Die unterschätzte Branche

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Rund 40.000 Menschen arbeiten zwischen Nord- und Ostsee in der sogenannten Kreativwirtschaft. Also in Theatern, Museen und Orchestern, aber ebenso in Verlagen, Redaktionen, Filmproduktionen, Architekturbüros, Designagenturen, Werbeunternehmen sowie der Software- und Games-Industrie. Das sind fast viermal so viele Erwerbstätige wie in der Windenergiebranche. Bereits im Corona-Jahr 2020 erwirtschaftete die Kreativwirtschaft in Schleswig-Holstein rund 2,4 Milliarden Euro Umsatz – und das unter den Bedingungen einer Pandemie, die viele kulturelle Einrichtungen besonders hart traf.

Dennoch wird sie in wirtschaftspolitischen Debatten bis heute häufig übersehen. Kultur erscheint dort meist zuerst als freiwillige Aufgabe oder als Zuschussbereich. Dass sie zugleich Arbeitsplätze schafft, Unternehmen hervorbringt, Innovationen ermöglicht und Regionen attraktiver macht, tritt dagegen häufig in den Hintergrund.

Diese Wahrnehmung beginnt sich allerdings zu verändern. Bundesweit beschäftigt die Kultur- und Kreativwirtschaft inzwischen knapp zwei Millionen Menschen und erzielt einen Jahresumsatz von weit über 200 Milliarden Euro. Damit bewegt sie sich längst in einer Größenordnung klassischer Industriezweige. Die eigentliche Überraschung liegt deshalb weniger in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung als in der Tatsache, dass sie bis heute vielerorts noch nicht als Wirtschaft gedacht wird.

Über viele Jahre kreiste die kulturpolitische Debatte vor allem um Zuschüsse, Sparrunden und freiwillige Leistungen. Kultur musste begründen, warum sie Geld kostet. Inzwischen rückt eine andere Frage in den Mittelpunkt: Welchen Beitrag leistet sie eigentlich für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes? Damit befasste sich auch die Veranstaltung Kultur.Meer.Wert, zu der die Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Juni nach Kiel eingeladen hatte.

Die Antworten fallen überraschend konkret aus. Wer einen Film produziert, beschäftigt weit mehr als Regisseurinnen oder Schauspieler. Hotels, Caterer, Transportunternehmen und Technikdienstleister profitieren ebenso. Festivals bringen Besucherinnen und Besucher in Städte und ländliche Regionen, füllen Pensionen und Restaurants und stärken den Tourismus. Architekturbüros gestalten Lebensräume, Design prägt Produkte, Software- und Gamesentwickler schaffen digitale Innovationen. Kultur wirkt damit weit über den klassischen Kulturbereich hinaus und häufig gerade dort, wo man sie auf den ersten Blick gar nicht vermutet.

Diese veränderte Perspektive verändert auch den Blick auf öffentliche Kulturförderung. Wer Kultur ausschließlich als Zuschuss versteht, fragt vor allem, was sie kostet. Wer sie dagegen als Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur eines Landes begreift, stellt eine andere Frage: Was bewirken diese Investitionen?

In manchen Bereichen lässt sich diese Wirkung inzwischen sehr genau beziffern. Die Filmwirtschaft ist dafür ein gutes Beispiel. Produktionen schaffen Aufträge für Hotels, Gastronomie, Technikfirmen, Transportunternehmen oder Handwerksbetriebe. Wie Nicola Jones, Leiterin des Schleswig-Holstein-Standorts der MOIN Filmförderung, bei der Veranstaltung Kultur.Meer.Wert erläuterte, erzeugt jeder Euro Filmförderung rund drei Euro regionale Wertschöpfung. Kulturförderung ist hier nicht nur Kulturpolitik – sie ist zugleich Wirtschaftsförderung.

Andere Wirkungen lassen sich dagegen kaum in einer Bilanz abbilden. Literatur, Theater, Musik oder Bildende Kunst schaffen Räume für gesellschaftliche Debatten, stärken kulturelle Bildung, fördern Kreativität und machen Städte und Regionen für Fachkräfte attraktiv. Sie prägen Identität, schaffen Lebensqualität und bilden jenes kreative Umfeld, aus dem Innovationen auch in ganz anderen Wirtschaftsbereichen entstehen. Ihr Ertrag lässt sich deshalb nur zum Teil in Euro messen. Ihre Wirkung reicht weit darüber hinaus.

Gerade deshalb greift die klassische Gegenüberstellung von Kultur und Wirtschaft zu kurz. Kultur ist beides: ein Wirtschaftsfaktor mit messbaren ökonomischen Effekten und zugleich ein gesellschaftliches Fundament, dessen Wert sich nicht vollständig in Renditekennzahlen ausdrücken lässt. Kulturpolitik ist deshalb längst mehr als Kulturpolitik. Sie ist ebenso Innovations-, Bildungs-, Standort- und Wirtschaftspolitik.

