Im Louisiana Museum of Modern Art bei Kopenhagen gibt es noch bis zum 6. September eine Ausstellung der französischen Konzeptkünstlerin Sophie Calle zu entdecken. Ein Raum zeigt die Serie Voir la mer, also: Das Meer sehen.
Das Meer sehen in den Videos gleich mehrere Menschen, alt und jung – alle zum ersten Mal. Sie leben in der Türkei, einem Land, das mit dem Ägäischen Meer, dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer überwiegend von Wasser umgeben ist. Trotzdem gibt es einige Menschen aus dem tiefsten Inland, die es noch nie gesehen haben. Sophie Calle hat sie nach Istanbul gebracht. In ihren Videos stehen die Männer, Frauen und Kinder zunächst mit dem Rücken zur Kamera gewandt, betrachten die Wellen. Irgendwann drehen sie sich um.
In einem Interview mit dem VICE Magazin sagt Sophie Calle über diesen Moment: „Es ist das erste Mal, dass ich keine Wörter verwende—meine Erfahrung mit Türkisch ist, dass es keine direkte Entsprechung gibt und vieles in der Übersetzung verloren geht. Ich war ziemlich sicher, dass die Emotion stärker ist als Worte, denn was kann man schon über das Meer sagen? Das Meer ist überwältigend? Das Meer ist mehr, als ich erwartet hatte? Seine Unermesslichkeit? Ich befürchtete, der Kommentar würde banal wirken verglichen mit dem, was die Augen ausdrücken.“
Die Augen drücken unglaublich viel aus. Vor allem die Reaktion der älteren Männer, die mit Tränen in den Augen unermüdlich in die Kamera schauen, ist bewegend. Die Besucher*innen wissen dank der fehlenden Worte nahezu nichts über sie. Alles liegt in diesem einen Blick, diesen wenigen Minuten Videomaterial – ein intensiver, fast schon überfordernder Moment in der auch insgesamt äußerst bewegenden Ausstellung von Sophie Calle.