Die Reihe Meisterschüler – Meister wird bereits seit ein paar Jahren beim Schleswig-Holstein Musikfestival durchgeführt. Dieses Jahr durfte die 31-jährige Anastasia Kobekina Meisterin sein und mit vier ausgesuchten Musikstudent_innen, vulgo „Meisterschülern“ ein Quintettprogramm erarbeiten und auf die Bühne bringen. Auf die Bühne? Es sollte wohl eher heißen: in die Klosterkirche Bordesholm.
Diese war am 16. Juli gut gefüllt, selbst im Chorgestühl saßen Besucher_innen. Sie mussten lange klatschen, bis die Musiker_innen den langen Weg durch das Kirchenschiff bis zum Altarraum hinter sich gebracht hatten.
Zunächst wurde das eher unbekannte Streichquintett von Alexander Glasunow gespielt. Hier übernahm die barfüßige Anastasia Kobekina die zweite Cellostimme neben ihren beschuhten ‚Schüler_innen‘ Marie Helling (1. Geige), Maxim Tzekov (2. Geige), Arcan İsenkul (Bratsche) und Ángela Aguareles (1. Cello). Dadurch wurde das Gefüge der Einzelstimmen ins Wanken gebracht: Das Stradivari-Cello Kobekinas (und ihre Ausstrahlung und Meisterschaft) brillierte und übertönte die anderen Instrumente merklich. Selbst wenn sie nicht spielte, dirigierte sie mit ausdrucksstarker Mimik mit. Nicht von der 1. Geige, sondern vom 2. Cello wurde das Quintett also angeführt – ein spannendes, seltenes Experiment, das nicht ganz glückte, weil darunter die doch auch wichtige kammermusikalische Ausgeglichenheit litt.
Das Streichquartett von Franz Schubert
Nach der Pause erklang Schuberts berühmtes Streichquintett. Hier wechselten die Stimmen durch. Auch das ist eher ungewöhnlich, brachte jedoch eine spannende Dynamik ins Konzertgeschehen, weil Helling und Tzekov je Konzerthälfte ihren j eigenen Charakter als 1. Geige ins Spiel bringen konnten.
Auch die Cellostimmen wechselten: Alexandra Kobekina spielte nun Violoncello I. Das hätte auch anders entschieden werden können, da die zweite Cellostimme beim Schubertquintett keineswegs untergeordnet ist – besonders im zweiten Satz mit seiner besonderen Rhythmik stechen seine Sechzehntelläufe charakteristisch hervor. Rostropowitsch, einer der berühmtesten Cellisten des 20. Jahrhunderts, dem Schostakowitsch seine Cellokonzerte und Britten seine Suiten widmete, übernahm 1989 bei der berühmten Grammophonaufnahme des Quintetts ausgerechnet diesen Part.
Doch dem Gefüge in diesem heutigen Quintett mit der Rostropowitsch-Nachfolgerin Kobekina tat der Wechsel gut, weil sie sich als natürliches erstes Cello besser in den Gesamtklang einordnete statt als zweites Cello, das eigentlich viel mehr will. Dadurch bewies sie indirekt, mit viel weniger Emphase, ihre Meisterschaft umso stärker. In den langen Linien scheinbarer Harmonie, die wie bei Schubert eigentlich immer auf die Abgründigkeit und Ausbrüche abzielen, betörte ihr Klang, neben – und das war der eigentliche Gewinn – dem ihrer Mitmusizierenden.

Und so gab es zurecht nach dem Konzert in toller Location Standing Ovations, die, wie bei kammermusikalischen Konzerten üblich, leider mit keiner Zugabe belohnt wurden. Ein schönes Konzert, bei dem das Konzept des Schleswig-Holstein Musikfestivals, besondere Konzertorte und Kuratierung der Konzerte zu kombinieren, wieder einmal aufging. Nur die Mischung aus Zuschauer_innen, die zwischen den Sätzen klatschen, und Zuschauer_innen, die sich naserümpfend darüber beschweren, hätte sich durch eine Ansage, was sich die Musizierenden selbst wünschen, leicht vermeiden lassen.