Vom Verschwinden des Unbequemen

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Man kann im Fußball verlieren, das gehört zu seinem Wesen. Es gibt Niederlagen, die eine Mannschaft größer erscheinen lassen als manche Siege, weil sie bis zur letzten Minute gegen das Unvermeidliche angerannt ist, bis zur kompletten Erschöpfung gekämpft hat und es gibt jene anderen Niederlagen, die weniger durch das Ergebnis verstören als durch die eigentümliche Geräuschlosigkeit, mit der sie sich vollziehen. Keine Wut, kein Aufbäumen, keine Kränkung, nur das stille Einverständnis mit dem, was ohnehin zu befürchten war.

Viel gesprochen, wenig gesagt

Genau darin liegt das eigentlich Bemerkenswerte des gegenwärtigen Fußballs: Nicht die Qualität seiner Spieler ist sein Problem, sondern die Qualität der eigenen Selbsttäuschung. Denn selten wurde über ein Spiel [WM-Sechzehntelfinale Deutschland – Paraguay am 29. Juni 2026] so viel gesprochen und gleichzeitig so wenig gesagt. Nach 120 Minuten nebst Elfmeterschießen, die kaum einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, beginnt zuverlässig jene merkwürdige Liturgie des modernen Fußballs, in der von „eigentlich guten Abläufen“, „positiven Ansätzen“, „kontrollierten Phasen“ und „viel Potenzial“ die Rede ist. Begriffe, die klingen, als seien sie weniger dem Sport als der Präsentation eines mittelmäßigen Quartalsberichts entnommen.

Man analysiert, ordnet ein, relativiert und erklärt, bis schließlich selbst die Niederlage ihren Stachel verloren hat und nur noch als Zwischenschritt eines Prozesses erscheint, dessen Vollendung zuverlässig auf den nächsten Lehrgang verschoben wird.

Fußball war nie ein besonders vernünftiges Spiel

Der Mannschaftssport lebte immer von jenen Momenten, in denen Vernunft an ihre Grenze stieß und etwas anderes die Regie übernahm: Eigensinn, Trotz, Stolz, manchmal bloß der schlichte Unwille, sich dem Offensichtlichen zu ergeben. Die großen Mannschaften der Vergangenheit waren keineswegs deshalb groß, weil sie ausschließlich über die besseren Fußballer verfügten. Oft besaßen andere die feinere Technik, die größere Eleganz, den schöneren Ballbesitz. Doch sie verfügten nicht über jene eigentümliche Beharrlichkeit, die aus einem Spiel mehr machte als die Addition gelungener Pässe. Es war diese Unbequemlichkeit, die Gegner zermürbte, lange bevor der Schiedsrichter die Partie beendete.

Wettstreit um den Ball auf dem Sportplatz in Kappeln, Foto: Uwe Lehmann

Heute scheint genau diese Eigenschaft verloren gegangen zu sein

Nicht, weil die Spieler weniger laufen oder schlechter ausgebildet sind. Im Gegenteil. Wahrscheinlich wurde noch nie präziser trainiert, noch nie akribischer analysiert, noch nie professioneller gearbeitet. Und doch bleibt nach vielen Spielen der Eindruck zurück, einer perfekt organisierten Ereignisverwaltung beigewohnt zu haben. Alles stimmt: die Laufwege, die Daten, die Belastungssteuerung, die Kommunikation. Nur jener kaum messbare Rest fehlt, aus dem gelegentlich Geschichte entsteht. Das aber ist die eigentliche Ironie eines Sports, der sich immer stärker vermessen lässt: Je genauer man alles berechnet, desto schwerer fällt es, jene Elemente überhaupt noch wahrzunehmen, die sich jeder Berechnung entziehen.

Zustand unserer Zeit

Stattdessen hält sich hartnäckig die Vorstellung, Talent sei bereits eine Form von Größe. Man verwechselt Möglichkeiten mit Wirklichkeit, technische Begabung mit Charakter und den Marktwert eines Spielers mit seiner Fähigkeit, eine Mannschaft durch schwierige Momente zu tragen oder besser noch zu führen. Zwischen beidem liegt jedoch ein Unterschied, der sich auf keiner Statistik findet. Größe zeigt sich selten im Gelingen, sie zeigt sich dort, wo das Gelingen ausbleibt.

Deshalb wirken viele Spiele heute merkwürdig folgenlos. Nicht weil sie bedeutungslos wären, sondern weil ihnen jede dramatische Schwerkraft abhanden gekommen ist. Niederlagen werden erklärt und zerredet, statt empfunden. Enttäuschungen moderiert, statt ausgehalten. Und irgendwann stellt sich jene Form der Gleichgültigkeit ein, die gefährlicher ist als jede Krise, weil sie nicht mehr provoziert, sondern lediglich bestätigt.

Aber das ist kein ausschließlich sportliches Phänomen. Der Fußball erzählt, wie so oft, etwas über den Zustand einer Zeit, die das Reibungslose höher schätzt als das Widerständige, die Optimierung für eine Tugend hält und Unbequemlichkeit vor allem als Störung wahrnimmt. Wo früher das Beharren auf dem Unwahrscheinlichen als Stärke galt, genügt heute oft schon die schlüssige Erklärung, warum es eben nicht gereicht hat.

Das Spiel allerdings…

Spiele werden nicht deshalb unvergesslich, weil ihre Niederlagen besonders plausibel waren. Sie bleiben in Erinnerung, weil sich jemand geweigert hat, das Plausible als letztes Wort gelten zu lassen. Und das ist genau jene Eigenschaft, die sich weder trainieren noch taktisch einstudieren lässt und doch den Unterschied ausmacht: die Fähigkeit, einem Spiel den eigenen Willen aufzuzwingen, auch dann, wenn alles dagegen spricht.

Eine Mannschaft, die diese Fähigkeit verliert, verliert nicht zuerst ihre Qualität, sie verliert ihre Aura und irgendwann bleibt von ihr nur noch das beruhigende Versprechen, dass das Potenzial eigentlich vorhanden gewesen sei.

Das Spiel allerdings interessiert sich für solche Versprechen nicht. Es verlangt etwas sehr viel Älteres, sehr viel Unvernünftigeres und deshalb vielleicht auch sehr viel Kostbareres: den unbeirrbaren Willen, sich dem Unvermeidlichen nicht kampflos zu fügen.


Transparenzhinweis: Dieser Beitrag von Uwe Lehmann wurde am 01. Juli 2026 bereits auf LinkedIn veröffentlicht.

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