eutin hervorragend funktioniert. Viele Gäste, die ursprünglich wegen eines Musicals gekommen sind, haben anschließend auch die Oper für sich entdeckt – gerade weil die Atmosphäre und die Qualität des Ortes so besonders sind.

Deshalb unterstützen wir ausdrücklich den Ansatz, Tradition und neue Formate miteinander zu verbinden. Die Kombination aus Oper, klassischem Musiktheater, Jugendprojekten und modernen Elementen wie KI-gestützten Kulturformaten kann dazu beitragen, neue Zielgruppen zu erreichen und gleichzeitig die kulturelle Identität Eutins zu bewahren.“

Dr. Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals

„Die Eutiner Festspiele sind ein Schatz für Eutin, für Ostholstein und für Schleswig-Holstein. Als ich von der Absage der 75. Saison erfahren habe, war mir sofort klar: Diese Festspiele dürfen nicht dauerhaft in Krisenschlagzeilen geraten. Sie brauchen verlässliche Strukturen, künstlerische Energie und eine langfristige Perspektive.

Das Schleswig-Holstein Musik Festival kommt nicht nach Eutin, um die Festspiele zu übernehmen oder ihre Identität auszulöschen. Die Eutiner Festspiele bleiben die Eutiner Festspiele mit ihrem Namen, ihrem Logo und ihrer Geschichte. Unsere Aufgabe ist es, im Hintergrund Stabilität zu schaffen: organisatorisch, finanziell und programmatisch.

Dabei kann Eutin von einem Modell profitieren, das wir bereits kennen: So wie Nils Landgren JazzBaltica geprägt und zu seiner Bühne gemacht hat, braucht auch Eutin eine starke künstlerische Persönlichkeit und ein klares Profil. Nicht als Fremdkörper, sondern als Motor für Entwicklung, Qualität und Wiedererkennbarkeit.

Eutin war nie ein abgeschotteter Hochkulturtempel. Hier ging es immer um zugängliches Musiktheater: um Oper, Operette, Musical und große musikalische Erlebnisse unter freiem Himmel. Diese Tradition wollen wir fortführen und zugleich erneuern.

Das gelingt nur gemeinsam. Mit den Kräften vor Ort, mit dem Chor, mit den engagierten Menschen in Eutin und mit einem Publikum, das wieder Vertrauen fasst. Kritik ist willkommen, aber wir brauchen auch Mut zur Veränderung. Wenn in den kommenden Jahren die Ränge wieder voll sind und Menschen aus ganz Norddeutschland nach Eutin kommen, dann haben wir gemeinsam viel erreicht.“

Monika Magiera, Vorsitzende des Fördervereins der Eutiner Festspiele

„Im Förderverein der Eutiner Festspiele herrscht derzeit durchaus Verunsicherung. Viele Mitglieder fragen sich, wie es mit den Festspielen und auch mit der Rolle des Fördervereins künftig weitergeht. Diese Fragen nehmen wir sehr ernst.

Deshalb wird es zeitnah Gespräche mit Dr. Christian Kuhnt geben, um zu klären, wie die Zusammenarbeit aussehen kann und welche Perspektiven sich für den Förderverein ergeben. Uns ist wichtig, zunächst Antworten und belastbare Informationen zu erhalten, bevor vorschnelle öffentliche Bewertungen vorgenommen werden.

Kritisch sehen viele Mitglieder vor allem die bisherige Kommunikation rund um die Entscheidungen der vergangenen Monate. Aus unserer Sicht hat ein transparenter Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern sowie mit den engagierten Unterstützern der Festspiele nicht ausreichend stattgefunden. Gerade bei einem kulturellen Projekt, das so stark vom ehrenamtlichen Engagement und der Identifikation vieler Menschen getragen wird, ist Kommunikation von zentraler Bedeutung.

Der Förderverein wird sich weiterhin konstruktiv einbringen. Denn trotz aller offenen Fragen verbindet uns das gemeinsame Ziel, die Eutiner Festspiele als bedeutenden kulturellen Standort für die Region zu erhalten und weiterzuentwickeln.“

1 Kommentar

  1. Ich möchte mich bei den „Machern“ des Kulturkanals für diese Zusammenstellung bedanken! Wird hier doch deutlich, welch große Bedeutung die Festspiele für Eutin und seine Bürger haben. Die Erfolge der vergangenen Jahre waren nur durch das überragende ehrenamtliche Engagement angefangen bei Falk Herzog bis hin zum Chor, dem Förderverein und vielen anderen möglich. Dies muss gewürdigt und unterstützt werden. Eine gute Zusammenarbeit zwischen dem SHMF und diesem Engagement vor Ort könnte eine gute Basis für die Zukunft sein. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Stadtvertreter ihre Berichterstattung lesen und sich zu Herzen nehmen!

Neueste Artikel

Neueste Artikel