Der Wahnsinn und die Wahnsinnigen

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Ein Blick in die Tagesschau, die Tageszeitung oder den Newsfeed genügt: Diese Welt scheint den Verstand verloren zu haben. Die Macht der Stärkeren ist zurück, und eine multilaterale Weltordnung, in der Gespräche und Diplomatie vorherrschen, scheint der Vergangenheit anzugehören. Politisch erfolgreich ist, wer vor allem an sich selbst denkt. Gleichzeitig nehmen andere Probleme zu. Wirtschaftssysteme funktionieren nicht mehr, und die drohende Klimakrise verschärft sich. Der Wahnsinn hat Methode, und das führt zu Verzweiflung. Aber seien wir ehrlich: Nicht, dass früher alles besser war. Dennoch haben wir den Eindruck, dass nicht nur Sicherheiten, sondern auch kulturelle Errungenschaften bröckeln.

Die Welt war nie weniger komplex. Krisen hat es immer gegeben, jedoch waren sie früher nicht so in sozialen Medien präsent und bis ins Detail diskutiert. Vor allem nicht in Windeseile verbreitet, analysiert und durch Podcasts besprochen. Sobald wir ein Thema verstanden haben, ist es in der Timeline verschwunden und das nächste ist an der Reihe.

Gleichwohl sollten wir uns nicht gleichgültig zeigen gegenüber der Frage, ob und wie die Welt zugrunde geht. Wir können dankbar sein, dass es Künstlerinnen und Künstler gibt, die genau hinschauen, uns wachrütteln und daran erinnern, was in Vergessenheit zu geraten droht. Das war schon immer so und bleibt auch heute wichtig. Deshalb ist es entscheidend, dass wir genau diesen ungewöhnlichen Blick und die damit verbundene Kunst wertschätzen.

„Die Erfindung der Künste verdanken wir den aus der Ordnung geratenen Phantasien; die Eigenart der Maler, Dichter und Musiker ist nur ein höflich gemäßigter Ausdruck, um ihren Wahnsinn zu bezeichnen.“ Dieser Satz stammt von Saint-Évremond, mit vollem Namen Charles de Marguetel de Saint-Denis, seigneur de Saint-Évremond, einem französischen Schriftsteller und Essayisten aus dem 17. Jahrhundert. Die Phantasien unterwefen sich nicht der herrschenden Ordnung, sondern gehen ihren eigenen ungewöhnlichen Weg. Den Wahnsinn mit Wahnsinn zu bekämpfen, das hätte auch Michel Foucault gefallen. Er vertrat die Ansicht, dass die Definition von Wahnsinn in der Gesellschaft ein Mittel zur Machtausübung sei. Je mehr echten Wahnsinn es gibt, desto mehr wahnsinnige Geister benötigen wir, die sich nicht im Strom der Gleichgültigkeit mitreißen lassen, sondern sich auseinandersetzen und widersetzen.

Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst – aber sie war es nie. Die Welt ist wahnsinnig, und wir brauchen genügend Wahnsinnige, um der Unklarheit entgegenzutreten. Mir ist der Wahnsinn der Künstlerinnen und Künstler lieber als der der Potentaten dieser Welt. Lassen wir uns darauf ein und unterstützen wir die Wahnsinnigen – damit der Wahnsinn uns nicht verschlingt.

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