Insbesondere bei jungen Menschen beobachte ich ein neu aufkeimendes Interesse an Archiven und historischer Forschung. So haben zum Beispiel die kürzlich vom Nationalarchiv in Washington geöffneten Mitgliedslisten der NSDAP einen regelrechten Hype ausgelöst: der Wunsch nach mehr Wissen über die eigene Familie und Herkunft ist erwacht. Was jahrelang als verstaubt und veraltet galt, erlebt jetzt eine Renaissance.
Archive und kulturelles Erbe sind wieder gefragt, sei es, um mehr über die eigene Herkunft oder die der eigenen Familie zu erfahren, mehr über Land und Leute herauszufinden oder um einen Begriff, den wir uns nicht von falschen Propheten stehlen lassen sollten, zu pflegen: Heimat. Der Heimatbund hier in Schleswig-Holstein setzt dazu die richtigen Kampagnen um.
In der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek verfolgen wir genau dieses Konzept. Wir bemühen uns, wissenschaftlich fundiert und faktenbasiert Geschichte, Kultur und Tradition Schleswig-Holsteins zu vermitteln. Dies tun wir durch Veranstaltungen, Vorträge, analoge und digitale Präsentationen, Führungen und vieles mehr. Wir wollen einen Beitrag zur Verortung leisten, einen Beitrag für Menschen, die wissen möchten, woher sie kommen, welche Geschichte dieses Land mit sich trägt und was unsere Kultur bis heute prägt.
Auf der anderen Seite steht die digitale Transformation, angetrieben durch die Revolution der Künstlichen Intelligenz, die noch weitaus mehr verändern wird, als wir uns derzeit vorstellen können. Wir befinden uns mitten in dieser Transformation und können kaum abschätzen, wohin uns das alles führen wird. Das schafft Unsicherheit, während wir eigentlich einen klaren Durchblick benötigen, um die Welt von morgen gestalten zu können. Wir müssen lernen, die neuen Instrumente, die uns die Technik bietet, sinnvoll zu nutzen und anzuwenden, und wir müssen uns bewusst machen, was wir brauchen und was nicht: Was müssen wir neu lernen, und wo gilt es, in Kultur und Bildung Bewährtes zu bewahren?
Um diesen Prozess gestärkt anzugehen, brauchen wir individuelles und gesellschaftliches Selbstbewusstsein. Ein Bewusstsein, das aus unseren Wurzeln kommt. Wenn wir unser Fundament ergründen, seine historischen Höhen und Tiefen, seine kulturellen Entwicklungen, die Vielfalt und die Prägungen verstehen, können wir auch die Zukunft aktiv und selbstbewusst gestalten. „Wer die Vergangenheit nicht kennt, wird die Zukunft nicht in den Griff bekommen.“ Das sagte der Historiker Golo Mann. Wenn wir wissen, wie sich alles entwickelt hat, stehen wir fest genug, um auch zukünftige Entwicklungen, die wir noch nicht kennen, aktiv gestalten zu können. Wer sich selbst nicht riechen kann, dem stinkt auch die Zukunft. Wer sein eigenes Fundament kennt, kann die Zukunft bauen.