„Ich bin nicht traumatisiert, sagte er. Ich liebe meine Frau.“ So beginnt der Roma „Reizklima“ von Silke Knäpper. Er spielt in einer Kurklinik auf einer nicht näher bezeichneten Nordseeinsel und schildert im zeitlichen Rahmen einer Reha die Schicksale mehrerer Menschen, die es dorthin verschlagen hat.
Sommer, Sonne, Idylle – Fehlanzeige
Von der Kasse bezahlter Urlaub auf einer Insel? Klingt super, aber in dem Roman sind das Wetter und die Landschaft rau, weit weg vom Sommeridyll. Silke Knäpper, die 1967 in Ulm geboren wurde und heute nach Stationen in Frankreich und England wieder in ihrer Heimatstadt lebt, lässt die Leser:innen mitbibbern: „Die Frau wickelte die Wolldecke fester um ihre Hüften. Dort hinten bei den Robben hatte sich eine Lache in der Sandbank gebildet. Ein blaugrüner Streifen im Sand. Es war kalt geworden.“

Im Mittelpunkt steht die Ich-Erzählerin Eva, die aus Süddeutschland kommt. Sie ist 42 Jahre alt, bei der Kur soll ihre Hautkrankheit behandelt werden: „Eva, Neurodermitis“, stellt sie sich bei Mitpatient:innen vor – ein kleiner Gag an einem Ort, an dem Krankheit im Zentrum steht.
Die Klinik als abgeschlossene Gesellschaft
Wie es so ist in der abgeschlossenen Gesellschaft des Kurbetriebs, entspinnen sich rasch Beziehungen. Eva trifft auf André, den Soldaten, dessen Vater und Großvater ebenfalls gedient hatten, zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Armeen. André liebt sein soldatisches Handwerk, aber er leidet unter den Dingen, die er in Afghanistan erlebt hat.
Ein weiterer Bekannter ist Viktor, der in den 1990er Jahren aus dem damaligen Jugoslawien geflohen war. Ebenfalls mit an ihrem Tisch – Tischnachbar:innen bilden bei einer Kur eine Art Schicksalsgemeinschaft – sitzt Nelli, nicht mehr ganz Teenie, noch nicht richtig erwachsen. Sie sprudelt gleich bei der ersten Begegnung ihre Diagnosen heraus: „Morbus Crohn und Schuppenflechte und Rheuma und Asthma, aber sie scheiße auf die ganze Diät.“ Später kommt noch Nadine dazu, die mit Nelli die Begeisterung für Kunstnägel und Party teilt.
Der Zauberberg kann auch am Meer liegen
Die Kurklinik als Schmelztiegel, in der die verschiedensten Menschen aus unterschiedlichen Altersklassen und Gesellschaftsschichten zusammenkommen – Thomas Mann hat dieses eigentümliche Zwischenreich im „Zauberberg“ geschildert. Walter Moers schickt in dem Zamonien-Roman „Insel der Tausend Leuchttürme“ seinen Helden, den schriftstellernden Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz, auf die Insel Eydernorn. Dort muss sich der von Allergien geplagte Großschriftsteller mit dem absonderlichen Wetter, dem seltsamen Essen und den Eigentümlichkeiten der Insulaner:innen herumplagen, bevor sich die Ereignisse bedrohlich überschlagen.
Auch Knäpper beschreibt in „Reizklima“ diese besondere Atmosphäre der Kur mit ihren Regeln und Behandlungen wie „Meerwasserinhalation“ und Gymnastik mit bester Aussicht: „Oben in den Sporträumen der freie Blick auf die See, wenn die Trainerin einen anfeuerte, komm, einer geht noch, und noch einmal, eins, zwei, drei, vier, Wechsel. Körper in allen Alters- und Gewichtsklassen, die herumhüpften zu lateinamerikanischen Rhythmen, ihre Glieder in die Luft streckten, Bauch, Beine, Po. Und fertig.“

