Ein rastloser Wanderer entdeckt auf Eiderstedt ein einsames, leerstehendes Haus. Gleich weiß er es: Hier will er Zuflucht finden, sich mit seiner jetzigen Geliebten niederlassen und Wurzeln schlagen.
Das ist in Kürze der Inhalt von Uwe Herms´ Erzählung „Das Haus auf Eiderstedt“. Sie wurde jetzt neu herausgegeben, als Abschluss der Reihe „Nordfriesland im Roman“. Das kleine Buch machte beim ersten Erscheinen 1985 vor Ort einige Furore. Zu eindringlich und ungebremst portraitierte Herms als erkennbarer Ich-Erzähler nicht nur sich selbst, sondern auch reale Personen und Gegebenheiten der Halbinsel. Die Reaktion der Einheimischen auf den analytischen Blick eines Außenstehenden war gemischt. Dennoch wurde dieser eigenartige Fremde mit der Zeit „einer von uns“.
Wie kann es kommen, dass sich ein Zufluchtsort zur Heimat entwickelt?
Früher gefeiert, heute fast vergessen
Uwe Herms war ein zu seiner Zeit gefeierter Erzähler, Lyriker und Journalist und ist heute fast in Vergessenheit geraten. Aber nur fast: Durch die Neuausgabe seines eigenwilligen Buches rückt er wieder stärker ins Bewusstsein.
Die Lektüre lohnt sich. Auch in Herms´ Prosatexten spürt man den Lyriker – im musikalischen Klang und Rhythmus der Sätze, in der Genauigkeit der Bilder, im Reichtum des Wortschatzes, im intuitiven Erfassen.
Während die Erzählung 1985 erscheint, geht der geschilderte Kauf des so genannten Hebammenhauses tatsächlich schon auf das Jahr 1970 zurück. Und erst 2007 bezieht der Autor in seinem Wunschhaus endgültig Wohnsitz. Dazwischen liegen weitere Wanderjahre als „multimedialer Netzwerker, Weltenbummler und Weltbürger“ (Arno Bammé und Thomas Steensen im Nachwort). Das Haus auf Eiderstedt dient zwischendurch als unregelmäßig aufgesuchter Flucht-Punkt.
Herms fühlt sich diesem Landstrich spontan verbunden, seiner Natur und seinen Menschen. Vor Ort lernt man ihn kennen als exzellenten Zuhörer sowie als anregenden Gesprächspartner. Als Autor beschreibt er humorvoll, was er wahrnimmt, und das mit einem Fokus, der zwischen dem allerkleinsten Detail und einer visionär anmutenden Gesamtschau springt und so den großen Bogen spannt.

Watt und Mond und Jadehase
Ein Beispiel ist die kurze Erzählung von „Watt und Mond und Jadehase“, die in der Neuausgabe vom „Haus auf Eiderstedt“ mit abgedruckt ist. Dort bekennt der Ich-Erzähler, alias der weitgereiste Autor: „Meine Sicht auf die Halbinsel ist schwankend, im Weltmaßstab sehe ich nur die winzige Knollennase auf eurer Wetterkarte, aber hier vor Ort, inmitten des tatsächlichen Weltwettergeschehens, fühle ich sie manchmal als die Seele der Welt.“ Auf weniger als fünf Seiten führt Herms uns vom Deichbau über Wattwürmer, Hebammenhaus und verwildertem Kartoffelacker zur Mondlandung und zur Wetterkarte des Fernsehens – ein Meister der assoziativen Verknüpfung.
Ein enger Freund von ihm, der Maler und Grafiker Hans-Ruprecht Leiß, beschreibt Herms´ Herangehensweise sinngemäß so: „Man stelle sich einen Entwässerungsgraben vor. Der Landwirt kommt vorbei und sagt: Den muss ich mal wieder säubern. Der Naturschützer: Guck mal, wie schön, Wasserpest und Gelbrandkäfer! Uwe Herms: Das ist ein Teil des großen Systems der Flüsse auf der ganzen Welt.“
Mit diesem Denken bleibt der Neuzugang vielen seiner Nachbarn zunächst fremd. Zugehörig fühlt sich Herms als erstes bei den zuwandernden Künstlerinnen und Künstlern, die in den 1970er und 1980er Jahren Eiderstedt regelrecht überfluten.
