„In diesen Minuten, bevor es auf Konzerten losgeht, bei den ersten Tönen, da kriege ich immer noch Gänsehaut“, erzählt Gunnar Astrup bei einem Kaffee in der Flensburger Norderstraße. Heute schaut er als Veranstalter der Flensburger Hofkultur und schrecklich gerne als Konzertbesucher auf diese Momente.
Die andere Seite – mit Lampenfieber und im Rampenlicht – durfte er in jungen Jahren und mit vier Freunden durchleben: als Keyboarder von ECHT. Als die Flensburger Band Anfang 1998 durchstartete, war Gunnar (*1982) noch keine 16 Jahre alt. Seitdem ist der Musikbetrieb sein berufliches Zuhause geblieben, gewechselt hat er die Position. Denn viel lieber agiert er hinter den Kulissen: „Ich hab´ nie gerne im Rampenlicht gestanden. Zu ECHT-Zeiten mussten immer Kim oder Flo nach vorn. Heute ist das okay für mich, wenn ich jedes unserer Hofkultur-Konzerte auf den Bühnen anmoderiere“, sagt er in ruhigem Ton.

Hinter den Kulissen 1: Radio
Das Moderieren und Gestalten von Programmen lernte und professionalisierte Gunnar Astrup beim Radio. Für ihn sei nach der Bandzeit, die 2002 endete, klar gewesen: „Ich will zum Radio, in den Journalismus.“ Sein Plan ging auf, auch ohne Abitur. Denn das hatten die fünf Flensburger Jungs für die Musikkarriere sausen lassen. Seine nächste Station wurde Radio Hamburg – erst machte er ein Praktikum, dann ein klassisches Volontariat. In Summe war er 15 Jahre lang bei vier verschiedenen Hamburger Sendern, erst als Redakteur, später als Musikchef und Programmleiter. „Bei Radio Hamburg ging´s um Marktforschung und Mainstream, bei 917XFM ums Gegenteil“, umschreibt Gunnar die Bandbreite. Während er sich als Künstler lieber aus Interviews raushielt – das übernahmen ja auch Kim und Flo -, war er nun derjenige, der die Fragen stellte. Er interviewte unter anderem Sting, Elton John oder auch den Simply Red-Sänger Mick Hucknall, „der nach einer Feier nicht ganz so viel Bock aufs Interview hatte. Und ich? Ich war so´n junger Typ“, erinnert er sich mit einem leisen Lachen und schaut nach oben, als wenn dort seine Erinnerungen hängen.

„Auf Partys sitze ich manchmal auch nur zuhörend daneben, aber mit Menschen kann ich schon gut schnacken. Beim Radio musste ich genau das: mit Menschen reden“, sagt er dann, wieder in seinem ruhigen Ton. Als zurückhaltend galt Gunnar schon zu ECHT-Zeiten. Trotz aller Zurückhaltung, oder gerade deswegen, wirkt er so zugewandt, so aufmerksam. Beides hilft ihm enorm in seinem jetzigen Job als Geschäftsführer und Programmgestalter des Vereins Flensburger Hofkultur.
Hinter den Kulissen 2: Flensburger Hofkultur
Kommunikation und Kooperation gehören bei der Flensburger Hofkultur zu Gunnars Kerngeschäft. Die Liste der Leute, mit denen er das gut vierwöchige Sommer-Festival, auf die Beine stellt, ist lang: Vorstand und Ehrenamtliche, Bands und Agenturen, Partner und Sponsoren, Hofbetreiber, Zulieferer und Behörden. Gunnar muss in alle Richtungen netzwerken „und das funktioniert in Flensburg“!
Die Stadt ist nicht so groß, die Wege nicht weit und die Drähte sind direkt. „Einmal haben wir ein Konzert kurzerhand ins Max verlegt wegen einer Unwetterwarnung. Dieses Jahr bündeln wir unsere Kräfte mit der Norder147 und veranstalten eine gemeinsame Silent Disco.“

