Es ist nur ein Brett. Aber im Museumsberg Flensburg trägt es eine Zahl, die größer kaum sein könnte: Inventarnummer 1.
Das Friesbrett aus dem 16. Jahrhundert ist ein Stück Eichenholz, geschnitzt, alt, handwerklich gearbeitet. Auf den ersten Blick ist es kein Objekt, vor dem man automatisch stehen bleibt wie vor einem großen Gemälde. Und doch steckt in ihm ziemlich genau die Idee, aus der dieses Museum entstanden ist.
Heinrich Sauermann, der erste Direktor des Museums, war kein klassischer Kunstgelehrter. Er kam aus dem Handwerk. Geboren 1842 in Flensburg, ausgebildet als Sattler und später erfolgreicher Möbelfabrikant, wurde er zu einer der prägenden Figuren des Historismus in Schleswig-Holstein. Seine Werkstatt fertigte ganze Räume, kunstvolle Möbel, repräsentative Interieurs. Auf Weltausstellungen in Chicago und Paris war Sauermann mit Musterräumen erfolgreich vertreten.
Der entscheidende Impuls kam 1867 in Wien. Dort sah Sauermann das neu eröffnete Museum für Angewandte Kunst. Es zeigte etwas, das damals noch keineswegs selbstverständlich war: Erzeugnisse anonymer Handwerker früherer Jahrhunderte wurden neben Werken berühmter Künstler ernst genommen. Für Sauermann war das offenbar eine Erweckung. Zurück in Flensburg reifte der Wunsch, auch hier eine solche Sammlung aufzubauen.
Das war mehr als Liebhaberei. Die Industrialisierung veränderte das Handwerk grundlegend. Fabriken produzierten schneller, günstiger, gleichförmiger. Sauermann sah darin auch einen Verlust: an Können, an Formgefühl, an Wissen um Material und Technik. Seine Sammlung sollte deshalb nicht nur bewahren, sondern lehren. Schüler sollten am Original lernen, wie frühere Generationen Holz bearbeitet, verziert, gefügt hatten. Aus diesem Gedanken heraus entstand in Flensburg die Fachschule für Kunsttischler; Sauermanns historische Möbelsammlung wurde zur Grundlage der Museumssammlung.
1876 – vor 150 Jahren – kaufte die Stadt Flensburg seine private Sammlung kunstgewerblicher Altertümer. Damit war der Grundstock des Kunstgewerbemuseums gelegt. 1903 zog die Sammlung in das eigens errichtete Museumsgebäude ein, das heutige Heinrich-Sauermann-Haus. Bis heute bildet es zusammen mit dem Hans-Christiansen-Haus den Museumsberg Flensburg – eines der größten Museen Schleswig-Holsteins, mit Kunst- und Kulturgeschichte des Landesteils Schleswig vom Mittelalter bis in die Gegenwart.
Das kleine Friesbrett erzählt also eine große Verschiebung: Ein Museum entsteht hier nicht zuerst aus dem Wunsch, Meisterwerke zu besitzen. Es entsteht aus der Sorge, dass eine Kulturtechnik verloren gehen könnte. Aus der Überzeugung, dass in einem alten Stück Holz Wissen steckt. Und aus dem Ehrgeiz, dieses Wissen weiterzugeben.
Inventarnummer 1 ist deshalb mehr als eine Verwaltungszahl. Sie ist ein Anfang. Man könnte auch sagen: ein Programm.
Alle Infos zur aktuellen Jubiläumsausstellung auf dem Museumsberg Flensburg finden Sie im Kulturkalender: