Der Philosoph, Schriftsteller, Nobelpreisträger und für alle Seiten unbequeme Denker Albert Camus hat viele kluge Gedanken aufgeschrieben, die heute noch zu lesen lohnen. Für ihn bedeutet Kultur, „den Geist hochzuhalten“. Das ist eine bemerkenswerte Äußerung in einer Zeit wie heute, da der Antiintellektualismus um sich greift.
Antiintellektualismus bezeichnet die feindliche oder verachtende Haltung gegenüber Intellekt, Bildung und Wissenschaft. Er äußert sich im Misstrauen gegenüber Expertinnen und Experten, der Betonung von „gesundem Menschenverstand“ gegenüber Fachwissen sowie der Delegitimierung von Institutionen wie Universitäten, Bildungseinrichtungen und, ja, auch der kulturellen Infrastruktur. Hier geht es uns was an.
Der Begriff wurde maßgeblich von dem amerikanischen Historiker Richard Hofstadter geprägt und bezeichnet keine berechtigte Institutionenkritik, sondern die Ablehnung von Rationalität und Expertise als solcher. Ein Blick in die Debattenzeilen im Internet zeigt deutlich, wie hoffähig der Antiintellektualismus heute geworden ist. Umso schwieriger wird für die Kultureinrichtungen die Aufgabe, wie Camus sagt, den Geist hochzuhalten!
Was bedeutet das konkret? Es heißt, mit Differenzierungen zu leben und sich dem Schwarz-weiß-Denken zu widersetzen. Nochmals Albert Camus: „Wir müssen […] bestrebt sein, die Kritik nie in Beleidigung ausarten zu lassen, wir müssen als möglich annehmen, dass unsere Gegner recht haben oder zumindest, dass auch ihre schlechten Gründe uneigennützig sein können. […] Was bedeutet das, genau besehen? Es heißt, dass wir den Geist bewahren müssen.“
Den Geist der Nuance – wie Roland Barthes es nennt – zu bewahren, heißt aufzustehen gegen jene, die alles vereinfachen wollen, die allzu wohlfeile schnelle Lösungen bieten, für die die Welt und die Geschichte homogen ist. Es bedeutet ebenso, auf Wahrheiten hinzuweisen und sich nicht dem allgemeinen Ondit zu ergeben. Nach Camus hat jede Intellektuelle und jeder Intellektuelle „die Pflicht, zu sagen, dass der König nackt ist, wenn er es tatsächlich ist, und sich nicht in begeisterten Beschreibungen seiner eingebildeten Gewänder zu ergehen.“
Es ist unsere Aufgabe in Kulturinstitutionen, seien es Bibliotheken, Archive, Museen, Theater oder Volkshochschulen auf Vielfalt, Unterschiede und Brüche hinzuweisen. „Wohl kenne ich wie jedermann“, sagt Camus, „die Ausschweifungen des Geistes, wohl weiß ich wie jedermann, dass der Intellektuelle ein gefährliches, leicht zu Verrat neigendes Raubtier ist. Aber der Geist, um den es sich dabei handelt, ist nicht der richtige. Der Geist, den wir meinen, stützt sich auf den Mut ….“ Dieser Mut führt dazu, Gegensätze anzuhören, auszuhalten und fair auszudiskutieren.
Das alles hört sich schon sehr pastoral an und vielleicht es das in gewisser Weise auch. Aber es geht nicht um eine große Konsensmaschine, sondern um einen Prozess, der für die Demokratie lebensnotwendig ist.
Wir müssen unseren Mut beweisen, den Geist hochzuhalten. Denn, wenn der Geist erlischt, so Camus, „bricht die Nacht der Diktatur an.“ Wie das gehen soll? Durch Zusammenhalt und Zusammenarbeit. Jegliche Kollaboration ist ein Beitrag für unsere Demokratie. „Denn die Freundschaft ist die Kunst der freien Menschen. Und es gibt keine Freiheit ohne gegenseitiges Verständnis.“ Punkt.