Für das Meldorfer Literaturtreiben wurden Menschen eingeladen, ihre ganz persönlichen Vorstellungen von Heimat festzuhalten. Die Antworten finden sich auf Postkarten, in einer Ausstellung und gerahmt in den Schaufenstern zentraler Meldorfer Geschäfte. Viele einzelne Sätze, viele Erfahrungen – und keine abschließende Definition.

Diese Offenheit trägt auch das 2. Meldorfer Literaturtreiben, das vom 30. Oktober bis 14. November unter der Frage „Heimat ist – was?“ steht. Lesungen, Film, Ausstellung, Musik, Theater und Formate, die zum Austausch und Mitgestalten einladen, bringen unterschiedliche Zugänge zu Heimat zusammen. Im Programm begegnen sich Geschichten von Verbundenheit und Prägung, von Aufbruch und Rückkehr, von Verlust, Flucht und dem Versuch, sich neu zu beheimaten. Das Literaturtreiben versteht diese Auseinandersetzung zugleich als gesellschaftlichen Dialog, der über die Veranstaltungen hinaus in Schulen und Familien weitergetragen werden soll.
Wie entstand die Idee zu diesem Festival? Warum wird Heimat gerade jetzt zum Thema und was kann Literatur leisten, wenn ein Begriff zugleich persönlich, gesellschaftlich und politisch aufgeladen ist? Darüber sprechen Anke Cornelius-Heide, ehemalige Bürgermeisterin von Meldorf und Ideengeberin des Literaturtreibens, sowie Kirsten Hansen, die seit Jahren in der Meldorfer Literatur- und Kulturszene aktiv ist und zum Organisationsteam gehört.
Was gab den Anstoß für das Meldorfer Literaturtreiben?
Anke Cornelius-Heide Den Impuls gab tatsächlich ein hiesiger Autor, der von einem „Poetenfestival“ schwärmte, das sein Verlag für „seine“ Autor*innen organisiert hatte. Es war das Wort, das etwas bei mir zum Klingen brachte.
Als ehemalige Bürgermeisterin von Meldorf war und bin ich bemüht, die Stärken der Stadt ins Bewusstsein zu rücken und zu fördern. Und da hat die Kleinstadt Meldorf speziell in Bezug auf Bücher und Lesen viel zu bieten. Wir haben zwei Buchhandlungen, eine Stadtbücherei, eine offene Lesebühne und zwei Vereine, die besonders das Lesen von Kindern fördern.
All diese Akteur*innen und die Schulen habe ich eingeladen und von der Idee eines Festivals begeistert. Wir haben dann allerdings einen Namen gewählt, der aus unserer Sicht besser zu unserer ländlichen Region passt – so ist das Literaturtreiben entstanden.
Warum haben Sie „Heimat – ist was?“ gerade jetzt zum Thema des Literaturtreibens gemacht?
Kirsten Hansen Dazu muss ich kurz ausholen. In der ersten Planungsphase vor knapp zwei Jahren haben wir uns natürlich gefragt, welche Literaten wir nach Meldorf einladen möchten. Da waren wir sehr schnell bei Autorinnen wie Dörte Hansen und Kristine Bilkau. Nicht nur, weil wir deren Bücher sehr schätzen, sondern auch, weil sie mit ihrem Schreiben tief in unserer Region verankert sind.
Bilkau sagt, sie schreibe „entlang des Wassers“ und will dies nicht als örtliche Kulisse verstanden wissen, sondern als prägenden Rahmen für die Entwicklung ihrer Charaktere. Hansen sieht genau wie Siegfried Lenz („Die schleswig-holsteinische Landschaft schweigt so, als hätte sie ein Geheimnis“) hier im Norden einen „Freiraum, der nicht sehr laut“ ist und der als Resonanzraum in ihren Geschichten zum Klingen gebracht werden kann.
Zugleich wird „Heimat“ in den Geschichten verhandelt; beide Autorinnen treiben Fragen um nach Bindung und Verbundenheit, nach Zugehörigkeit, Prägung und – beim Verlust von Heimat – auch Themen wie Kultur und Tradition.
Mit dem Erstarken rechter bis rechtsextremer antidemokratischer Kräfte hat der Heimatbegriff, wie oft in Zeiten der Unsicherheit und Veränderung, politisch Konjunktur erlangt. Er wird als Instrument der Ausgrenzung eingesetzt und ist damit für viele liberale Menschen zu einem Unwort geworden, das man nicht mehr oder nur mit negativem Beigeschmack benutzen kann.
