Dialog statt Blasmusik

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Soziale Netzwerke funktionieren heute mehr wie Blasinstrumente als Plattformen für den Austausch. Der Begriff suggeriert, dass sie neben der eigenen Präsentation noch Dialog und Kommunikation fördern könnten. Der Austausch liegt schon in der DNA. Und ja, ich weiß, dass die betreibenden Unternehmen darauf aus sind, Daten zu sammeln. Gleichwohl nutzen wir den Kern des Angebots nicht, der durchaus sinnvoll sein kann. Stattdessen sind die meisten Userinnen und User darauf gepolt, den eigenen Sermon in die Welt hinauszuposaunen; auf Kommentare und Anfragen wird kaum noch reagiert, erst recht, wenn es der eigenen Meinung nicht entspricht. In den vergangenen Wochen habe ich die Probe aufs Exempel gemacht und inhaltliche Posts inhaltlich kommentiert. Das Ergebnis war enttäuschend. Kaum Austausch. Wenig Antworten. Schade. Mit einer Ausnahme übrigens: Das open-source-basierte Fediverse ist lebendiger, hier findet mehr Dialog statt. Leider hat es noch zu wenige Nutzerinnen und Nutzer, um Vielfalt von Meinungen abzubilden.

Harrison C. White war Soziologe und Mathematiker an der Columbia Universität. Er hat mit seinem Hauptwerk Identity and Control eine der einflussreichsten Sozialtheorien des späten 20. Jahrhunderts erarbeitet. Wie entsteht soziale Ordnung? Gegen das Chaos der Welt streben Identitäten nach Kontrolle. White geht aber in seiner Netzwerktheorie nicht primär vom Individuum aus. Kommunikation ist für ihn kein bloßes Instrument, sondern konstitutiv für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Identität ist immer bezogen auf den Austausch mit Anderen – deren Meinungen und Ansichten – und den eigenen Erwartungen. Die Kommunikation dient dazu, eigene Identifikationen wesentlich herauszubilden. Wer über sich und die eigenen Ansichten reflektiert wird anschlussfähig, dazu verhelfen Netzwerke. Schweigen und Ghosting sind in Whites Theorie kommunikative Missstände und untergraben die Ausbildung der eigenen Identität selbst.

Gemeinschaft entsteht in dieser Perspektive nicht durch Institutionen, nicht durch gemeinsame Werte, sondern durch ein lebendiges Geflecht von Beziehungen. White sagt, Gesellschaften sind ein permanenter Prozess des Aufeinanderbezogenseins.

Kommunikation ist kein bloßes Mittel, um Informationen zu übertragen – sie ist das zentrale Medium, in dem Gesellschaft überhaupt erst entsteht. Wo Menschen miteinander sprechen, handeln sie nicht nur Inhalte aus, sondern stabilisieren wechselseitig ihre Identitäten, bauen Vertrauen auf und halten das Netz des Sozialen in Bewegung. Gesellschaftliche Kohäsion ist bei White kein Zustand, der erreicht und gesichert werden kann, sondern eine Leistung, die ständig erbracht werden muss – durch Dialog und durch Resonanz. Soziale Medien könnten hier einen Beitrag leisten – wenn sie sich nicht mittlerweile aus unterschiedlichen Gründen pervertiert hätten. Für die Blasmusik gibt es Klangkörper. Aber was gibt es in unserer Gesellschaft für den so notwendigen Dialog?

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