Die Fahne, die nach Amerika ging

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Die kleine schwarz-rot-goldene Fahne, die in der Jubiläumsausstellung auf dem Museumsberg Flensburg ausgestellt ist, führt zurück zur Revolution von 1848/49, als sich in Schwarz-Rot-Gold die Forderungen nach nationaler Einheit, Verfassung und politischer Freiheit verbanden.

Das Stück misst gerade einmal 56 mal 100 Zentimeter und hat einen ungewöhnlich langen Weg hinter sich. Nach dem Scheitern der Revolution nahm ein Auswanderer die Fahne mit nach Amerika. Dort schrieb er später die Jahreszahlen „1848–1849“ auf den Stoff. Erst 1999 kam sie, stark beschädigt, aus den USA zurück; im folgenden Jahr wurde sie im Altonaer Museum restauriert.

Nach Angaben von Museumsdirektor Michael Fuhr war die schwarz-rot-goldene Fahne in Flensburg verboten worden und deshalb mit über den Atlantik genommen worden. Es sei die älteste erhaltene Fahne dieser Art, die ihm bekannt ist.

Was da aus Flensburg den Weg über den Atlantik fand, war also kein beliebiges Stück Stoff. Schwarz-Rot-Gold stand 1848 für die Forderung nach einem deutschen Nationalstaat, zugleich aber für Verfassung, politische Mitbestimmung und bürgerliche Freiheitsrechte. Die Frankfurter Nationalversammlung erklärte die Farben zur Flagge des entstehenden Deutschen Reiches und verabschiedete einen Grundrechtskatalog, der später auch für die deutsche Verfassungsgeschichte wichtig wurde.

Die Revolution scheiterte. Die Farben blieben. Und ihre Geschichte verlief alles andere als geradlinig. In der Weimarer Republik wurden Schwarz, Rot und Gold wieder Staatsfarben, von den Nationalsozialisten wurden sie abgeschafft. 1949 griffen sowohl Bundesrepublik als auch DDR auf sie zurück. Und 1989 konnte man auf den Straßen der DDR schwarz-rot-goldene Fahnen sehen, aus denen Demonstrierende das Staatswappen herausgeschnitten hatten: Aus der DDR-Flagge wurde durch ein Loch wieder die Trikolore.

Am 3. Oktober 1990 waren Schwarz-Rot-Gold die beherrschenden Farben der deutschen Einheit. Zugleich war diese Rückkehr der Nation keineswegs unbelastet. Frankreich und Großbritannien hatten den Vereinigungsprozess zunächst auch aus Sorge vor einem wiedererstarkten Deutschland skeptisch betrachtet. Und in Deutschland selbst folgte auf die Einheit eine Welle rassistischer Gewalt: Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen.

Auch danach änderte sich der Umgang mit den Nationalfarben weiter. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 war wieder plötzlich überall Schwarz-Rot-Gold zu sehen. Viele Beobachter beschrieben das als ungewöhnlich unbefangenen, weltoffenen Patriotismus. Doch zum „Sommermärchen“ gehörte eine weniger unbeschwerte Gegenwart. Schon vor dem Turnier wurde heftig über rassistische Gewalt und sogenannte „No-Go-Areas“ gestritten. Der Afrika-Rat Berlin-Brandenburg erwog Warnhinweise für Schwarze WM-Gäste; der frühere Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye warnte dunkelhäutige Besucher ausdrücklich vor bestimmten Orten. Karten und Listen vermeintlicher Gefahrenzonen wurden diskutiert während auf den Fanmeilen ein weltoffenes Deutschland gefeiert wurde. Das Fahnenmeer von 2006 stand damit nicht nur für einen neuen, gelösteren Patriotismus. Es fiel in eine Gesellschaft, die zugleich darüber stritt, wie sicher dieses Land für alle seine Bewohner und Gäste tatsächlich war.

Heute tauchen dieselben Farben wiederum in einem anderen Umfeld auf: auch bei rechtsgerichteten und rechtsextremen Protesten. Zugleich verweisen Bundestag und das Zentrum für politische Bildung auf ihre demokratische Herkunft – Schwarz-Rot-Gold als Farben von Einheit und Freiheit, nicht als Zeichen ethnischer Abgrenzung.

Auch das erzählt dieses mehr als 170 Jahre alte Stück Stoff in Flensburg: Ein Symbol besitzt seine Bedeutung nicht ein für alle Mal. Es wird benutzt, angeeignet, umgedeutet. Und manchmal muss um seine Bedeutung neu gestritten werden.

Am 2. Oktober, in der Nacht vor dem Tag der Deutschen Einheit, findet in Schleswig-Holstein die Lange Nacht der Demokratie statt. An vielen Orten wird dann darüber diskutiert, was Demokratie heute bedeutet.

Fast 180 Jahre zuvor wurde unter Schwarz-Rot-Gold schon einmal darüber gestritten, wie Freiheit, politische Teilhabe und ein gemeinsamer Staat aussehen könnten. Die Antworten von 1848 sind nicht unsere Antworten von heute. Die Frage, wem Demokratie gehört und wer für sie einsteht, ist geblieben.


Alle Infos zur aktuellen Jubiläumsausstellung auf dem Museumsberg Flensburg finden Sie im Kulturkalender:

https://schleswig-holstein.sh/blog/veranstaltungen/flensburg-150-jahre-museumsberg-visionen-und-utopien

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