Fester Grund für den Balancierenden

Doch schließlich findet der Rastlose, Wurzellose, immer an der Grenze zum Scheitern Balancierende, noch festen Grund. Zu verdanken hat er das einer ungewöhnlichen Frau; das betonen unisono die Menschen, die den Autor kannten und nahestanden. Ingeborg Kühne, Bibliothekarin aus Berlin, ist seit 1994 mit Herms liiert, seit 1995 Ingeborg Herms. Sie zeigt sich geistig mit dem Ehemann auf Augenhöhe, steht aber mit beiden Füßen auf dem Boden. Ingeborg managt Uwes Alltag und seine Arbeit, formt den Rahmen für gute Schaffensjahre. Gemeinsam beziehen beide 2007 das Hebammenhaus als festen Wohnsitz. Mit Ingeborgs Aktivitäten bei den Landfrauen, im Literaturkreis und im Kunstverein verschafft sie sich Sympathien und Anerkennung, die auch ihrem Uwe zugutekommen.
Der kritische Blick auf die Mitwelt bringt den Autor unterdes mit Menschen zusammen, die sich im „Eiderstedter Forum“ gegen Landschafts-Zerstörung, gegen die Verödung der Infrastruktur und für ein reiches Kulturleben zusammenschließen. Herms wird auch Mitbegründer der erfolgreichen „Eiderstedter Kultursaison“, beteiligt sich an der Ortschronik seines Wohnortes Poppenbüll. Er veröffentlicht seine von Siegfried Lenz hoch gelobte Textsammlung „Im Land zwischen den Meeren“, eine Liebeserklärung an Schleswig-Holstein. Er schreibt regelmäßig über Land und Leute im Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag. Und als das Zeitungsschreiben selten wird, fallen die Sätze eines Alt-Eingesessenen, die Herms nach eigener Aussage wie eine Einbürgerungsurkunde wahrnimmt: „Schade, ich habe Ihre Artikel so gerne gelesen. Sie sind doch einer von uns.“
Nordfriesland im Roman: lebendiger Abschluss mit szenischer Lesung
Uwe Herms‘ Erzählung „Das Haus auf Eiderstedt“ von 1985 bildet als zeitlicher Kontrapunkt den Abschluss des langjährigen Projekts „Nordfriesland im Roman“ von Arno Bammé (Oldenswort) und Thomas Steensen (Nordstrand). In der Zeit von 2007 bis 2025 haben sie innerhalb ihrer „soziographisch-literatursoziologische Studie“ insgesamt 20 Bände herausgebracht:
„Die 20 Bände der Reihe sind als Zeitdokumente zu verstehen und werden auch als solche behandelt. Sie stellen das Gedächtnis einer Epoche (1850 – 1950) und einer Landschaft dar (Nordfriesland). In ihrer Gesamtheit bilden die ausgewählten Werke ein Sittengemälde jener Zeit, in dem sich Deutungsmuster wiederspiegeln, die bis heute nachwirken.“ (aus dem Prospekt zur Buchreihe, Husum Verlag)
Veranstaltungshinweis
Zum Abschluss der Reihe findet eine Veranstaltung der Husum Druck- und Verlagsgesellschaft (Husum Verlag) statt:
Nordfriesland im Roman – Szenische Lesung ausgewählter Textauszüge mit der Theatergruppe 5plus1 und begleitenden Hintergrundinformationen der Herausgeber Arno Bammé (Oldenswort) und Thomas Steensen (Nordstrand)
11. April 2026 von 10:30 bis 12:30 Uhr
Stadtbibliothek Husum
Eintritt frei, Spende für 5plus1 erwünscht
Weitere Informationen gibt es auf der Webseite der → Stadtbibliothek Husum.