Die „Reiterliche Begegnung“, ein Kunstwerk von Karlheinz Goedtke, wurde Mitte Oktober Opfer von Vandalismus. Aber ist ihre „Versilberung“ nicht auch ein Gewinn?
In der ostholsteinischen Kleinstadt Oldenburg ist der Schauenburger Platz ein lebhafter Treffpunkt für Kinder und Familien – wegen des Spielplatzes, der Nähe zum Gymnasium und Sportplatz und wegen der vielen Einkaufsmöglichkeiten. In der Nacht verschlägt es auch sinistre Menschen hierhin – anscheinend neuerdings nicht nur diejenigen, die dort Drogen konsumieren.
Die Statue „Reiterliche Begegnung“ von 1980

Fast unscheinbar steht auf diesem Platz ein Kunstwerk vom schleswig-holsteinischen Bildhauer Karlheinz Goedtke aus dem Jahr 1980: Die Statue „Reiterliche Begegnung“ zeigt nicht etwa Helden, wie auf den klassischen Reiterstatuen, sondern ganz un- oder antiheroisch drei unscheinbare „Typen“, die auf drei verwinkelt zueinander stehenden Pferden sitzen. Einer dieser Reiter wurde mit silbernem Farbspray übersprüht oder übermalt. Der oder die Täter_in ging dabei ganz sorgfältig vor: Das gesamte Pferd und der ganze Reiter sind nun „versilbert“ und heben sich dadurch von den anderen beiden – weiterhin bronzefarbenen – ab. Zum kupferfarbenen Glanz gesellt sich silberner Schimmer, gleich, als hätte dieser Reiter mit seinem Pferd über Nacht die Identität oder Rolle geändert.
Ganz davon unberührt spielen die Kinder in den Tagen danach weiter unter der Statue. Die Entfernung dieser Farbe kostet wohl mehrere hundert Euro. Die Polizei Oldenburg fahndet nach Verdächtigen, die lokale Presse (Lübecker Nachrichten und Heiligenhafener Post) berichtet.
Ein künstlerischer Akt?

Ganz ketzerisch soll an dieser Stelle nun die Frage gestellt werden: Ist das Übersprühen von Pferd und Reiter wirklich Vandalismus und Beschmieren von Kunst? Oder handelt es sich nicht vielmehr selbst um einen künstlerischen Akt, der das Werk Goedtkes gar nicht abwertet, und dessen Entfernung keine unmittelbare Not tut?
Dazu muss grundsätzlich zum Wert dieser Kunst im öffentlichen Raum festgestellt werden: Statuen im öffentlichen Raum oder an sogenannten Dritten Orten (in der Nachkriegszeit in Schleswig-Holstein vor allem an und in Kirchen oder als Denkmäler) werden durch die öffentliche Hand oder durch besondere Geldgeber gestiftet. Dadurch bemisst sich ihr oft nicht geringer Geldwert.
Karlheinz Goedtkes öffentliche Kunst
Karlheinz Goedtke kann als einer der erfolgreichsten schleswig-holsteinischen Künstler dieser öffentlichen Kunst gelten. Er ist gelernter Bildhauer, hat bei Kurt Schwerdtfeger gelernt. Als Student an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin von 1938 bis 1940 war er sicher nicht Dissident, sondern Proponent des nationalsozialistischen Systems. In den Wirren der Nachkriegszeit fasste er im schleswig-holsteinischen Mölln Fuß. Dadurch dass er dort eine Till-Eulenspiegel-Statue erschaffen durfte, wurde er bekannt. In den Jahren danach folgten Aufträge in Mölln selbst, darüber hinaus aber in ganz Schleswig Holstein (und nur selten anderswo).
Antiheroische Statuen
Seine Motive sind typisch für die Nachkriegszeit in ihrer bereits erwähnten antiheroischen Haltung: Die Statuen zeigen ganz bewusst nicht die großen Helden, Könige, Mächtigen und Führer. Sie zeigen neben dem Narren Till Eulenspiegel bürgerliche „Zeitungsleser“, Reifen spielende Kinder und demokratische Nachbarn im Gespräch.
Besonders verspielt sind die Statuengruppen immer dann, wenn sie in einem bestimmten Winkelverhältnis zueinander stehen (wie auch die Oldenburger Reiter) oder gar miteinander verwoben sind. Besonders letzteres beeindruckt bis heute bei den Tiergruppen: die Vögel, die im Schwarm miteinander zusammenhängen, als wären sie ein Wesen, die Schafe, die nicht nur eine Herde, sondern fast einen gemeinsamen Körper bilden… Anderes ist über die Zeit hinweg nicht mehr ganz so überzeugend: Kinder spielen schon lange nicht mehr mit Reifen. Ob sie jemals so ernst und spießig dabei geschaut haben, bleibt stark zu bezweifeln. Und Zeitung hat vermutlich noch niemand in einer Pose gelesen, wie es Goedtkes Zeitungsleser ganz nonchalant tun.

Kleinbürgerliche Gestaltung der Innenstädte
Vielleicht hängt aber auch jegliche Skepsis an Goedtkes Kunst mit ihrer Vergänglichkeit zusammen: Sie ist Ausdruck der westdeutschen Nachkriegszeit, die durch ein erzwungenermaßen erwachendes demokratisches Bewusstsein, stabilisierende Existenzsicherung, kleinbürgerliche Gestaltung der Innenstädte, aber teilweise auch durch eine gewisse Biedermeierhaftigkeit geprägt war. Und diese Zeit ist in Zeiten digitaler Medien, diverser Innenstädte und individualistischer Vereinzelung lange vorbei. Vor diesem Hintergrund verschärft sich das Problem jeder öffentlicher Kunst: dass sie im Laufe der Zeit übersehen wird. Genau das geschieht nämlich auch schnell mit Goedtkes Reiterstatuen in Oldenburg.
Vom 20. in das 21. Jahrhundert
Der an ihnen geschehene Vandalismus im Oktober macht sie nun aber wieder sichtbar – und verändert sie auch. Ohne das Kunstwerk selbst zu zerstören, bewirkt die Veränderung neue Aufmerksamkeit. Und als Veränderung ist sie auch Kommentar für die gesellschaftliche Veränderung, die auch ein massives Kunstwerk nicht ignorieren kann. Statt Rost setzt der Reiter Silber an: An den silbernen Ritter Rost gemahnend oder an die Cyber-Aluminium oder Chrom tritt Goedtkes Kunstwerk vom 20. in das 21. Jahrhundert.
Nachdem Friedrich Merz rassistisch über das Stadtbild deutscher Innenstädte schimpfte, muss man doch an dieser Stelle sagen: Hier ist kein feindlicher Vandalismus am Werk, nicht einmal politische Graffiti – hier wurde einfach nur „versilbert“. Hier wird die Innenstadt belebt wie es sonst nur spielende Kinder oder Dönerläden vermögen. Und diese „Versilberung“ ist (in diesem Kontext), so meine ich: selbst Kunst. Hoffentlich wird ihre Entfernung in Zeiten klammer Kassen zu teuer. Dann können wir uns noch lange an ihr erfreuen.