Wir alle, die wir in Kultureinrichtungen aktiv sind, kennen dieses Gefühl. Da wird das nächste Programm geplant, die nächste Ausstellung, die nächste Aufführung. Wir sind allesamt Tendenzbetriebe und intrinsisch motiviert. Wir lieben unsere Aufgaben und wollen sehr gute Ergebnisse präsentieren. Weil wir so motiviert sind, wollen wir etwas erreichen, gute Bildung für Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Besucherinnen und Besucher, ein ästhetisches Erlebnis und ja, wir wollen auch zum Nachdenken anregen. Viele von uns verstehen sich als Teil einer Wertegemeinschaft. Wir stehen in der kulturellen Infrastruktur für Vielfalt, für Innovation, für Partizipation und für Freiheit und Demokratie.
Die täglichen Nachrichten können dabei ganz schön frustrieren. Krieg und kriegerische Auseinandersetzungen, Ausgrenzung, Hassrede, einfache Lösungen mit Verweis auf frühere Zeiten.
Manchmal frage ich mich, wofür wir uns alle abmühen, wenn sich scheinbar nicht nur nichts ändert, sondern immer alles schlimmer zu werden scheint. An dieser Stelle schaut der Alltag um die Ecke, den wir mehr schätzen können. Alltag, das hat so einen schalen Klang, hört sich nach Graubrot und Routine an. Und ja, das ist es auch. Die Wiederholung des immer Gleichen oder aber viele kleine Aufgaben. Am Ende eines Arbeitstages schaut man zurück und fragt sich, was man überhaupt die ganze Zeit getan hat.
Der 2015 gestorbene Philosoph Odo Marquard kann als Denker des Alltags bezeichnet werden. Er verstand den Alltag als eine Grundform des Lebens, routiniert, notwendig und vielfach mühsam. Er ist irgendwie üblich und durch viele Konventionen geprägt. Da hat überhaupt nichts mit Innovation zu tun und wenig mit Ästhetik. Der Alltag ist nicht herausragend. Er ist schlicht gewöhnlich. Odo Marquard ging davon aus, dass der Alltag zu einem guten Leben nicht nur dazu gehört, sondern sogar unverzichtbar ist. Jegliche Überhöhung der alltäglichen Routinen durch Heroismus und Pathos führt zum Scheitern. Die Aufgabe für uns alle, individuell oder in unseren Institutionen besteht darin, unseren Alltag zu bewältigen und uns darin zu bewähren. Das ist nicht nur trist, denn der Alltag stabilisiert und gibt uns Halt. Um den Alltag zu balancieren, braucht es ab und zu ein Fest. Aber es kann nicht immer Feste geben. Der Unterschied zwischen Alltag und Fest muss bestehen bleiben.
Für unseren Gedankengang als Kulturmensch ist das zentral. Wenn wir immer feiern wollen, zerstören wir die Feste. Wenn es nur Alltag gibt, steuern wir direkt in den Burnout. Marquard sprach von einer „Philosophie des Stattdessen“. Statt das große Rad zu drehen, sind wir meistens damit beschäftigt, die vielen kleinen Herausforderungen der Werktage zu bewältigen. Wir verwirklichen keine Ideale, sondern sind mit pragmatischen Lösungen beschäftigt (und vielfach stopfen wir ja im Kulturbereich auch kreativ Finanzlöcher). Als Menschen sind wir „Defektflüchter“, sagt Marquard und suchen kleine Umwege und Kompensationen. Pragmatismus statt Utopie.
Aber ist es das, was wir mit unserer Arbeit erreichen wollen? Kunst und Kultur verfolgen hehre Ideen. Seit Friedrich Schiller geht es uns in der Kunst um Harmonie, um Selbstbestimmung und um Schönheit. Das sind unterstützenswerte Ziele – wenn der Alltag nicht wäre. Oder die Nachrichten. Oder die Finanzlöcher. Oder mangelnde Aufmerksamkeit.
Aufgeben ist für die kulturelle Infrastruktur keine Option. Wir sind Teil einer Daseinsvorsorge. Dazu ein anderes Mal. Aber vielleicht können wir uns am Verständnis dieses Philosophen vom Alltag orientieren. Um weiterhin stabil bestehen zu können, bewältigen wir mit Routine und Pragmatismus unsere alltäglichen Anforderungen. Das ästhetische oder kulturelle Ziel brauchen wir dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Irgendwann und immer wieder wird es ein Fest geben- Dann können wir mit Pathos feiern.
Für den alltäglichen Wahnsinn hat Albert Camus ein schönes und ewig gültiges Bild geschaffen. Sisyphos aus der griechischen Mythologie ist eine tragische Figur. Wenn es ihm gelungen ist, den schweren Stein auf den Berg zu bringen, rollt dieser von selbst herunter. Sisyphos muss wieder von vorne anfangen. Immer und immer wieder. Das ist der Alltag. Camus sagt nun, wir brauchen Sisyphos nicht zu bedauern. Wir sollten ihn uns stattdessen (!) als glücklichen Menschen vorstellen. Er hat ein Ziel und gibt nicht auf. Darin liegt der Sinn seines Lebens. Vielleicht, ganz vielleicht gelingt ihm, dass der Stein etwas länger auf dem Berg bleibt. Wer weiß?
Seien wir ehrlich. Auch in der kulturellen Infrastruktur haben wir hehre Ziele, wir wollen noch bessere Antworten geben, noch mehr Besucherinnen und Besucher erreichen, in der Presse und den Sozialen Netzwerken vorkommen. Je mehr Likes, desto besser. Manchmal klappt es und manchmal nicht. Ein „Immer-Mehr“ kann es wohl nicht geben.
Unsere Arbeit in der kulturellen Infrastruktur ist nicht vergeblich. Selbst dann nicht, wenn uns die schlechten Nachrichten überschwemmen. Wir wollen uns wie Sisyphos als glückliche Menschen verstehen, die nicht aufgeben und die ihren Alltag als Beitrag sehen, dass gutes Leben in Alltag und Fest gelingt. Für uns und für alle, für die wir uns täglich anstrengen.