„ich schreibe eigentlich immer“, sagt Tim Tensfeld über sich. Der 27-Jährige, der aus Bad Oldesloe stammt und heute in Ritzerau im Kreis Herzogtum Lauenburg lebt, arbeitet im Hauptberuf als Erzieher. Doch daneben ist er als Schriftsteller und Lyriker erfolgreich. Ein erstes Buch mit Gedichten hat er bereits in einem Wiener Verlag veröffentlicht. Im Beirat der Stiftung Herzogtum Lauenburg engagiert er sich dafür, dass auch andere junge Autor:innen eine Bühne finden.
Die welt bewegt sich /zeitlupenpuls!: sommer /genauer Juli/
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Zeit schwimmt im sirup. Hat an eile verloren.
kulturkanal.sh: Tim Tensfeld, diese Zeilen stammen aus Ihrem Gedicht „Kopfgestöber“. Das passt zum heißen Sommer 2026. Haben Sie es denn auch bei Hitze geschrieben?
Tim Tensfeld: Tatsächlich sind meine Lieblingsjahreszeit der Herbst und der Winter, Hitzewellen mag ich nicht so. Ich bin ein sehr intuitiver Vielschreiber, ich kann gar nicht sagen, bei welchem Wetter ich dieses Gedicht geschrieben habe. Eigentlich schreibe ich immer.
Und zwar Lyrik?
Nicht nur, aber es ist schon der Hauptteil meiner Arbeit. Ich bezeichne mich als Schriftsteller und Lyriker, denn ich schreibe auch Kurzgeschichten, Kinderliteratur, Märchen für Kinder, Reime. Eher kann ich sagen, was ich nicht mache, zum Beispiel Science-Fiction. Schriftstellerei und Lyrik befruchten sich gegenseitig und lösen sich ab: Wenn ich mich für den Moment in der Lyrik ausgeschrieben habe, wechsle ich zur Prosa.
Mit 15 Jahren angefangen zu schreiben
Sie haben in einem Podcast erzählt, eigentlich sei Ihre Mutter Schuld daran, dass Sie mit dem Schreiben angefangen haben?
Ja, das stimmt. Viele Autoren sagen, sie hätten schon immer viel gelesen und sich fürs Schreiben interessiert. Bei mir war es anders. Klar hatte ich einiges gelesen, TKKG oder Harry Potter, aber ich war nicht der größte Leser und hatte nie geschrieben. Aber eines Tages, ich muss 15 Jahre alt gewesen sein, fuhr meine Mutter mich mit dem Auto zu einem Kumpel und nutzte die Gelegenheit, dass ich nicht weglaufen konnte. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade aus dem Sportverein ausgetreten, und sie fragte, ob ich mir nicht ein Hobby suchen wollte. Da habe ich gesagt, dass ich Geschichten schreiben will. Mutter war skeptisch, aber ich habe mich einige Tage später rangesetzt, gegrübelt und eine Kurzgeschichte verfasst. Heute lese ich übrigens sehr viel – ich bin quasi über das Schreiben zum Lesen gekommen.
Und wie ging es dann weiter?
So mit 21 oder 22 Jahren habe ich gedacht, vielleicht wäre auch Lyrik etwas für mich. Allerdings dachte ich, Lyrik müsse sich reimen, bis ich im Netz gesucht und dabei avantgardistische Literatur kennengelernt habe: Texte mit Punkten und Strichen, konkrete Poesie. Das fand ich seltsam, aber es gefiel mir, und ich habe mir gedacht: Vielleicht kannst du das ja auch.
„Ich baue Stolpersteine in meine Texte ein“
Ihre Gedichte bestechen durch ungewohnte Formulierungen, Sprachbilder und manchmal stehen da eckige Klammern oder Unterstriche. Warum das?
Ich baue bewusst Stolpersteine in meine Texte ein. Sie zwingen dazu, nochmals zu lesen, sich zu konzentrieren und darüber nachzudenken. Ich möchte damit verhindern, dass Literatur zu Fast Food wird. Ähnlich ich es mache ich auch mit meiner Bildsprache, mit neuen Begriffen und Bildern. Das soll im Kopf etwas bewirken und das Denken erweitern.
Sie schreiben aber auch Haikus, die ja sehr streng im Aufbau sind. Wie passt das zusammen?
Ich habe mir die Frage gestellt, wie verkürzt und minimalistisch ich schreiben kann. Dabei stieß ich auf japanische Literatur und versuchte, das hinzukriegen. Einige meiner ersten Haikus habe ich an eine Zeitschrift geschickt, und die Reaktionen waren begeistert. So kam eine Textart zur anderen, Kurzgeschichte, Gedichte und Haikus. Wichtig ist, dass mich eine Form reizt.
Meeres-Haiku
Möwenkreisflüge
Meer schluckt und spuckt Muscheln fort
Dünengesichter
Sie sehen sich als Teil einer jungen, avantgardistischen Literaturszene in SH – wo steckt diese Szene, finden Sie sich bei Lesungen, auf Bühnen?
