Ein Grab, Heidegger und Heimat

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Für dieses Foto bin ich über 700 Kilometer gefahren. Mit dem Kindergrab aus den Dreißigerjahren ist eine besondere Familiengeschichte verbunden. In diesem Grab liegt mein Onkel, den ich nie kennengelernt habe, da er noch vor der Geburt meines Vaters an Diphtherie gestorben ist. Das Grab befindet sich auf dem Friedhof eines kleinen Bergdorfes im Riesengebirge, im heutigen polnischen Niederschlesien. Von hier stammt die Familie meines Vaters ursprünglich. Seit einigen Jahrhunderten hatte sie sich im Zuge habsburgischer Völkerwanderungen in diesem abgelegenen Flecken angesiedelt. Das Dorf bezeichneten sowohl meine Großmutter als auch mein Vater als ihre Heimat. Doch was bedeutet Heimat eigentlich? Zuhause stehend an diesem Grab im Riesengebirge, kam diese Frage erneut in meinen Gedanken auf. Heißt Heimat nur geografische Zugehörigkeit – eine Landschaft, ein Herkunftsort? Jenes Stück Land, das es zu verehren und, wenn nötig, zu verteidigen gilt?

Foto: Martin Lätzel

In einer globalisierten und kosmopolitischen Welt, die geografische Herkunft abzubauen scheint, stehen nationalistische Konzepte entgegen, welche die Heimat als fest verankertes Gebilde mit herausragender Bedeutung betrachten. Schnell kann der Schritt von „Du gehörst zu uns“ zu „Du bist nicht von hier“ gemacht werden. Heimat, die eigentlich vereinen sollte, kann ausgrenzen, wenn sie als statisch betrachtet wird. In Zeiten vermehrter Unsicherheiten flüchten sich manche in eine nostalgische Heimattümelei, die vermeintliche Klarheit verspricht, indem sie klarstellt, wer zu unserem Land gehören darf und wer nicht.

Diese Überlegung ist keineswegs neu. In diesem Jahr erinnern wir uns an das fünfzigste Todesjahr von Martin Heidegger, der bereits mit seinem Nachdenken über Heimat auf das zunehmende Unbehagen hinsichtlich der Technisierung der Welt reagierte. 1955 hielt Heidegger in seiner Heimatstadt Meßkirch die Festrede zum 175. Geburtstag des Komponisten Conradin Kreutzer. Diese Rede gilt als Schlüsseltext seines Spätwerks. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stand die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur technischen Entwicklung. Heidegger schilderte, wie sehr der moderne Mensch durch technologische Entwicklungen beherrscht werde, mehr als durch ihre heimatliche Welt, mit ihrem Brauchtum, ihrer Moral und Überlieferung. Für ihn führte diese Entwicklung zu einem tiefen Verlust von Verwurzelung und Heimat. Heidegger unterschied zwischen kalkulierendem und besinnlichem Denken (und verband dies mit einem zutiefst antisemitischen Unterton). Was uns im Zeitalter von Rationalismus und Technik verloren gehe, sei ein grundlegendes Welt- und Selbstverständnis. Heidegger war nicht grundsätzlich gegen die Technik, sondern plädierte für das, was er „Gelassenheit“ nannte: Die Dinge und die Technik nutzen, ohne sich von ihnen vollständig kontrollieren zu lassen.

