„Enorm Music“ heißt der Betrieb von Enno Heymann. Doch in seinem Büro in Fahrdorf geht es neben Tönen auch um Paragrafen: Heymann ist Musikverleger und Bandmanager. Im Ehrenamt aber tauscht das ehemalige Bandmitglied von „Lecker Fischbrät“ gerne Schreibtisch gegen Probenbühne. Als Kurator der Wacken Foundation fördert er junge Musiktalente.
„Mein Herz schlug für Punk, gespielt habe ich alles“
Gleich zwei große Bildschirme stehen auf Enno Heymanns Schreibtisch. Hebt er den Kopf, sieht er jenseits der Fensterscheibe seines Büros die Schlei in der Sonne glänzen. Und er sieht eine Bass-Gitarre, die an einem Holzpfeiler in der Mitte des Raums hängt. Es ist seine, aber gespielt hat er längere Zeit nicht mehr darauf, gibt der 55-Jährige zu.

Trotzdem gehört und gehörte Musik schon immer zu Heymanns Leben. Der Niedersachse – geboren in Georgsmarienhütte bei Osnabrück, aufgewachsen in Hagen am Teutoburger Wald, Abitur in Osnabrück – sollte als Kind Klavier lernen. Das klappte eher nicht, aber es ebnete ihm trotzdem den Weg. „Der Mann meiner Klavierlehrerin merkte, dass ich keinen Bock hatte, und hat sich meiner erbarmt.“ Es war wohl auch Eigeninteresse dabei, denn Heymanns Retter leitete eine Blaskapelle, in der ein Schlagzeuger fehlte. „Ich wurde der kleine Trommler in der Kapelle.“ Gleichzeitig spielte er im elterlichen Keller mit einer eigenen Band Punk und Metal und schlug im Schulorchester die Kesselpauke. „Mein Herz schlug für Punk, aber gespielt habe ich alles.“
Nach dem Abitur ging Heymann nach Kiel. „Ich war Windsurfer und wollte unbedingt ans Wasser.“ Er begann ein Jura-Studium und kam „aus einem dummen Zufall“ in eine neue Band. Die wurde dann „einigermaßen erfolgreich“, sagt Heymann. Ein Fall von Tiefstapelei: Die 1994 gegründete Band hieß „Lecker Fischbrät“ und war bis zu ihrer Auflösung 2013 eine echte Größe im Norden. Unter anderem nahmen die „Fischbräts“ erfolgreich am John Lennon Talent Award, dem Nachwuchswettbewerb der Itzehoer Versicherungen, teil. Natürlich habe er davon geträumt, als Musiker Geld zu verdienen, sagt Heymann. „Aber von der Illusion habe ich mich irgendwann verabschiedet.“ Bei „Lecker Fischbrät“ stand er nicht nur auf der Bühne, kümmerte sich alles, was noch so anstand: „Was man so Management nennt.“
Musik braucht Management: Organisation ist alles
Parallel und mit dem in der eigenen Band gewonnenen Wissen begann er, bei einer Kieler Konzertagentur zu arbeiten. Erst war es nur ein Nebenjob, aber das Studium habe ihn nur noch genervt, berichtet Enno Heymann. Alle nötigen Scheine für die Zulassung zur Abschlussprüfung hatte er beisammen, aber das juristische Staatsexamen legte er am Ende nicht ab. Stattdessen machte er sich im Jahr 2000 mit einer eigenen Agentur selbstständig und eröffnete die „Enorm Music“.
Leicht fiel der Anfang nicht. Heymanns Sohn wurde geboren, das Geld der jungen Familie war knapp. Wieder kam ein Zufall zur Hilfe. Durch Bekannte kam Heymann in Kontakt mit Thomas Jensen, einem der Köpfe hinter dem Wacken Open Air. Der bat Heymann um Rat: Er habe das Management der Band „Saxon“ übernommen und habe da einige alte Verträge. Ob Heymann mal draufschauen könne?
„Ich fuhr nach Dörpstedt, wo Thomas Jensen damals sein Büro hatte, und stand in einem Zimmer voller Aktenordner“, erinnert sich Heymann. „Und mir war klar: Dafür brauche ich ein bisschen länger.“ Denn die Alt-Rocker der 1979 gegründeten Heavy-Metal-Band hatten im Lauf ihrer Karriere zahlreiche Verträge und Vereinbarungen geschlossen. Kein Einzelfall, sagt Heymann: „Damals, in den Zeiten vor digitalen Überweisungen, zahlten Bands während Tourneen für Leistungen oder gaben Leuten Geld, damit sie etwas erledigten.“ Dabei seien die Bands manchmal übervorteilt worden, teils verschwanden Betrüger mit dem Geld. Wenn es Verträge gab, sahen die höchst unterschiedlich aus, von professionell bis zu handgeschriebenen Zetteln.