Das Büro teilt Gunnar mit Verena Andel und Gerri Christiansen vom folkBALTICA-Festival. Untereinander haben die drei einen besonderen Austausch, teilen Ideen und Equipment. Mitunter machen Gunnar und Gerri miteinander Musik. „Dass wir vieles zusammen machen, bedeutet keineswegs Konkurrenz, sondern Synergie, die wir gewinnen“, ist Gunnar sich sicher. Das geht in Flensburg.
Ohne Ehrenamt undenkbar: 23 Events in 13 Höfen
In diesem Jahr stehen 23 Veranstaltungen in 13 verschiedenen historischen Kaufmannshöfen auf dem Programm (24. Juli bis 28. August 2026). Für Gunnar ist es die fünfte Flensburger Hofkultur, die er verantwortet. Für die Hofkultur, die 1995 ins Leben gerufen wurde, ist Gunnar der erste hauptamtliche Geschäftsführer des Vereins: „Ich durfte hier 2022 ein großes Erbe antreten und hatte echt Respekt davor.“

Rund 20 sehr engagierte Vereinsmitglieder packen beim Festival mit an, organisieren den Einlass, übernehmen Fahrdienste sowie Künstlerbetreuung, schleppen und rücken Stühle. Gunnar weiß: „Ohne das starke Ehrenamt wäre die Hofkultur undenkbar! Durch unsere andersartige Struktur mit vielen Terminen und verschiedenen Höfen ist unser Bedarf an Ehrenamt ziemlich groß, aber wir sind stark aufgestellt und kriegen es gemeinsam hin!“ Einen aktiven Part im Verein übernimmt auch Gunnars Familie: Seine Eltern sind Teil des Teams und auch seine Frau Julia und die drei Kinder helfen mit, seine Schwester kommt als begeisterte Besucherin.
An der Vereinsstruktur mag Gunnar das Verbindende: „Hier kommen Menschen zusammen, die sich sonst eher nicht begegnen würden. Sie alle haben unterschiedliche Bedürfnisse und wirken an der gemeinsamen Sache. Darauf einzugehen macht den Job so spannend!“ Besonders eng arbeitet er mit dem Vereinsvorstand zusammen.

Dazu gehören Vicky Richter, Joachim Pohl und auch der Hofkultur-Erfinder Thomas Frahm, der die Hofkultur im städtischen Kulturbüro konzipierte und mitbegründete (sowie übrigens auch das Flensburger Volksbad) und, bis Gunnar kam, die Organisation des Festivals federführend steuerte. Einmal im Monat treffen sie sich zum „Jour fixe“, einmal im Jahr geht es gemeinsam zur Internationalen Kulturbörse Freiburg, um neue Trends und Acts zu erkunden. Dort haben sie zum Beispiel ihren diesjährigen Opener – das Fünf-Nationen-Sextett – AYOM ausfindig gemacht und auch eine neue Ticketsoftware entdeckt durch die sie allerhand Gebühren einsparen.
„Live-Musik ist einfach die schönste Form, Musik zu erleben!“
Recherchieren, Nachjustieren, Optimieren – auch das gehört zu Gunnars Kernaufgaben. Die Bandrecherche betrachtet Gunnar dabei als halbberuflich und halbprivat. „Live-Musik ist einfach die schönste Form, Musik zu erleben!“ Bei der Hofkultur darf der konzertbegeisterte Musiker solche Erlebnisse für das Publikum und den Verein schaffen. Für die Programmplanung nimmt er sich grundsätzlich sehr, sehr viel Zeit. Sein Anspruch: „Ich muss dahinterstehen und überzeugt sein.“ Für diese Momente, „wenn man selbst geflasht ist vom Live-Auftritt“ begibt er sich gerne auf die Suche, „denn die sind und bleiben toll!“
Neue Kapazitäten, neue Kompetenzen
Fürs Nachjustieren und Optimieren hat der Verein mit Gunnar und seiner hauptamtlichen Position als Geschäftsführer neue Kapazitäten und Kompetenzen gewonnen. „Zu tun gibt es das ganze Jahr über genug! Festivalarbeit ist ganzjährig“, weiß Gunnar, der den Musikbetrieb seit 1995 aus unterschiedlichen Perspektiven bespielt. Ohnehin sei die Bandzeit „in ihrer erschlagenden Intensität“ sehr prägend für jede seiner beruflichen Stationen gewesen.
„Wir haben immer viel selbst gemacht, haben uns schon als Teenies krass mit Marketingthemen befasst, probierten uns aus und bekamen unmittelbar und ungeschönt die Wirkung von Kommunikation zu spüren.“
Passend dazu war die Neugestaltung des Designs eine seiner ersten großen Aktionen bei der Hofkultur. Gunnar hatte einen Plan: Er initiierte eine Kooperation mit der Flensburger Hochschule. Konzeption und Kreation eines neuen Erscheinungsbilds landeten auf der Agenda des Semesterkurses „Brand Design“. Die Hofkultur erhielt eine optische Verjüngungskur. Das Ergebnis betrachtend, sagte ein Studi damals „es wirkt so perfekt unperfekt“, erinnert sich Gunnar.

