Drogensüchtige, die Kröten ablecken, der Ku-Klux-Klan in Deutschland, Menschenschmuggler, die sich bei ihren Touren mit Geflüchteten im Kofferraum filmen lassen – in den 1990er Jahren lieferte ein Mann solche spektakulären Bilder: Michael Born. Es gab nur einen Haken: Die tollen Storys waren nicht echt. Die Filmemacher Erec Brehmer und Benjamin Rost haben nun eine Dokumentation über den Fälscher gedreht. Zur Schleswig-Holstein-Premiere von „Born to fake“ in Kiel reisten die Regisseure sowie Protagonistinnen des Films an. Mit auf der Bühne bei der anschließenden Publikums-Diskussion stand auch kulturkanal.sh-Mitbegründerin Esther Geißlinger.
Viele Sichtweisen auf ein Medien-Phänomen
Wer war Michael Born? Darauf haben alle, die Brehmer und Rost für ihren Film vor ihre Kamera holen konnten, einen eigenen Blick. Da ist die Schwester, die ihren Bruder, der 2019 im Alter von 60 Jahren starb, bis heute verteidigt. Der Freund, der Borns Kreativität schätzt. Der Journalist, der unter dem Betrug immer noch leidet, während ein früherer Kollege eine Mitschuld in der Redaktion sieht. Da ist die ehemalige Partnerin und Mitarbeiterin, die bei den schrägen Drehs dabei war. Und da ist die Medienwissenschaftlerin, die den Blick ins Heute richtet und erklärt, warum wir alle so gern an spektakuläre Bilder glauben wollen.

Michael Born, Jahrgang 1958, geriet eher zufällig in den Journalismus. Der Schiffsoffizier, der zeitweise auf einer Ostseefähre Dienst tat, reiste 1987 mit einem Freund, der aus dem Libanon stammte, nach Beirut. Er filmte dort den Alltag und das Kriegsgeschehen. Seine Bilder verkaufte er an das damals neue Privatfernsehen. Damit hatte er seine Berufung gefunden: Kriegsreporter.
Born traute sich an Orte, die sonst keiner aufsuchte
Born sei kein Profi gewesen, sagt im Film der Journalist Martin Lettmayer, der damals bei „Stern TV“ arbeitete. Günther Jauch moderierte das Format, das auf Boulevard-Stücke und Skandale setzte. Aber Born habe sich an Orte getraut, die sonst kein deutscher Journalist aufsuchte. Das machte ihn für Redaktionen wertvoll und schuf Vertrauen. Einige Jahre reiste Born um die Welt, von Krise zu Krise.
„Gekippt“ sei es in Bangladesch, erinnert sich Claudia Bern. Sie arbeitete damals mit Born zusammen, beide waren auch ein Paar. In Bangladesch filmten sie hungernde Menschen und das Elend der Flüchtlingslager. Leichen aber habe sie nie filmen wollen, sagt Bern. Doch genau das habe eine Redaktion verlangt. Am Ende mussten sie diese Bilder von einem US-Kollegen kaufen: „Das riss ein ordentliches Loch ins Budget“, erzählte Bern beim Gespräch nach der Filmaufführung in der Kieler Traum GmbH. Da europäisches und US-Fernsehen mit unterschiedlichen technischen Systemen arbeiteten, müsse die Redaktion gesehen haben, dass das Material nicht von Born stammte. Einen Unterschied habe das aber nicht gemacht.
Das war der Beginn der späteren „Karriere“ des Michael Born, die zum größten deutschen Medienskandal der 1990er Jahre führte. „Ergänzung wurde Rekonstruktion, aus Rekonstruktion wurde Inszenierung, aus Inszenierung systematische Fälschung“, heißt es in der Pressemappe zu „Born to fake“. Born habe reale Vorgänge mit gestellten Bildern unterfüttert und dies später damit gerechtfertigt, die zugrunde liegenden Sachverhalte seien real gewesen, nur eben nicht filmbar.
Echt gefälscht: die „Krötenlecker“

