Kant, Krieg und Kohl: Welt- und Literaturgeschichte in Marne

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„Der Aufenthalt“ heißt ein Roman des DDR-Schriftstellers Hermann Kant. Sein Held Mark Niebuhr stammt aus Marne. Während er in Polen im Gefängnis sitzt, erinnert er sich an seine Kindheit zwischen Kohlfeldern und der Neulandhalle. Warum der Ostberliner Autor ausgerechnet Dithmarschen als Schauplatz wählte und wie dort mit dem Erbe der NS-Zeit umgegangen wurde, erzählt der Landeskundler und Autor Frank Trende in seinem Buch „Hermann Kant, Dithmarschen und ein Roman“.

Kants Roman: im Osten bejubelt, im Westen kritisch gesehen

Schuldig, unschuldig, mitschuldig? Der 19-jährige deutsche Soldat Mark Niebuhr wird kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen des Mordes beschuldigt und muss ins Gefängnis. Auch wenn er diesen Mord nicht begangen hat, begreift er während seines Aufenthalts im Kerker allmählich das Ausmaß seiner Mitschuld an den Menschheitsverbrechen der NS-Zeit. 1977 brachte Hermann Kant diese in Teilen autobiografische Geschichte zu Papier.

Offizielle Rolle: Hermann Kant (ganz links) auf einem Podium. Als Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR schloss er Autoren-Kollegen aus dem Verband aus. Foto: ADN/Wolf

Der Roman wurde in der DDR bejubelt, in der BRD teils skeptisch aufgenommen. Großkritiker Marcel Reich-Ranicki lobte das Buch allerdings. Umstritten war Kant vor allem wegen seiner politischen Karriere in der SED und als Präsident des DDR-Schriftstellerverbands. In seinem Roman „Die Aula“ malt der gebürtige Hamburger, der 2016 starb, ein verklärtes Bild der DDR. Eine unrühmliche Rolle spielte er nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann. Autor:innen wie Stefan Heym und Günter Kunert, die eine Petition für Biermann unterschrieben, schloss Kant aus dem Schriftstellerverband aus, mit negativen Folgen für die Betroffenen.

Reportage-Reise nach Dithmarschen

Warum aber erfindet Hermann Kant ausgerechnet eine Kindheit in Dithmarschen für seinen Helden? Diese Frage beschäftigte Frank Trende, der selbst 1963 in Marne geboren wurde und im Dieksanderkoog – ursprünglich Adolf-Hitler-Koog – aufwuchs. Trende, der als Abteilungsleiter im Kieler Umweltministerium arbeitet, forscht seit Jahren zu landeskundlichen Themen und hat mehrere Bücher im Boyens Verlag in Heide veröffentlicht. 2025 erhielt er dafür den Dithmarscher Kulturpreis. In den 1980er Jahren befasste er sich erstmals mit der „sperrigen Geschichte“ seines Heimatortes, schreibt er in „Hermann Kant, Dithmarschen und ein Roman“.

Bei der Recherche stieß er auf Kants Buch und schrieb den Autoren an, wenn auch „nicht ohne Bedenken“. Schließlich war Kant ein linientreuer DDR-Funktionär. Doch Kant antwortete und bedankte sich für das Interesse. Vor Trendes Brief habe er „nie einen Pieps aus Marne“ gehört.

Hermann Kant kannte Schleswig-Holstein und Dithmarschen aus seiner Kindheit in Hamburg. Er war selbst als Soldat im Krieg gewesen und hatte einige Zeit als Kriegsgefangener in Polen verbracht. Nach seiner Freilassung zog er in die DDR. 1961 reiste er für die Zeitschrift „Das Magazin“ in die BRD, um den Umgang der Westdeutschen mit ihrer NS-Vergangenheit zu recherchieren. Er wählte Dithmarschen und den Dieksanderkoog, den früheren Adolf-Hitler-Koog.

„Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf“

Lernort Neulandhalle: Heute können sich Besucher:innen über die Geschichte des Dieksanderkoogs informieren – auch wegen Frank Trendes Forschungen. Foto: Geißlinger

Während des „Dritten Reiches“ trugen viele Plätze und Straßen den Namen des „Führers“. Aber dass Adolf Hitler persönlich die Taufe übernahm, geschah praktisch nie. Eine Ausnahme machte er beim Adolf-Hitler-Koog. Auf dem neu gewonnenen Land an der Nordsee sollte ein Modell-Dorf entstehen, in dem ausgewählte Familien ein Leben nach dem NS-Ideal führen sollten. Als gesellschaftliches Zentrum diente die „Neulandhalle“, vor der in den 1930er Jahren die überlebensgroßen Statuen eines Soldaten und eines Arbeitsdienstmannes Wache standen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wechselte der Koog flugs seinen Namen und heißt bis heute neutral Dieksanderkoog. Frank Trende beschreibt in seinem 130 Seiten starken Buch, das eine ebenso ungewöhnliche wie gelungene Mischung aus literarischer Spurensuche und Lokalgeschichte darstellt, den Umgang oder vielmehr Nicht-Umgang mit dieser Geschichte.

So verfasste der Lehrer Wilhelm Stock 1960 das „Dieksander Heimatbuch“, in dem er die „große Koogsgemeinschaft“ beschrieb. Mit dabei „der Bauer hinterm Pflug, der Fischer auf der See, der Schäfer am grünen Deich, der Arbeiter im grauen Watt, die Kaufleute hinter dem Ladentisch“. Der Krieg und Hitler kommen in dem Buch gar nicht vor. Genauso hätten die Beschreibungen während der NS-Zeit geklungen, stellt Trende fest: „Die gleiche Verklärung, das gleiche Pathos“. Damit kein falscher Zungenschlag ins Buch kommt, las der Landrat vor der Veröffentlichung Korrektur, Lehrer Stock bedankte sich brav für die „Ratschläge“, berichtet Trende.

Trende selbst nahm an der großen Feier zum 50-jährigen Bestehen des Kooges teil. Das Fest fand in einer Kohlscheune statt, lokale und landespolitische Prominenz reiste an. Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU) gratulierte, es gab Festreden und gutes Essen. Doch die Tatsache, dass ein halbes Jahrhundert zuvor der damalige Reichskanzler persönlich den Koog einweihte, wurde „wortreich beschwiegen“, schreibt Trende. Hitler sei, wie der böse Zauberer Voldemort in den Harry-Potter-Romanen, zur Un-Person geworden, „Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf“.

Nebel über blauen Kohlfeldern

Dieses Schweigen und Verdrängen hatte bereits Kant bei seiner Recherchereise 1961 bemerkt und in seiner Reportage ironisch-spitz aufgeschrieben – wobei er allerdings verschwieg, dass die DDR es nicht besser machte mit der Aufarbeitung der NS-Gräuel.

Auf Trendes Frage, warum sein Romanheld Niebuhr nun aus Marne stamme, antwortete Kant ausführlich. Der junge Soldat sollte aus einer Kleinstadt kommen, und Marne habe die richtige Größe gehabt. Zudem hatte Kant aufgrund seiner Reisen eine gewisse Vorstellung von Marne. Vor allem sei es für die Handlung wichtig gewesen, dass der Heimatort in der britischen Besatzungszone lag.

Im „Aufenthalt“ beschrieb Kant eine Idylle. Mark Niebuhr erinnert sich an „Nebel über blauen Kohlfeldern“, Vogelschrei und ablaufendes Wasser. Der Romanheld macht einen Ausflug zur Neulandhalle und bewundert die bunte Fenster, die Glocke des Reichsnährstandes und die Eiche, die der „Führer“ gepflanzt hatte.

1980 kam der Autor erneut nach Marne, diesmal zu einer Lesung. Auch diese Episode schildert Trende. Damals sei es sehr schnell um Politik statt um Literatur gegangen. Kant konterte kritische Fragen zum Mauerbau und Schießbefehl. Am Ende hinterließ er eine Widmung im Gästebuch: Es sei eine „ganz normale, das heißt den Verhältnissen entsprechende, Unterhaltung gewesen. Ich danke für die Gelegenheit.“

Frank Trende, der auch ein Werk über die Neulandhalle verfasst hat – „Die Neulandhalle in Dithmarschen. Geschichtsort – Kulturort – Lernort“ – nannte im Gespräch mit dem shz-Verlag „Hermann Kant, Dithmarschen und ein Roman“ einen „Schlussstein“ seiner bisherigen Forschungen rund um den Dieksanderkoog und die Neulandhalle, die heute ein Gedenk– und Lernort ist. Sein Buch verbindet über Hermann Kants Roman die Geschichte zweier deutscher Staaten mit dem lokalen Blick auf Dithmarschen.

Erschienen ist es im Boyens Verlag, ISBN 978-3-8042-1603-7, es kostet 22 Euro.  


 

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