Wir wollen die Deutungshoheit über den Heimatbegriff nicht denen überlassen, die ihn einseitig für eine nationalistische Politik missbrauchen. Wir glauben, es gibt viel mehr als nur eine Antwort auf die Definition nach Heimat. Deshalb haben wir unser Motto als Frage formuliert – „Heimat – ist was?“ Wir wollen viele Stimmen zu Wort kommen lassen.
Deshalb haben wir in einer Postkarten-Aktion um persönliche Statements gebeten und von allen AkteurInnen unserer Veranstaltung ihre ganz eigenen Heimat-Sätze eingesammelt. Einige davon zeigen wir in einer Ausstellung zur Eröffnung unseres Literaturtreibens, andere haben wir gerahmt und in den Schaufenstern der zentralen Meldorfer Geschäfte präsentiert.
Anke Cornelius-Heide Wir erleben ein Erstarken der rechten Partei, die einen ausgrenzenden Nationalismus und Heimatbegriff propagiert, was wir unerträglich finden. Wir verstehen Heimat nicht ausgrenzend, sondern verbindend.
Alle Menschen sehnen sich danach, irgendwo, irgendwie, bei irgendwem beheimatet zu sein, die eigenen Fähigkeiten und Interessen ausleben zu können. Das beinhaltet ein akzeptierendes und wertschätzendes Miteinander, sich wohl und sicher zu fühlen.
Wir wollen, dass Menschen dieses Gefühl haben, wenn sie in Meldorf oder Dithmarschen wohnen. Zumal wir als ländliche Region darauf angewiesen sind, dass Menschen hierherkommen, weil wir sie als Fachkräfte dringend brauchen. Da ist es für uns wichtig zu erfahren, wie wir ihnen eine Heimat – wenn auch oft nur auf Zeit – schaffen können.
Kristine Bilkaus „Halbinsel“, Frank Schwiegers „Trümmerkinder“ und Selim Özdogans „Ihr kriegt uns hier nicht raus“ stehen in Ihrem Programm nebeneinander. Was hat Sie bei der Auswahl der Werke und Mitwirkenden geleitet?
Anke Cornelius-Heide Im Roman „Halbinsel“ zieht die Tochter, die im Ausland und in der Großstadt gelebt hat, zumindest vorübergehend zurück in ihr Elternhaus in Eiderstedt, während die Mutter mit dem Gedanken spielt, nochmal woanders ein anderes Leben zu beginnen. Die Trümmerkinder haben ihr Zuhause verloren, d.h. das, was ihnen vertraut war und ihnen Schutz gegeben hat. In Selim Özdogans Roman versucht eine kurdische Familie in Deutschland Wurzeln zu schlagen.

Wir leben in einer Zeit der Mobilität – mal freiwillig, weil wir Veränderung wünschen, meist erzwungen durch wirtschaftliche und politische Verwerfungen. Wir wollen aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen, wie Menschen das empfinden und wie sie damit umgehen. Was sie für ein aus ihrer Sicht besseres Leben brauchen, wo die Hürden sind und wie Integration gelingen kann, sodass Vielfalt als Bereicherung empfunden wird.
Kirsten Hansen Unser Anspruch, viele Perspektiven zu zeigen und viele Altersgruppen zu berücksichtigen. Schwieger ist Lehrer und Autor und findet eine sehr kindgerechte Sprache für Themen wie Krieg, Flucht und Vertreibung. Er liest im Rahmen des Literaturtreibens direkt in den Schulen; die Lektüre dient als Impuls für anschließende Projekte.
Özdogan erzählt die Geschichte einer kurdisch-türkischen Familie im Köln der frühen 80er Jahre. Das Buch ist im vielfachen Sinne voller Musik. Es ist ein Glücksfall, dass die Musikerin Dila Yavuz begleitend zentrale Songs aus dem Buch interpretiert und wir den Text buchstäblich zum Klingen bringen können.
Beim „Gedanken-Gemälde“ können die Gäste ihre eigenen Heimatvorstellungen in ein gemeinsames Bild einbringen. Was erhoffen Sie sich von dieser Form der Beteiligung?
