Pakt, Mitwissen, Verantwortung: Schleswig-Holsteins Theater starten in die neue Spielzeit

Teilen

Faust rockt an der Kieler Förde, in Lübeck kehren die Brandstifter zurück, und zwischen Flensburg und Rendsburg wird das Böse zum Familienerbe. Die ersten Premieren der Saison 2026/27 kreisen um die Frage: Wer übernimmt Verantwortung, wenn die Folgen des eigenen Handelns nicht mehr zu übersehen sind?

Noch sind Schleswig-Holsteins Bühnen in der Sommerpause, doch der Spielzeitbeginn kündigt sich bereits an. Das Theater Kiel baut auf dem ehemaligen Marinefliegergelände in Holtenau eine Open-Air-Welt für Goethe, Lübeck eröffnet sein Schauspiel mit drei Premieren an drei aufeinanderfolgenden Abenden, und am 19. September starten Kiel und das Schleswig-Holsteinische Landestheater zeitgleich mit zwei großen Musiktheaterproduktionen.

Ein gemeinsames Motto haben die Häuser nicht. Legt man ihre Spielzeithefte nebeneinander, fallen über Stadt- und Spartengrenzen hinweg jedoch einige Ähnlichkeiten ins Auge: Überall geht es um Menschen, die Schuld abwehren, Verantwortung verschieben oder das Böse kurzerhand aus sich heraus operieren möchten.

Der Teufel kommt mit E-Gitarre

Am 21. August wird das MFG-5-Gelände in Holtenau zur Kulisse für „Faust“. Generalintendant Daniel Karasek und Dramaturg Jens Paulsen haben Goethes Drama für ein großes Open-Air-Musical bearbeitet. Leo Schmidthals und Christian Neander von der Band Selig komponierten die Musik und spielen selbst in der Live-Band.

Open-Air, Fördeluft, Rockballaden, ein großes Ensemble und einer der bekanntesten deutschen Theaterstoffe. Interessanter als das Spektakel ist jedoch die politische Setzung. Das Theater verlegt Fausts Grenzüberschreitungen vor den Hintergrund eines theokratischen Machtstaates. Damit wird aus der privaten Wette um Erkenntnis, Begehren und Gretchens Leben potentiell auch eine Geschichte darüber, wer in einem autoritären System über Moral verfügt.

Spannend wird sein, ob der behauptete Machtstaat das Handeln der Figuren tatsächlich beeinflusst oder nur als spektakuläre Oberfläche dient. Gerade weil Karaseks „Faust“ auf Reichweite angelegt ist, könnte er zum ersten Signal der Saison werden: politisches Volkstheater im besten Fall, bebilderte Aktualität im schwächeren. Gespielt wird bis zum 6. September.

Lübecks Auftakt: nahezu ein Festival

Lübeck eröffnet sein Schauspiel fast wie ein kleines Premierenfestival. Am 10. September beginnt im Studio Jason Robert Browns Kammermusical „The Last Five Years“. Johanna Retzers Inszenierung erzählt eine Beziehung aus zwei entgegengesetzten Zeitrichtungen: Jamie beginnt beim Kennenlernen, Cathy beim Ende. Einen Abend später folgt in den Kammerspielen „Felix Krull“, Thomas Manns Meister der Selbsterfindung, in einer Fassung von Bastian Kraft. Branko Janack inszeniert den Hochstapler mit nur drei Spielenden und macht das Publikum zum Gegenüber seiner Verführungskunst.

Beide Abende handeln von Identität als Erzählung: von einer Liebe, die je nach Blickrichtung anders aussieht, und von einem Menschen, der aus Rollen ein Leben baut. Das Schwergewicht des Lübecker Auftakts liegt jedoch auf der dritten Premiere. Am 12. September bringt Cilli Drexel Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ ins Große Haus.