Dennoch glaubte er seltsamerweise, dass die Heimat, die Verwurzelung, und der konkrete Ort, an den man gehört, ein gutes Heilmittel gegen die Beherrschung durch die Technik sei. Heimat sei für ihn eine Grundbedingung menschlichen Lebens. Es stimmt: Heimat ist dort, wo das Herz ist – dort, wo man verwurzelt ist und sich zugehörig fühlt, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber so einfach ist es nicht. Auch die, die einen so engen Heimatbegriff vertreten, wissen das vermutlich. Der Schleswig-Holsteinische Heimatbund (SHHB) hat dies erkannt. Aus seinem Selbstverständnis wird klar, dass Heimat nicht als bloßes Konstrukt verstanden werden kann, das zur Ausgrenzung dient. Es ist keine politische Aussage, keine Haltung, sondern intellektuelle Redlichkeit, den Heimatbegriff weiter zu fassen. Der SHHB erklärt: „Unser Heimatverständnis ist getragen von den Prinzipien, Bewährtes zu erhalten, Neues zu entwickeln, Partizipation zu ermöglichen und Integration zu fördern. Eine starke Identität und Offenheit für frische Ideen und fremde Menschen fördern Integration. Für die Hinzugekommenen bietet dies die Chance, sich in die Gesellschaft einzufügen und Heimat zu finden.“ Damit setzt der Heimatbund ein klares Zeichen gegen Ausgrenzung. „Heimat“ kann laut SHHB sowohl räumliche als auch virtuelle Verortung bedeuten. Sie kann „eine Landschaft, ein Dorf, eine Stadt, eine Nachbarschaft, Natur- und Kulturerbe, eine gelebte Gemeinschaft“ sein. Heimat ist in diesem Verständnis vielfältig, und ihre Suche ist ein Prozess der Vernetzung, der den sozialen Zusammenhalt stärkt. Der SHHB sieht es als seine Aufgabe, „einen Beitrag zu einer erfolgreichen Integration von Personen unterschiedlicher Herkunft zu leisten, Menschen den Erwerb emotionaler Bindungen an ihre Heimat zu ermöglichen.“

Wenn Heimat ein Prozess der Verortung ist, so verbietet es sich, Heimat als eine Auszeichnung zu sehen, die bestimmten Menschen vorbehalten ist und anderen nicht. Gelebte Gemeinschaft beruht auf vielen Gliedern, und um stabil zu sein, benötigt sie Mitglieder mit unterschiedlichen Ansichten, Fähigkeiten, Träumen und Kulturen. Postmodern ausgedrückt: Heimat benötigt Diversität. Und wer das als zu „woke“ empfindet, hat Heimat nicht recht verstanden. Es handelt sich bei der Vielfalt nicht um ein Konzept der Wokeness, sondern sie ist in der DNA von Heimat fest verankert. Heimat zu leben bedeutet, offen für Neues zu sein, weil nur Neues die Heimat lebendig und stabil hält. Eine Wagenburg weist alles ab und wird am Ende untergehen, weil sie sich nur im Kreis drehen kann. Offenheit integriert und zeigt den Weg in die Zukunft. Max Frisch sagte pointiert: Heimat sei nicht der Ort, an dem man herkommt, sondern der, an dem man nicht erklärt werden muss. Das öffnet den Begriff für Wahlheimaten, queere Heimaten, sprachliche Heimaten.

Was macht einen Ort zur Heimat für alle, die dort leben? Die britische Geografin Doreen Massey gibt darauf eine unerwartete Antwort: nicht sein Kern, nicht seine Geschichte, nicht seine Reinheit – sondern seine Dynamik. In ihrem Aufsatz „A Global Sense of Place“ von 1991 entwickelt sie einen Ortsbegriff, der mit der gängigen Vorstellung von Heimat als festem und vertrautem Raum bricht. Massey nennt das einen „progressiven“ oder „globalen“ Ortssinn. Gemeint ist keine Aufwertung des Globalen gegenüber dem Lokalen, sondern eine andere Wahrnehmung dessen, was Orte eigentlich konstituiert. Orte sind für sie keine abgeschlossenen Behälter mit eindeutiger Identität, die bewahrt werden muss. Sie sind vielmehr Knotenpunkte – Punkte, an denen sich unterschiedliche soziale Beziehungen, Bewegungen und Geschichten kreuzen, überlagern und ständig neu erfinden. Was einem Ort seinen unverwechselbaren Charakter gibt, ist nicht das Gleichbleibende, sondern das spezifische Zusammentreffen unterschiedlicher Ströme an einem konkreten Punkt in der Welt. Orte ereignen sich, sie stehen nicht fest (wie bei Heidegger) und bilden sich lebendig durch die Menschen, die sich dort befinden.