Heymann sortierte tagelang die Saxon-Papiere. Es war der Beginn seiner heutigen Tätigkeit und der Zusammenarbeit mit Thomas Jensen, Holger Hübner und dem Wacken-Management. Seit 2005 ist die Enorm Music eine Kommandit-Gesellschaft, an der Jensen und Hübner beteiligt sind. Im Lauf der Zeit entwickelte sich aus der Agentur ein Musikverlag.
Musikverlag: Jenseits der Bühne die Wege freimachen
Musikverleger? Seinen Beruf muss Enno Heymann manchmal erklären. Denn es geht um sperrige Themen wie Urheberrechte an Musikstücken, um Verträge und Bezahlung. Mit anderen Worten: die Bürokratie hinter den Songs.
„Bands machen oft sehr viel selbst“, sagt Heymann. „Einige Mitglieder schreiben Texte, andere komponieren.“ Läuft alles gut, ist das kein Problem. Aber wenn es Streit gibt oder Mitglieder die Gruppe verlassen, wer besitzt die Rechte?
In fast allen Staaten bis auf die USA gilt das Urheberrecht als etwas, das die Schöpfer:innen eines Werks niemals gänzlich abgeben können. Gleichzeitig soll natürlich Musik gespielt und gehört werden. Diese Nutzung ist erlaubt, muss aber bezahlt werden. Autor:innen und Komponist:innen können sich selbst darum kümmern. Oder sie können eine weitere Instanz einschalten, die die Rechte für sie wahrnimmt. In Deutschland ist das die „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“ (GEMA). Sie treibt, kurz gesagt, Geld ein. Und zwar überall, wo Musik spielt: In Gaststätten und Radiosendern, bei Veranstaltungen und in Telefonwarteschleifen. Die dort kassierten Gebühren schüttet die GEMA an die Künstler:innen aus.
Wer eine persönlichere und umfassendere Betreuung möchte, kann sich einem Musikverlag anvertrauen. Denn die Sache ist kompliziert, erklärt Heymann: „Es kann in einer Band vielleicht zwei Texter und einen Komponisten geben oder andersherum.“ Hinzu kommt die Plattenfirma, die das Recht am Masterband eines Liedes hält, das wiederum aus Anteilen mit unveräußerlichem Urheberrecht besteht.
Berührungsängste mit der GEMA
„Das System für die Vergütung kreativer Leistung finde ich richtig gut“, sagt Heymann. Aber er verstehe durchaus, dass Künstler:innen die GEMA-Regeln unverständlich finden. „Da gibt es große Berührungsangst.“ Das sei zwar unberechtigt: „Da arbeiten gute Leute, mit denen man vieles besprechen kann.“ Aber wer sich nur selten mit dem Thema befasse, fände sich nicht leicht zurecht.
Gegen eine pauschale Bezahlung oder einen Anteil am Umsatz kümmert er sich um die rechtliche Organisation: „Ich schaue mir Abrechnungen an, weise die beteiligten Stellen auf bestehende Rechte hin und sehe zu, dass für die Nutzung der Werke bezahlt wird.“ Das könne die Musiker:innen vor Fehlern bewahren.
Manager bei Kärbholz, Ehrenamt mit musikalischem Nachwuchs
Neben der Verlags-Tätigkeit ist Heymann auch Manager der Deutsch-Punk-Band „Kärbholz“. Voller Stolz zeigt er auf eine Wand seines Büros, an der Poster und ein Ausriss der Top-Ten-Platzierung eines Kärbholz-Titels hängen. „Meine Hall of Fame.“ Als Manager berät er, kümmert sich um Verträge und das Vorankommen der Band. Deren Musik gefalle ihm – inzwischen. „Sie haben sich im Lauf der Jahre musikalisch und menschlich weiterentwickelt, das ist großartig.“ Nicht stehen zu bleiben, sich immer weiterentwickeln, neue Dinge tun und Spaß an Experimenten zu behalten – das wünscht Heymann sich auch für sich selbst.

Am meisten Entwicklung gibt es bei denjenigen, die noch ganz am Anfang stehen. Seit vielen Jahren hilft Enno Heymann dem Nachwuchs bei ersten Schritten auf die Bühne. Das tut er als Beiratsmitglied der Wacken Foundation, einer Stiftung zur „Förderung von Hard Rock und Heavy Metal Musik“. Dahinter stehen die Gründer des Wacken Open Airs, Holger Hübner und Thomas Jensen, die damit jungen Talenten den Weg in die Branche ermöglichen wollen.
Seit 2009 findet je nach Lage der Sommerferien vor oder nach dem größten Heavy Metal-Festivals der Welt in Wacken ein Camp für Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren statt. Eine Woche lang proben sie eigene Stücke, lernen neue Techniken und sammeln Erfahrungen. Zum Schluss der Probenwoche treten sie im Landgasthof Wacken auf, wo sie ihre neuen Songs präsentieren können. Im Jahr 2026 nahmen über 70 Jugendliche teil.