„Damit traf er genau den Nerv des Festivals, genau das macht die Hofkultur auch aus. Wir müssen immer improvisieren“ und meint damit die Tatsachen, dass immer Open Air gespielt und in ständig wechselnden Höfen, die an und für sich nicht für Events gemacht sind. Aufwändig ist es, die Höfe zu Spielstätten umzufunktionieren. Gunnar macht daraus kein großes Ding. Er macht es einfach.
Blick nach vorne und in die Heimat
Überhaupt macht er seinen Job mit Gelassenheit und Freude und offenbar gut: 2025 hatte das Festival eine Auslastung von rund 95 Prozent. „Ich habe immer Jobs gemacht, die mir sehr großen Spaß gemacht haben. Immer so lange bis ich das Gefühl hatte, die Geschichte ist jetzt für mich auserzählt. Hofkultur kann ich mir heute noch lange vorstellen“, sagt Gunnar als der Kaffee ausgetrunken ist.
Auch beim heutigen Sonnenschein pustet der Wind ordentlich durch die Norderstraße. Gunnar steht mit zersausten Haaren und den Händen in der Hoodie-Jacke vor mir. Gleich fährt er mit dem Rad nach Hause zu seiner Familie. „Ich kann mir nicht mehr vorstellen, irgendwo anders zu wohnen“, sagt er und schließt noch einen Satz zur norddeutschen Mentalität an: „Wir sind gar nicht so trocken, wir sind auch herzlich.“ Echt eben.
→ zur Webseite der Flensburger Hofkultur: flensburger-hofkultur.de
→ zur öffentlichen Spotify-Playlist „Flensburger Hofkultur 2026“
Als „Bonustrack“: Ausschnitte aus ECHT-Zeiten

„Sie waren Teenie-Stars, Bravo-Lieblinge, VIVA-Dauergäste – aber vor allem: gute Musiker und Freunde.“
Daniel Koch, DIFFUS: Kim Frank reagiert auf Musikvideos von Echt, 22. November 2023
„Und prompt ändert sich alles, nur viel früher. Die Single [Alles wird sich ändern, 1998] schlägt in den Redaktionen von Viva, Bravo und Konsorten voll ein. Fünf schnuckelige 15- bis 17-Jährige, die ihre Instrumente beherrschen und einen genial gestrickten Ohrwurm abliefern, lassen all die üblichen Teenie-Pop-Klone gehörig alt aussehen.“
laut.de-Biographie: Echt
„Echt sind, auch wenn sie es nicht sein wollen, die einzige echte deutsche Boyband.“
Thomas Winkler, taz: Der Milchbart ist ab, 19. Oktober 2002

„Scheiß beiseite – „Freischwimmer“ ist eine Ladung guter deutscher Musik einer beachtlichen deutschen Band, die uns hoffentlich bis mindestens 2010 erhalten bleibt.“
Gurly Schmidt, laut.de-Kritik: Musikalisches Reifezeugnis: toller Pop, entzückende Balladen und kräftiger Rock, 27. September 1999

→ zum Archiv der ehemaligen Deutschpop-Band: echtonline.de
→ zur dreiteiligen Dokumentation ECHT – Unsere Jugend: ardmediathek.de
Die Reihe Mensch, Musik! erscheint in Kooperation mit dem Landesmusikrat Schleswig-Holstein. Alle Portraits der wachsenden Reihe sind → hier zu finden.
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