Frischs „Lehrstück ohne Lehre“ ist in Schleswig-Holstein erst vergangene Spielzeit am Landestheater gespielt worden. Der Fabrikant Biedermann erkennt die Gefahr, lässt die Brandstifter trotzdem auf seinen Dachboden und reicht ihnen am Ende sogar die Streichhölzer. In Lübeck betritt die Parabel einen besonders empfindlichen Erinnerungsraum. Das Theater verweist auf seine letzte Aufführung des Stücks im Jahr 1993. Im März 1994 wurde die Lübecker Synagoge von vier Tätern in Brand gesetzt; das Gericht stellte den antisemitischen Charakter der Tat fest. Im Januar 1996 starben zehn Menschen, darunter sieben Kinder, beim Brand der Geflüchtetenunterkunft in der Hafenstraße. Wer das Feuer legte, ist bis heute nicht aufgeklärt. Pannen und Fehler bei den Ermittlungen sorgen bis heute für Diskussionen und Unmut.  

Dieser gesetzte Hintergrund macht Frischs Stück nicht automatisch aktueller, die Inszenierung wohl aber riskanter. Sie kann historische Ereignisse erhellen, sie kann sie aber auch zur bequemen Beglaubigung eines Klassikers benutzen. Drexels Arbeit wird sich daran messen lassen müssen, ob sie Unterschiede wahrt, den Opfern Raum lässt und Biedermanns Mitwissen präzise fasst: als Feigheit, Eigeninteresse, Normalisierung oder bereits als Form der Komplizenschaft. Gerade weil die Gefahr in Frischs Stück nicht verborgen ist, könnte dieser Theaterabend zum politischsten des frühen Herbstes werden.

Ein Samstag, zwei Außenseiter

Am 19. September erleben wir gleich zwei große Premieren im Norden. Im Kieler Opernhaus eröffnet Wagners „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“, musikalisch geleitet von Hendrik Vestmann und inszeniert von Daniel Karasek. Eine Stunde später beginnt im Flensburger Stadttheater „Jekyll & Hyde“, Frank Wildhorns Musical nach Robert Louis Stevenson.

Tannhäuser und Jekyll sind sehr verschiedene Figuren, doch beide versuchen, eine Gesellschaftsordnung mit radikaler Selbstbehauptung zu durchbrechen. Wagner stellt sinnliche Erfahrung gegen die normierte Kunst und Moral der Wartburggesellschaft. Tannhäuser provoziert, wird ausgestoßen und soll sich seine Rückkehr in die Gemeinschaft erarbeiten. Dass Karasek innerhalb von vier Wochen sowohl „Faust“ als auch „Tannhäuser“ inszeniert, macht den Vergleich reizvoll: zweimal ein männlicher Grenzgänger, zweimal Begehren als Störung einer moralischen Ordnung, zweimal die Frage nach Schuld und Ausschluss.

In Flensburg nimmt die Grenzüberschreitung die Form eines Experiments an. Der Arzt Henry Jekyll will das Böse chemisch vom Guten trennen und schafft mit Hyde keine Lösung, sondern einen Täter ohne Hemmung. Julia Mintzer inszeniert, Philipp Franke übernimmt die Doppelrolle. Der Stoff kann als effektvolles Gothic-Musical funktionieren; interessant wird er dort, wo die Spaltung misslingt und Verantwortung nicht mehr an ein vermeintlich fremdes zweites Ich delegiert werden kann. Das Landestheater bietet am 14. September einen öffentlichen Probenbesuch an. Nach der Premiere wandert die Produktion weiter nach Rendsburg und Itzehoe – der Saisonauftakt des Landestheaters endet nicht an einer Stadtgrenze.