Kirsten Hansen Eine Vielstimmigkeit, die wir ermöglichen und mit Hilfe des Künstlers auch sichtbar machen wollen. Nach unserer Überzeugung brauchen wir in dieser Gesellschaft unbedingt Räume, in denen verschiedene Vorstellungen formuliert werden können und auch nebeneinander Bestand haben dürfen. Das gesamte Literaturtreiben soll solche Foren bieten.
Anke Cornelius-Heide Letztlich erhoffe ich mir davon, dass sich die Menschen durch diese Frage und durch das Gemälde bewusst machen, was für sie wirklich zählt. Das hat selten mit Konsum zu tun, sondern berührt ganz andere Qualitäten. Dies miteinander zu diskutieren und vor Augen zu führen, finde ich wichtig.
Vielleicht stellen wir fest, dass wir nicht in einer idealen Welt hier leben, dass es uns hier aber im Vergleich mit den meisten Regionen sehr gut geht. Und dass wir einen Beitrag dazu leisten müssen, dass es so bleibt. Ein respektvolles Miteinander, Freiheit und Sicherheit sind nicht selbstverständlich, sondern brauchen unser aller Engagement.
Was kann Literatur in der Auseinandersetzung mit Heimat und gesellschaftlichem Wandel leisten – und wo sehen Sie ihre Grenzen?
Kirsten Hansen Literatur kann – und sollte, finde ich – andere, neue Blickwinkel und Wahrnehmungen ermöglichen. Sie wird dann bereichern, vielleicht verunsichern, vielleicht bestärken und ermutigen, in jedem Fall aber eine Auseinandersetzung in Gang setzen.
In der heutigen Zeit, die von krassem Werteverlust geprägt ist und von vielen als düster empfunden wird, sehe ich eine Aufgabe von Literatur auch darin, positive Gegenentwürfe zu formulieren. Wege aufzuzeigen, wie wir leben wollen. Dazu gehört, daran zu erinnern, wo wir herkommen.
Der Filmemacher Lars Jessen, der beim Literaturtreiben seinen neuen Film „Spaziergang nach Syrakus“ vorstellen wird, nennt das „Möglichkeitsräume der Zukunft“ und fordert mehr „Geschichten vom Gelingen“ ein. Ich habe große Sympathie für diese Idee. Ich glaube, wir haben die gerade alle nötig.

Anke Cornelius-Heide Literatur kann uns Sichtweisen eröffnen, die uns bislang fremd waren. Sie kann Wege und Möglichkeiten aufzeigen, die wir vorher nicht gesehen haben. Sie lässt uns mit den Protagonist*innen mitfiebern, mitleiden, mitfreuen, mitlieben. Sie beschreibt Gefühlswelten, die wir vielleicht real noch nicht erlebt haben.
Die Literatur kann in uns etwas Neues wecken, aber es liegt an uns, welche Schlüsse wir daraus ziehen. Die Gesellschaft wandelt sich erst, wenn der Erkenntnis auch Taten folgen.
Was soll vom Literaturtreiben in Meldorf bleiben, wenn die Veranstaltungen vorbei sind?
Anke Cornelius-Heide Ich wünsche mir, dass jede und jeder Einzelne von uns einen Impuls erhält, etwas Neues auszuprobieren und einen Beitrag dazu zu leisten, dass wir uns alle hier wohl- und beheimatet fühlen können.
Was bedeutet Heimat für Sie persönlich?
Anke Cornelius-Heide
Heimat ist für mich, mit dem Fahrrad zum Schwimmen in der Nordsee zu fahren, der freundliche Plausch auf dem Wochenmarkt, unser Haus, das mir Rückzug und Schutz bietet, Menschen um mich herum, die mich mögen und auf die ich mich verlassen kann.
Kirsten Hansen Ich habe keine Kindheitsorte, die mich so geprägt haben, dass sie für mich Heimat geworden sind. Auch auf die Gefahr hin, dass es kitschig klingt – hier in der Weite der schleswig-holsteinischen Westküste habe ich Raum gefunden, der mir tiefe Ruhe gibt und Luft zum Atmen. Er berührt mich auf einer Ebene unterhalb des Bewusstseins. Wenn ich hier am Meer stehe, habe ich Herzklopfen.
Frau Cornelius-Heide, Frau Hansen, vielen Dank für das offene und anregende Gespräch.