Der Bahnhof von Neumünster ist heute ein Ort mit Bäckerei, Buch- und Blumengeschäft und der Filiale einer Fast-Food-Kette. Der Flachbau ist kein sehr schönes, aber ein funktionales Gebäude. Kaum vorstellbar, dass vor gar nicht so langer Zeit dieser Bahnhof für viele Menschen einen Schreckensort darstellte. Denn von hier aus fuhren in der NS-Zeit die Züge in KZs oder zur Zwangsarbeit. „Von hier aus“ ist denn auch der Titel eines Projekts, bei dem Schüler:innen auf Spurensuche zur Geschichte Neumünsters in den 1930er und 1940er Jahren gehen. Ihr Mittel ist Kunst.
„Raus aus dem Geschichtsbuch“
In sieben Workshops nähern sich die Schüler:innen der NS-Zeit in ihrer Stadt. Es geht darum, eigene kreative Wege finden. Mit dabei ist das Filmprojekt „Zwischen den Waggons“, das der Filmemacher Moses Merkle mit Jugendlichen der Immanuel-Kant-Schule umsetzt. Einen Podcast mit Bildern, ein Podcamotion, produziert Filmemacher Claus Oppermann mit der Gemeinschaftsschule Faldera. Die Theaterregisseurin Birgit Bockmann inszeniert ein Schauspiel mit Musik an der Hans-Böckler-Schule. Auch die Elly-Heuss-Knapp-Schule bringt ein Theaterstück auf die Bühne, die Leitung hat die Theaterpädagogin Nadeshda Yassin. Geplant sind außerdem Ausstellungen zur Wirkung von Propaganda und zu konkreten Opfern unter dem Titel „Namen gegen das Vergessen“.

Wichtig sei, dass die Kinder und Jugendlichen „raus aus der Schule und aus dem Geschichtsbuch kommen“, sagt Katharina Matzkies, Kreisfachberaterin für Kulturelle Bildung der Stadt Neumünster. Sie hat die Ideen zusammengetragen und die Bewerbung um Fördermittel angestoßen. Ihr sei dabei wichtig, dass alle Schulformen – Gymnasium, Gemeinschafts- und Berufsschulen – beteiligt sind. Und alle Altersklassen. Die NS-Zeit werde in der Schule regulär in Klasse neun behandelt, sagt Matzkies, die selbst als Lehrkraft tätig ist. „Aber mit Themen wie Menschlichkeit und Ausgrenzung können sich auch Jüngere befassen.“ Sie hofft, dass vielleicht auch eine Grundschule ein Projekt übernimmt.
„Es geht nicht darum, den Kindern einen schweren Rucksack umzuhängen, sondern sie dafür zu sensibilisieren, was passiert, wenn wir uns nicht umeinander kümmern.“
Bundesweites Programm für lokale Erinnerung
Das Projekt „Von hier aus“ in Neumünster ist Teil des bundesweiten Programms „MemoRails“, ein Kofferwort aus „Erinnern“ und „Schienen“. Ins Leben gerufen hat es die Bundes-Stiftung Erinnern, Verantwortung, Zukunft (EVZ). Sie geht zurück auf einen Beschluss aller Fraktionen des Bundestages im Jahr 2000. Die Stiftung solle ehemaligen Zwangsarbeiter:innen und anderen vom Unrecht des Nationalsozialismus Betroffenen individuelle humanitäre Zahlungen ermöglichen und die Erinnerung an das ihnen zugefügte Unrecht für kommende Generationen wachzuhalten, heißt es auf der Homepage der Stiftung.

Das aktuelle Programm „MemoRails“ umfasst insgesamt 13 Projekte in ganz Deutschland, die unter mehr als 100 Bewerbungen ausgewählt wurden. In allen Projekten geht es um die Geschichten von Täter:innen und Opfern, und es geht um Bahnhöfe. Denn die seien als Orte der Deportation und Entmenschlichung „Knotenpunkte der Verbrechen“, sagte Andrea Despot, Vorstandsvorsitzende der Stiftung EVZ, zum Start des Projekts. Dennoch gebe es an Bahnhöfen heute nur wenige Spuren dieser Geschichte. „MemoRails“ wolle Erinnerungen lokal verankern.
Schüler:innen suchen nach Spuren
Auf der Projekt-Landkarte ist Neumünster der nördlichste Punkt. Den Anstoß für die Bewerbung gab Katharina Matzkies, Kreisfachberaterin für Kulturelle Bildung des Landes Schleswig-Holstein für die kreisfreie Stadt Neumünster. Den Antrag stellte die Musikschule Neumünster. Beteiligt sind auch mehrere örtliche Schulen. Deren Schüler:innen gehen in den nächsten Wochen gemeinsam mit Künstler:innen und Kulturvermittler:innen auf Spurensuche – buchstäblich und im übertragenen Sinn.
In sieben Workshop-Formaten erarbeiten die Gruppen Theaterstücke, Film- und Audioformate, Installationen, Plakatkunst und Performances zu den lokalen Ereignissen während der NS-Zeit. Themen sind unter anderem die Deportation von Sinti und Roma, Zwangsarbeit, nationalsozialistischer Propaganda sowie Fragen von Heimat, Ausgrenzung und Erinnerung. Der Ausgangspunkt ist dabei immer der Bahnhof: Wer kam hierher, wer fuhr von hier ab und welche Spuren hinterließen die Menschen?
Ein virtuelles Denkmal für die Ewigkeit
Insgesamt stehen für alle Formate und Workshops rund 63.000 Euro zur Verfügung. Eine weitere Unterstützung stammt von der Sparkassen-Stiftung Südholstein. Ab Ende stellen die Beteiligten ihre Werke in einer öffentlichen Vernissage in den neuen Räumlichkeiten der Stadtbücherei Neumünster, Wasbeker Straße 14 – 20, statt.

Vor allem aber soll es ein Zeichen geben, um die Erinnerung dauerhaft und im öffentlichen Raum wach zu halten. Dazu wird Ende Mai eine Gedenktafel am Hauptbahnhof Neumünster angebracht. Über einen QR-Code können Interessierte die Ergebnisse der Spurensuche zur NS-Zeit sehen. „Das ist eine Sache für die Ewigkeit“, sagt Katharina Matzkies.