Vom 4. bis 13. September lädt der Schleswig-Holsteinische Heimatbund erstmals landesweit zur HeimatVielfaltWoche ein. Hinter dem Motto „Heimat ist bunt“ steckt eine Frage, die weit über diese zehn Tage hinausreicht: Wem gehört Heimat und wie kann sie Menschen verbinden, ohne ihre Unterschiede aufzulösen?
Heimat und Vielfalt werden manchmal behandelt, als stünden sie auf verschiedenen Seiten: hier das Vertraute, Gewachsene und Überlieferte, dort das Neue, Andere und Fremde. Doch Heimat lebt nicht davon, dass alle gleich sind. Sie entsteht vielmehr dadurch, dass Menschen sich zugehörig fühlen, ihre Erfahrungen miteinander teilen und einen Ort gemeinsam gestalten.
Im Gespräch, das ich für die Kulturzeitschrift Schleswig-Holstein vor wenigen Wochen mit Peter Stoltenberg, dem Präsidenten des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes, geführt habe, blieb mir ein Satz besonders im Gedächtnis: „Heimat ist kein Besitz, den einige für sich beanspruchen können. Sie entsteht im Geben und Nehmen.“
Dieser Gedanke verändert den Blick auf Heimat. Sie ist dann nicht etwas Abgeschlossenes, das bewahrt werden muss, indem man andere fernhält. Sie kann Bewährtes tragen und sich zugleich verändern. Stoltenberg formuliert es so: Heimat müsse sich „verändern und weiterentwickeln können“.
Darin liegt für mich die Verbindung zwischen Heimat und Vielfalt. Wer an einen neuen Ort kommt, beginnt nicht bei null. Jeder Mensch bringt Erinnerungen, Sprache, Geschichten, Erfahrungen und kulturelle Prägungen mit. Auch ich habe meine Herkunft nicht hinter mir gelassen, als Schleswig-Holstein für mich zu einer neuen Heimat wurde. Das eine muss das andere nicht verdrängen. Im Gegenteil: Unterschiedliche Erfahrungen können unseren gemeinsamen Blick auf den Ort, an dem wir leben, erweitern.
Die HeimatVielfaltWoche macht dieses Verständnis nun an vielen Orten im Land sichtbar. Ihr Programm reicht von plattdeutscher Sprache, historischen Handwerkstechniken und Volkstanz über Kirchen- und Kulturgeschichte bis zu Naturführungen, Theater, Musik und Begegnungsformaten. Schon diese Spannweite erzählt etwas darüber, wie unterschiedlich Heimat erlebt werden kann. Da steht eine Podiumsdiskussion über den „Sound von Schleswig-Holstein“ neben einer Führung durch ein Naturschutzgebiet, eine plattdeutsche Andacht neben historischen Obstsorten, Bandreißerhandwerk neben Theater und Tanz.
Diese Gleichzeitigkeit ist entscheidend. Denn Vielfalt bedeutet nicht, Traditionen abzuschaffen. Sie bedeutet auch nicht, Unterschiede in einem unverbindlichen „Wir sind alle gleich“ verschwinden zu lassen. Im Gegenteil: Die dänische Minderheit, die friesische Volksgruppe, Menschen mit Migrationsgeschichte, regionale Gemeinschaften und Vereine bringen jeweils eigene Geschichten mit. Wir sollten uns deshalb nicht fragen: Wie werden wir einheitlicher? Sondern: Was kann uns miteinander verbinden, ohne unsere Verschiedenheit aufzulösen und wie können wir dabei gemeinsam wachsen und neue Erinnerungen schaffen?
Auch der Heimatbund selbst stellt sich dieser Frage. Stoltenberg räumt offen ein, dass die gesamte gesellschaftliche Vielfalt Schleswig-Holsteins in den bestehenden Strukturen noch nicht selbstverständlich abgebildet ist. Die HeimatVielfaltWoche kann deshalb auch ein Anfang sein: eine Einladung, vertraute Kreise zu öffnen und Menschen wahrzunehmen, denen man bisher vielleicht noch nicht begegnet ist.
Vom 4. bis 13. September wird Heimat in Schleswig-Holstein deshalb nicht nur gezeigt. Sie wird verhandelt, erzählt, getanzt, gesprochen und vielleicht an manchen Orten neu geschaffen.
Denn Heimat und Vielfalt gehoren zusammen. Heimat wird dort lebendig, wo Menschen ihre Verschiedenheit mitbringen dürfen und trotzdem sagen können: Auch hier gehöre ich dazu.