Dass dieser Perspektivwechsel keine bloße politische Rhetorik ist, zeigen aktuelle Studien. Die Industrie- und Handelskammer zu Lübeck bezeichnet die Kultur- und Kreativwirtschaft inzwischen ausdrücklich als Schlüsselbereich für Innovation, Standortentwicklung und gesellschaftlichen Wandel. Allein im Hansebelt arbeiten fast 19.000 Menschen in diesem Wirtschaftszweig. Bemerkenswert ist dabei weniger die wirtschaftliche Größenordnung als die Diagnose der Studie: Nicht fehlende Bedeutung sei das Problem, sondern mangelnde Sichtbarkeit, zu wenig Vernetzung und das Fehlen einer gemeinsamen Strategie. Die Branche existiert längst, sie tritt bislang nur selten als Branche auf.

Dieser Gedanke zog sich wie ein roter Faden auch durch die Veranstaltung „Kultur.Meer.Wert“. Vertreterinnen und Vertreter aus Literatur, Film, Musik, Festivals und Kreativwirtschaft beschrieben unabhängig voneinander ähnliche Erfahrungen. Sie berichteten von fehlender Infrastruktur, schwierigen Förderstrukturen, der Abwanderung junger Talente und oft prekären Erwerbsbiografien. Gleichzeitig machten sie deutlich, welches wirtschaftliche Potenzial in ihren Bereichen steckt. Obwohl die Sparten sehr unterschiedlich arbeiten, entstand an diesem Abend ein gemeinsames Bild: Kultur ist keine Randerscheinung der Wirtschaft, sondern Teil ihrer Wertschöpfung.

Vor diesem Hintergrund erhält auch die Debatte über den Kulturhaushalt eine neue Bedeutung. Im Kulturpakt 2030 haben sich Land und Kommunen das Ziel gesetzt, Schleswig-Holstein bei den öffentlichen Kulturausgaben bis zum Durchschnitt der Flächenländer zu führen. Dort heißt es programmatisch: „Kultur ist (uns) etwas wert. Kultur ist vielfach wirksam und rechnet sich. Kultur- und Bildungsangebote nur nach Kostendeckungsgraden, also einer ausschließlich betriebswirtschaftlichen Perspektive, zu betrachten, greift zu kurz. Nicht nur ist Kultur ein Wirtschaftsfaktor, finanzielle Mittel für die Kultur sind dynamisch wirksame Investitionen in die Gesellschaft und ihren Zusammenhalt sowie den Standort Schleswig-Holstein.“ Nicht mehr allein die Frage, was Kultur kostet, steht hier im Mittelpunkt, sondern welchen Beitrag sie für wirtschaftliche Entwicklung, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunftsfähigkeit des Landes leistet.

Der Anspruch ist formuliert. Die Realität zeigt jedoch, wie groß die Aufgabe noch ist. Nach dem aktuellen Kulturfinanzbericht gehört Schleswig-Holstein weiterhin zu den Ländern mit den niedrigsten öffentlichen Kulturausgaben Deutschlands. Bei den Pro-Kopf-Ausgaben liegt das Land deutlich unter dem Durchschnitt der Flächenländer, beim Anteil der Kulturausgaben am Gesamthaushalt sogar im unteren Bereich des bundesweiten Vergleichs. Mit Blick auf die Landtagswahl im kommenden Frühjahr dürfte diese Diskrepanz deshalb zu einem der zentralen kulturpolitischen Themen der nächsten Monate werden.

Die eigentliche Frage reicht allerdings über Haushaltszahlen hinaus. Sie lautet, welche Rolle Kultur künftig für die Entwicklung Schleswig-Holsteins spielen soll. Reden wir vor allem über Theater, Museen und Orchester – oder ebenso über Fachkräfte, Innovationen, Unternehmensgründungen, Tourismus?

Schleswig-Holstein muss seine Kultur nicht neu erfinden. Sie ist längst da – vielfältig, erfolgreich und wirtschaftlich relevant. Neu ist vielmehr der Blick auf sie. Kultur nicht länger ausschließlich als Fördergegenstand zu verstehen, sondern als Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur des Landes, in die investiert werden muss, könnte sich in den kommenden Jahren als einer der entscheidenden kulturpolitischen Perspektivwechsel erweisen.


Mehr zum Thema auf kulturkanal.sh:

Museen: Teuer und verzichtbar oder wirtschaftlicher Motor mit Milliardenwirkung?

Kreativität als Wirtschaftskraft: Creative Connect bringt die Branche zusammen

Entscheidende Impulse für die Kreativwirtschaft: Dietmar Baum

Quellen und weiterführende Links:

IHK-Studie: Die Kultur- und Kreativwirtschaft im Hansebelt

MOIN Filmförderung: MOIN Jahresbericht 2024

Kulturpakt 2030 zur gemeinsamen Verantwortung von Land und Kommunen für die
Kulturförderung in Schleswig-Holstein: Kulturpakt 2030

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