Die Schuld der Väter wandert durchs Land

Eine Woche später, am 26. September, eröffnet das Schauspiel des Landestheaters in Rendsburg mit „Jenseits von Eden“. Wolfgang Hofmann inszeniert John Steinbecks Roman in der Bühnenfassung von Ulrike Syha. Der Abend verfolgt zwei Generationen von Vätern und Söhnen, Brüdern und Rivalen – ein amerikanisches Kain-und-Abel-Panorama, in dem Gewalt und Zurückweisung weitervererbt werden, ohne dass die Nachgeborenen ihnen völlig ausgeliefert sein müssen. Nach Rendsburg folgen Ende September und im Oktober Vorstellungen in Flensburg, Heide, Itzehoe, Schleswig, Neumünster und Husum.

Am 2. Oktober setzt sich die Spur der vererbten Verantwortung doppelt fort. In Kiel inszeniert Jonathan Heidorn Arthur Millers „Alle meine Söhne“: Ein Fabrikant hat im Krieg mangelhafte Flugzeugteile geliefert, die Schuld verdrängt und seine Familie auf dem Schweigen aufgebaut. Am selben Abend dirigiert Stefan Vladar in Lübeck Mozarts „Idomeneo“, inszeniert von Philipp Himmelmann. Hier kehrt ein König traumatisiert aus dem Trojanischen Krieg zurück und bindet das Leben seines Sohnes an ein verhängnisvolles Versprechen. Bereits am 20. September wird die Oper in Kiel zu sehen sein – als Wiederaufnahme der Inszenierung aus der vergangenen Saison.

So beginnt diese Spielzeit mit einer Reihe alter Stoffe, die einander unerwartet kommentieren. Faust unterschreibt. Biedermann weiß Bescheid. Jekyll spaltet sich. Die Väter bei Steinbeck, Miller und Mozart hinterlassen ihren Kindern Rechnungen, die sie selbst nicht bezahlen wollen. Ob die Theater daraus mehr machen als eine Sammlung zeitgemäßer Schlagworte, bleibt offen. Aber der Premierenkalender stellt die richtige Zumutung in den Raum: Verantwortung verschwindet nicht dadurch, dass man sie einem Teufel, einem zweiten Ich oder der nächsten Generation überlässt.

Die Termine im Überblick

Stand: 18. August 2026. Termine können sich ändern; aktuelle Angaben und Karten gibt es bei den jeweiligen Theatern.

TerminPremiere
21.08.„Faust“, Theater Kiel, MFG-5-Gelände Kiel-Holtenau | 20 Uhr
10.09.„The Last Five Years“, Theater Lübeck, Studio | 20 Uhr
11.09.„Felix Krull“, Theater Lübeck, Kammerspiele | 20 Uhr
12.09.„Biedermann und die Brandstifter“, Theater Lübeck, Großes Haus | 19:30 Uhr
19.09.„Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“, Theater Kiel, Opernhaus | 18 Uhr
19.09.„Jekyll & Hyde“, Schleswig-Holsteinisches Landestheater, Stadttheater Flensburg | 19 Uhr
26.09.„Jenseits von Eden“, Schleswig-Holsteinisches Landestheater, Stadttheater Rendsburg | 19 Uhr
02.10.„Idomeneo“, Theater Lübeck, Großes Haus | 19:30 Uhr
02.10.„Alle meine Söhne“, Theater Kiel, Schauspielhaus | 20 Uhr

Quellen und weiterführende Links

Unterstützen Sie kulturkanal.sh
– für eine lebendige Kulturszene

Vielen Dank, dass Sie kulturkanal.sh nutzen. Unser Online-Feuilleton für Schleswig-Holstein bringt Ihnen spannende Inhalte und aktuelle Berichte über das vielfältige kulturelle Leben in unserer Region.

Um weiterhin unabhängige und hochwertige Inhalte anbieten zu können, brauchen wir Ihre Unterstützung.

Mit einer freiwilligen Zahlung helfen Sie uns, durch unsere Berichterstattung die Kultur vor Ort zu fördern.

Jeder Beitrag zählt – machen Sie mit und stärken Sie die regionale Kultur!

Themen

Teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Neueste Artikel