„Schönheit ist die Erscheinung der Freiheit in der sinnlichen Form!“

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Neulich wollte ich unter einem LinkedIn-Post, ganz wie üblich, etwas schreiben wie „tolles Erlebnis“ oder „gut gemachte Ausstellung“ oder Ähnliches. Wir kennen das alle: Man möchte ein positives Gefühl vermitteln und fällt dabei in eine Art Social-Media-Sprech. Was mir dabei aber überhaupt nicht in den Sinn kam, war, von „schön“ zu sprechen. Irgendwie scheint dieses Wort aus der Mode gekommen zu sein. (Falls eine Leserin oder ein Leser hier eine andere Auffassung hat, freue ich mich sehr über Kommentare und einen Dialog.)

Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Friedrich Schiller schreibt in seinem Werk „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ aus dem Jahr 1795 sehr klar über sein Verständnis von Schönheit – übrigens ein Text, den es trotz seiner 250 Jahre immer noch lohnt zu lesen. Schiller schreibt: „Schönheit ist die Erscheinung der Freiheit in der sinnlichen Form.“

Wo also das sinnlich Erlebte und die Vernunft – Schiller schrieb in Zeiten des aufkommenden Idealismus – in Einklang stehen, da ist Schönheit. Schönheit entsteht also in der Verbindung von Vernunft und Sinnlichkeit. In unserer social-media-getriebenen Welt sprechen wir häufig nur die Sinnlichkeit an und lassen die Vernunft außen vor. Schiller hätte das als fatal empfunden.

Wie erreichen wir Schönheit? Auch darauf hat Schiller eine Antwort: „Der Spieltrieb ist diejenige Triebart, durch welche der Mensch zugleich Sinnlichkeit und Vernunft hat.“
Schönheit entsteht, wenn wir spielerisch auf unser Tun schauen, ohne die Vernunft außer Acht zu lassen. Das finden wir übrigens auch später bei Johan Huizinga, dem großen niederländischen Kulturwissenschaftler, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Er beschreibt die Ernsthaftigkeit und Bedeutung des Spiels für die Entwicklung der Kultur. Mit der spielerischen Schönheit gelingt es uns nämlich, unsere Kultur sinnvoll und vernünftig weiterzuentwickeln.

Nochmal Schiller: „Durch die Schönheit wird der Mensch erst ganz Mensch.“
Durch eine schöne Erfahrung wird der Mensch frei; sie wird zu einem Ideal, das Menschen durch und durch formt und nicht bloß Oberfläche ist. Vielleicht schauen wir dann in Zukunft wieder mehr darauf – und nicht nur bei Social-Media-Posts –, was wir als schön empfinden und wie wir zur Schönheit der Welt beitragen können.


Das betrifft uns, die wir im Kulturbetrieb tätig sind, und alle, die sich mit sich selbst und der Welt auseinandersetzen wollen. Für die kulturelle Infrastruktur heißt der Auftrag, zur Empfindung von Schönheit, sinnlich und vernünftig, beizutragen. Dann gelingt es vielleicht auch zukünftig wieder offen darüber zu sprechen, dass wir etwas als „schön“ empfinden – weil es nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern zu Harmonie und Freiheit beiträgt.

Was bräuchten wir heute mehr?

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