Es ist keine feste Gruppe, aber man merkt bei Poetry-Slams und Auftritten, dass die junge Literatur immer mehr zu Avantgarde und experimentellen Formen findet. Es sind junge Stimmen, die bewusst Regeln brechen, um neue Kanäle zu öffnen. Ich selbst bin mit der Stiftung Herzogtum Lauenburg in Kontakt, die mich gefragt hat, ob ich in den Literaturbeirat möchte. In dem Gremium versuchen wir, über einen Wettbewerb junge Leute anzusprechen. In Mölln gibt es das tolle Kulturzentrum „Courage“, das seine Bühne für jüngere Stimmen freimacht. Auch ich selbst hatte dort Anfang Juli eine erste große Lesung. Insgesamt kann ich sagen, dass es im Herzogtum Lauenburg richtig viele Angebote gibt.

Wie sieht das im Rest von Schleswig-Holstein aus, gibt es ausreichend Auftrittsorte und Unterstützung, um die junge Szene sichtbarer zu machen?
Ich empfinde es so, dass die größeren Bühnen vor allem für die Leute geöffnet sind, die es bereits geschafft haben, die bereits einen Namen haben. Ja, es gibt Workshops und Wettbewerbe, da dürfen die Gewinner etwas vorstellen, aber die wirklich große Bühne bleibt für die Bestseller-Autoren. Zum Glück gibt es im Land viele kleine Lesebühnen und kleine Zentren, aber ich könnte mir mehr vorstellen. Warum finden nicht mal ,Tage der jungen Literatur‘ auf den großen Bühnen statt?
„Einen Text einreichen ist nie einfach“
Sie selbst haben bereits Preise gewonnen, unter anderem „Die Feder“ von der Hanns-Seidel-Stiftung, und Sie standen auf der Shortlist des Putlitzer-Preises. Was raten Sie anderen, soll man sich einfach trauen und Texte zu Wettbewerb schicken?
Einen Text einzureichen, fand ich nie einfach. Man muss sich klarmachen, dass die Wahrscheinlichkeit, bei so einem Wettbewerb ausgewählt zu werden, sehr gering ist. Und dass es nicht bedeutet, dass man schlecht schreibt, wenn der Text abgelehnt wird. Mein Rat ist, nicht wahllos bei Wettbewerben mitzumachen, sondern nur, wenn mir das Thema etwas sagt. Selbst wenn ich nicht gewinne, habe ich einen Text, auf den ich stolz sein kann.
es schlägt herbst.
heiß faselt der kaffee in seiner tassenwelt.
eine weitere phase brennender blätter und schwerer wolkentränen.
der oktober schläft sich nun immer mehr zur tode und der sommer fließt
[aus den parkkörpern gewaschen] zu unseren erinnerungen hin.
Ihre Gedichte sind in Anthologien erschienen, Sie haben auch schon ein Buch veröffentlicht. Verlag oder im Selbstverlag?
Ich veröffentliche bei der edition tagediebin, einem Verlag für experimentelle Literaturformen in Wien. Beim Self Publishing investieren die Leute selbst, und den Produzenten der Bücher ist es völlig egal, was das Thema oder wie die Qualität ist. Das wäre nichts für mich. Ich möchte, dass jemand kritisch auf meine Texte schaut und in mein Buch investiert, weil er daran glaubt. Das motiviert auch mich wieder.
Schreiben auf der Reise
Ihr Buch ist ein Gedichtband mit dem Titel Muschelscherbensterben. Gibt es da ein gemeinsames Thema?
Ich habe das Buch zum großen Teil während einer Reise durch Norwegen geschrieben. Generell schreibe ich gern auf Reisen, und ich reise auch sehr gerne. Reisen verschaffen Begegnungen und beschießen einen mit Beobachtungen, und daraus entstehen meine Bücher. Auf der Gefühlsebene ist das Buch eine Welt-Einladung, denn es will Menschen aus ihren Kokons holen. Es geht um die Dinge, die uns im Leben begegnen, und um Beziehungen. Das titelgebende Gedicht Muschelscherbensterben beschreibt einen Sammler, der am Strand alle Muscheln zusammenrafft. Am Ende ist der Strand leer, weil er sie alle besitzt, aber auch sein Leben ist leer, weil er nichts geteilt hat.

muscheln.
für einen alleinsammler.
frischgefunden.
strandleibentnommen.
leergeknackt.
Wie wichtig ist das Internet für die Vermarktung? Sind Sie viel auf Social Media präsent?
Ich selbst bin nirgendwo aktiv, ich mag Social Media einfach nicht. Es ist zu aufwändig und zeitraubend. Natürlich arbeiten die Verlage damit, das finde ich okay, aber mir ist das Leben zu kurz dafür. Wenn man sich umschaut, sitzen im Café Menschen an einem Tisch, aber jeder schaut auf sein Handy. Warum sitzen sie überhaupt zusammen? Die haben sich nicht getroffen, keine Reizung erzeugen, kein Gespräch geführt. Das ist nicht meine Welt.
Sie sind aktuell hauptberuflich Erzieher in einer Kita. Gibt es Pläne für weitere Bücher, und haben Sie den Traum, eines Tages von Schreiben leben zu können?
Pläne gibt es, aber sie sind zurzeit noch nicht spruchreif. Ich freue mich aber, dass es weitergeht. Natürlich wäre es großartig, eines Tages vom Schreiben leben zu können. Aber mein Traum war ursprünglich, zu schreiben, veröffentlicht und gelesen zu werden. Das alles ist eingetroffen. Wer weiß, vielleicht geht in 100 Jahren jemand in eine Bibliothek und zieht mein Buch heraus. Das wäre cool.