Das Ende steht von Anfang an fest: Amata Haller tötet ihren Chef und steht deshalb vor Gericht. „Ich möchte behaupten, dass ich es bereue, aber das wäre gelogen“, sagt sie.
Wie es zu der Tat kommt: Amatas Chef Heinz Brockhaus fährt sie mit dem Auto von Berlin, wo beide arbeiten und leben, nach Timmendorfer Strand. Ihr gemeinsamer Arbeitgeber ist eine NGO, die typische gutgemeinte, aber schlecht umgesetzte Dritte-Welt-Hilfe. Die afrodeutsche Amata ist frustriert, steht im Spannungsfeld zwischen ihrer Arbeit und der Widerstandsgruppe Beyond Reparations!, die ihre beste Freundin gegründet hat. Die Gruppe will, wie der Name sagt, mehr als Reparaturzahlungen für die deutschen kolonialen Verbrechen, mehr als Straßenumbenennungen, um deren Opfern zu gedenken. Amata ist eine Figur, die es versucht, allen recht zu machen, die häufig passiv ist – bis sie nicht mehr kann.
Der Untergang der Cap Arcona
Auch ihrer Mutter versucht sie es recht zu machen. Die wartet ungeduldig in Timmendorfer Strand auf Amata, die sich wegen ihres fahrig-unorganisierten Chefs immer mehr verspätet. Dorf treffen sich die beiden jedes Jahr am 3. Mai, dem Jahrestag des Untergangs der Cap Arcona. Auf dem Schiff befanden sich tausende KZ-Häftlinge, „Menschen, die für den Rest ihres Lebens den Geruch von verbranntem Fleisch in der Nase tragen würden“, so wie Amatas Großvater. Die Briten griffen das Schiff an, als es in der Lübecker Bucht lag. Etwa 7.000 Menschen starben, fast alles KZ-Häftlinge. Umso unglaublicher: dass Amatas Großvater überlebt hat. Ein Ereignis, das die Familie über Generationen und über Kontinente prägt, auch Amata, die ihren Großvater nie kennengelernt hat.
Ein Ereignis, ein Tag

Sharon Dodua Otoo: So, in etwa, ist es geschehen
Verlag S. Fischer, Frankfurt 2026
Das alles erfahren wir durch einen „Brief von Amata Haller an die Herausgeberin“, mit dem das Buch beginnt. Die Herausgeberin ist ihre beste Freundin Nkechi. Schon von Anfang an macht die Autorin Sharon Dodua Otoo so mehrere Ebenen auf – ähnlich wie in ihrem ersten Roman Adas Raum, wobei So, in etwa, ist es geschehen sich auf eine einzelne Protagonistin konzentriert. Ein Ereignis, ein Tag. Durch diesen Fokus liest sich das Buch wie eine längere Novelle.
Erinnerung für Erinnerung setzt sich Amatas Bericht darüber zusammen, wie es zu dem Mord kommt. Die immer länger werdende Autofahrt, Amata döst ein, wacht erschrocken auf, riecht Salzwasser und denkt, dass sie schon da sind, um ernüchtert festzustellen: „Seitdem weiß ich, dass an besonders heißen Tagen Schweiß krass ähnlich wie das Meer riechen kann.“
Und dann gibt es da nach dem Bericht noch einen Anhang: das Transkript einer versehentlich aufgenommenen Audiodatei von der Autofahrt Berlin – Timmendorfer Strand. Wie Heinz Brockhaus stundenlang redet und redet und redet. Sich um Kopf und Kragen redet, im allerwahrsten Sinne des Wortes. Die Wut wächst während des Lesens. Erst jetzt verstehen wir, worauf genau sich Amatas krasse Reaktion bezieht.
Der zweite Anhang, Amatas Geständnis, ist kurz.
Lebendige Unterlagen fürs Gericht
Sharon Dodua Otoo hat einen Fall in Schriftform geschaffen, Unterlagen fürs Gericht, die lebendiger nicht sein könnten. Mit Mörder*innen sympathisiert selten jemand. Umso mutiger ist es, sich diese Perspektive anzueignen und zwar nicht so, dass wir den Mord als überlebenswichtige Notwehr befürworten, sondern so, dass wir ihn verstehen, mitfühlen, nachvollziehen – und trotzdem verurteilen.
„Alles was ich mitbrachte, war der Schmerz vieler Generationen, den ich seit meiner Geburt mit mir herumschleppe. Für eine einzelne Person ist er viel zu groß, er muss sich irgendwann Bahn brechen, er muss irgendwohin ausweichen.“
In So, in etwa, ist es geschehen geht es eigentlich ums Erzählen. Wie unterscheiden sich unsere Berichte voneinander, je nachdem wann und wem wir etwas erzählen? Sharon Dodua Otoo hat dafür das allerbeste Mittel gewählt: Worte, die für sich stehen. Die einordnende oder gar allwissende Perspektive ist auf null reduziert. Alle sprechen nur für sich selbst – es liegt an uns, darüber zu richten.