Chance für die Metalkids
Für Enno Heymann ist das jährliche Camp eine „Herzensangelegenheit“. Er organisiert das Camp in Kooperation mit dem Landesverband der Musikschulen SH und begleitet die Jugendlichen während der Probenwoche und liebt den Schwung und die Begeisterung der Teilnehmenden. „Es sind Gleichgesinnte, die Lust auf härtere Musik haben. Diesen Metalkids geben wir die Chance, zusammenzukommen und sich auszuprobieren.“ Dieses Angebot nehmen die Jugendlichen begeistert an, sie seien „angezündet, etwas zu lernen“. Denn viele würden erstmals wirklich sehen, wie sich aus Spaß an der Musik ein echter Song und eine Bühnenpräsentation entwickelt.
Inzwischen haben einige Bands, die das Camp absolviert haben, einen professionellen Weg eingeschlagen. Cursed Abyss aus Lübeck wurden 2022 beim Abschlusskonzert im Landgasthof Wacken gefeiert – 2026 legten sie ihr Debutalbum vor. Für Enno Heymann schließt sich damit ein Kreis zur eigenen Jugend: „So eine Förderung hätte ich mir auch gewünscht“, sagt er. „Wir haben damals im Keller geprobt, der Gitarrist kam bei Wind und Wetter auf dem Moped angeknattert, nur um dabei zu sein.“ Wenn die Älteren den heutigen Jugendlichen vorwürfen, zu viel Zeit vor dem Handy zu verbringen, „müssen wir ihnen Alternativen bieten, Räume, in denen sie ihre Kreativität und ihre Grenzen ausprobieren können“.
Grenzen definieren und verschieben
Auch Heymann selbst mag es, seine Grenzen zu testen und nach außen zu verschieben. Das meint vor allem seine körperlichen und sportlichen Grenzen. Windsurfing, der Sport, der ihn als jungen Mann nach Kiel lockte, betreibt er trotz der Schlei vor dem Fenster nicht mehr. Dafür sitzt der zweifache Vater – sein Sohn ist bereits aus dem Haus, die Tochter geht noch zur Schule – gern auf dem Fahrradsattel. Ein Rad steht auf der Terrasse seines Hauses, ein weiteres hängt an der Wand. Auch andere Ausdauer-Sportarten wie Laufen und Schwimmen hat er für sich entdeckt. Inzwischen ist er beim Triathlon gelandet.
„Es gibt den Spruch, man laufe vor sich weg – ich finde, man läuft zu sich selbst“, sagt er. Sport bedeute Qualitätszeit. Um besser zu werden, brauche es einen langen Atem. Genau wie in der Musik: „Du kannst einen Hit haben, trittst im Fernsehen auf, aber bist morgen wieder vergessen.“ Dauerhaften Erfolg habe nur, wer dranbleibe, aus Erfahrungen lerne und Grenzen durchbreche.
Genau so sei es beim Sport: „Du musst dich anstrengen, um zehn Kilometer mehr zu schaffen, auch bei Wind und Wetter.“ Je länger die Distanz, desto intensiver sei es – und helfe gegen den Stress und die langen Stunden im Büro. „Beim Laufen oder Radfahren höre ich keine Musik, ich will das Rauschen des Windes und die Umwelt hören.“ Der Erfolg: „Manchmal komme ich dabei auf Ideen, die ich an einem Tag vor dem Rechner nicht gehabt hätte.“
Blick in die Kristallkugel: KI oder Emotionen?
Der Musikmarkt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, und KI wird das Geschäft noch weiter verändern. Während es früher ein Plattenstudio, Instrumente und Talent brauchte, um einen Song zu erschaffen, lässt sich ein Musikstück heute mit ein paar Klicks programmieren. Dafür klauen die künstlichen Intelligenzen aus vorhandenen Werken und greifen damit in die Rechte der Kreativen ein. Die GEMA hat im Sommer 2026 erfolgreich dagegen geklagt.
Heymann will die KI nicht verteufeln. So wie neue Verbreitungs-Kanäle wie Youtube oder Social Media einigen Bands zum Durchbruch verholfen haben, die es in der Zeit der linearen Sender kaum geschafft hätten, könnten die digitalen Helferlein für heutige Kreative ein Segen sein. Den Kern der Sache werde Technik nicht verändern: „Musik funktioniert durch Emotionen und Typen. Heute gehen Leute mit Sachen aus Kinderzimmern viral, während gecastete Gruppen, hinter denen große Firmen stehen, sich nicht durchsetzen.“ Gerade die Heavy Metal-Szene sei ziemlich resistent.
„Die Fans von Rock und Metal sind da in einem positiven Sinne konservativ. Die hören Stücke, die sie berühren, und nicht das, was ihnen ein Algorithmus vorsetzt.“
Die Reihe „Mensch, Musik!“ erscheint in Kooperation mit dem Landesmusikrat Schleswig-Holstein. Im Juli 2026 portraitierte Pauline Reinhardt die Musikerin Merle Selk von der Band Quiet Girl. Alle bisher erschienenen Portraits sind → hier zu finden.