Allerdings gab es auch echte Erfindungen. Etwa der Bericht über die „Krötenlecker“. Eine angebliche neue Droge überschwemme Deutschland, hieß es später bei Stern TV. Die Haut einer exotischen Kröte erzeuge einen halluzinogenen Stoff, den Süchtige ablecken würden. Im Bericht taucht ein echter Experte auf, der diesen Stoff bestätigt, allerdings brauche es für eine Wirkung Aberhunderte Kröten. Diesen Nachsatz lässt Born aber weg. Dafür filmt er einen jungen Mann, der an einer Kröte leckt – ein bezahlter Komparse, wie sich später herausstellt.
„Er fand es so eklig, dass er erst eine Flasche Whisky trinken musste“, erzählt Borns Freund. Born bat einige Bekannte, in einer Zoohandlung anzurufen und nach dieser speziellen Kröte zu fragen. So sagt der Zoohändler später ganz authentisch vor der Kamera, er werde zurzeit von solchen Anfragen überrannt. Stern TV kaufte Borns Rohmaterial, genau wie die Aufnahmen über den Ku-Klux-Klan in Deutschland – die Kutten habe Borns Mutter genäht, inklusive Hakenkreuzfahnen, bei denen das Kreuz falschherum saß, berichten die Zeitzeug:innen.
Wie schuldig war die Medienbranche?
Die Fälschungen flogen auf, weil ein Stimmexperte feststellte, dass ein und derselbe Mann in mehreren Born-Filmen in verschiedenen Rollen auftauchte. Der Skandal war groß, und er traf die Medienbranche insgesamt. Hätte die Redaktion das nicht merken müssen? Wie mitschuldig war das Fernsehen, wie groß der Wunsch, um jeden Preis Quote zu machen?
Diese Frage sei heute umso wichtiger, sagte Esther Geißlinger, die als Vorstandsmitglied des Landesverbands Nord des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) zur Diskussion nach der Aufführung eingeladen war. „Heute hat jede:r mit dem Smartphone die Technik in der Hosentasche, um jederzeit Filme zu drehen.“ Oder zu fälschen: KI macht es möglich.

Sie widersprach der These, Born habe ja keinen Schaden angerichtet, die manche der Protagonist:innen des Dokumentarfilms vertraten. Für die Gesellschaft sei es wichtig, Nachrichten vertrauen zu können. Durch das Internet und Social-Media-Plattformen, über die sich viele Menschen informieren, sei dieses Vertrauen ohnehin erschüttert und aufgeweicht. Wenn Fälscher wie Born, Tom Kummer, der Interviews erfand, oder Claas Relotius, der sich ganze Spiegel-Reportagen ausdachte, in klassischen Medien Fake-Berichten unterbringen, sei das besonders schädlich.
Sechs Jahre Arbeit am Film – ein „wilder Ritt“
Für Erec Brehmer und Benjamin Rost sei die Arbeit an „Born to fake“ ein sechsjähriger „wilder Ritt“ gewesen, sagte Brehmer. Sie waren auf einen guten Freund von Born gestoßen, der Original-Filmmaterial besaß. Mit diesem Kasten voller Tapes begann die Recherche und beginnt auch der Dokumentarfilm, für den die beiden zahlreiche Weggefährten vor die Kamera holen konnten. Born selbst, der für seine Taten vier Jahre im Gefängnis saß, hielt sich bis zum Ende für unschuldig und hoffte darauf, seinen Fall wieder aufrollen zu können. Er wollte ein Theaterstück über sein Leben schreiben, das den Titel des jetzigen Dokumentarfilms tragen sollte: „Born to fake“.
„Born to fake“ ist im Traumkino der Traum GmbH in Kiel zu sehen, genaue Daten finden sich auf der Homepage.
Transparenzhinweis: Esther Geißlinger ist Vorstandsmitglied im DJV Nord und Mitbegründerin des kulturkanal.sh.