Was Masseys Theorie für den Heimatbegriff so wertvoll macht, ist eine doppelte Bewegung: Sie nimmt den Ort ernst, ohne ihn zu verklären. Heimat darf bedeutend sein – aber ihre Bedeutung entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch Offenheit. Nicht der Ausschluss des Fremden, sondern das Aushalten von Gleichzeitigkeit macht einen Ort bewohnbar und lebendig. Die Technik, die uns befremdet? Nun, die gilt es zu integrieren und sinnvoll anzuwenden, gelassen und kritisch.

Und das Grab im Riesengebirge? Ist das meine Heimat? Meine Vorfahren zogen vor Hunderten von Jahren ins Riesengebirge, vermutlich aus Slowenien oder Kroatien. Wir alle sind Wanderer, wenn wir ehrlich unsere Stammbäume betrachten. Wir existieren, weil unsere Vorfahren unterwegs waren. Meine Großmutter musste 1946 mit ihren kleinen Kindern von einem Tag auf den anderen ihr Heimatdorf verlassen. Im Westen Deutschlands fand sie einen neuen Ort. Sobald sie konnte, kehrte sie in das Dorf am Riesengebirge zurück und klopfte an die Tür des Hauses, in dem sie mit ihrer Familie gelebt hatte. Dort traf sie Menschen, die berichteten, dass sie ihrerseits 1946 aus ihrer Heimat Galizien durch Stalin vertrieben worden waren. Die Sowjetunion hatte ihre Grenzen nach Westen verschoben, und so erging es auch Polen. Keiner zog freiwillig in das Haus meiner Großmutter. Doch das war die Realität. Beide Familien freundeten sich an und pflegten diese Freundschaft über drei Jahrzehnte. Regelmäßig war meine Großmutter in Polen zu Gast, und gemeinsam mit der dort ansässigen Familie schuf sie einen neuen, kommunikativen Knotenpunkt. Eines Tages erfuhr man, dass ein Enkelkind der Freunde schwer erkrankt war und eine komplexe medizinische Behandlung benötigte, die im kommunistischen Polen nicht möglich war. Meine Großmutter zögerte nicht und finanzierte die Therapie. Aus Dankbarkeit und zur Ehrung der Freundschaft pflegte genau diese Familie das Kindergrab im kleinen Dorf, und das machen sie bis heute. Weil sie wussten, wie viel diese Erinnerung meiner Großmutter bedeutete, die 2005 verstarb. Die Erinnerung an Begegnungen mit Menschen, nicht nur an ein Stück Land.

Wenn ich 700 Kilometer für dieses Foto gefahren bin, dann in der Verbundenheit mit den Menschen in Polen, die ebenfalls Teil jener erzwungenen Völkerwanderung vor achtzig Jahren waren, genauso wie meine Vorfahren. Wir leben in neuen Beziehungen. Vor allem aber leben wir in lebendigen Verbindungen. Darauf kommt es an. Das ist Heimat. Hier und überall. Dieses Verständnis von Heimat sollten wir uns nicht nehmen lassen. Alles andere hat bereits genug Verwirrung und Kriege gebracht. Offenheit führt zu Kommunikation, und Kommunikation führt zu Beziehungen. Wer miteinander spricht, wird nicht aufeinander schießen. Wer Menschen offen empfängt, wird neue Welten entdecken und nicht denken, dass die paar Quadratmeter um einen herum die ganze Welt bedeuten könnten. Wie es so treffend beim Heimatbund heißt: „Heimat zu finden ist ein Vernetzungsprozess, der den sozialen Zusammenhalt stärkt.“ Seit ich an dem Grab stand, weiß ich, wie Petra Reski einmal schrieb: Ich bin mit Polen verbunden. Was für ein Gewinn und was für eine reichhaltige Heimat ich doch habe, in Schleswig-Holstein, in Polen und anderswo, vor allem aber in vielen Herzen. Denn solche Geschichten sind es, die uns verbinden.

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