Die Protagonistin Eva stammt, wie die Autorin selbst, aus Süddeutschland. Sie schaut mit den Augen einer Fremden auf die karge Küstenlandschaft, auf das Meer, auf den Himmel. Dieses Gefühl der Fremdheit beginnt bereits bei der Anreise: „Die Art, wie sie sich an Bord bewegten. Zwischendurch schlugen sie ihre Kragen hoch und justierten ihre Schals, dann kletterten sie rauf an Deck.“
„In ihrer Hartnäckigkeit, den Naturgewalten zu trotzen, darin vielleicht unterschieden sich die Besucher der Insel von den Einheimischen.“
So ist er halt, der Heine
Um mehr über diese fremde Welt zu lernen, studiert Eva Heinrich Heines Bericht über seine Reise nach Norderney im Jahr 1825. Es gefiel ihm nicht übermäßig: „Die Tugend der Insulanerinnen wird durch ihre Hässlichkeit geschützt“, liest Eva, die bei einem Verlag arbeitet, und kommentiert: „Nicht sehr nett. Aber so ist er halt, der Heine.“
Wobei der Bezug auf Norderney in eine falsche Richtung führt: Knäpper erwähnt das Lokal „Heimliche Liebe“, das sich in der Realität auf Borkum befindet. Im Grunde ist aber egal, um welche Insel genau es sich handelt. Wichtiger sind die Beziehungen zwischen den Personen.

Eva trinkt mit Viktor Bier, sie wandert mit André zur „Heimlichen Liebe“ in den Dünen. André ist verheiratet, aber die Ehe steht nicht zum Besten. „Wenn man sich so lange kennt, sagte er schließlich, ist man sich irgendwann fremd. Man bleibt einfach stehen, irgendwann. Man merkt es noch nicht einmal. Und jeder geht weiter, für sich allein.“
Eine Liebesgeschichte? Eher nicht
Dass André und Eva sich mögen, fällt in der Klinik rasch auf. Wobei André nicht nur mit Eva spazieren geht. Er sei einer, der die Frauen verrückt mache, der Herr Soldat, dieses „lecker Schnittchen“, sagt die Rentnerin Friedchen zu Eva. Aber eben verheiratet. Nur dass er mit seiner Frau nie über seine Einsätze spricht, dafür umso mehr mit Eva.
Aber der Roman ist keine Liebesgeschichte. Dennoch geht es um Sehnsucht – Nelli wünscht sich einen Partner, findet aber nur Begleiter für ein paar Cocktails und eine Nacht. Friedchen beteuert, sie habe mit den Männern abgeschlossen. Nadine ist resigniert. Und Eva? Sie denkt zwischen Meerwasser-Atmen und Gymnastik über ihre Kindheit auf der Alm nach und über die Eltern, die ihr Leben in München nicht verstehen. Hat sie die richtigen Entscheidungen getroffen? Oder wird es ihr gehen wie ihrer Tante, die einsam starb?
Reduzierte Handlung in knappen Sätzen
Gerade einmal 132 Seiten ist der Roman lang, der im Ulmer Danbube-Verlag erschienen ist. Die äußere Handlung ist reduziert: Gespräche beim Frühstück, Beobachtungen während des Klinikalltags.
Teilweise kommen sie etwas klischeehaft daher. „Während die einen sich wanden wie gestrandete Wale, brüsteten die anderen sich mit ihren verbrannten Kalorien, berechneten Kilometer und Tagesumsätze, zählten Schritte und Broteinheiten“, heißt es einmal.
Knäpper, die im Hauptberuf als Gymnasiallehrerin tätig ist, hat bereits vier Romane und einen Band mit Erzählungen veröffentlicht. Sie benutzt eine knappe Sprache und verzichtet unter anderem auf Anführungszeichen, so dass wörtliche Rede und Beschreibungen ineinanderlaufen. Das ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, sorgt aber für einen eigenen Sound.
„Reizklima“ ist kein Sommer-Sonne-Reise-Buch für die Strandtasche. Aber wer Lust auf eine nachdenkliche, über sich selbst und das Leben reflektierende Heldin hat, wird am Ende des Buchs mit einem traurigen Twist entlassen, der noch eine Weile nachwirken dürfte.
Das Buch ist bei Danube Books erschienen. Bestellt werden kann der Roman unter der ISBN 978-3-946046-48-6. Der Hardcover-Band kostet 22 Euro.