F. Jörg Haberland über seinen Denkort in Pinneberg – Teil 1

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Der bildende Künstler F. Jörg Haberland und ich wollen uns am Telefon über seinen geplanten Denkort in Pinneberg unterhalten und sind sofort mitten im Gespräch. Er hat – genau wie ich – Literaturwissenschaft studiert. „Wie interessant“, sage ich, weil er mit der Bildhauerei doch eine ganz andere Richtung eingeschlagen habe. Er widerspricht: „Für mich gehört die Bildhauerei zu den Kommunikationsmitteln.“

Haberland schlägt die Brücke zum Ort, um den es gehen soll: Am Pinneberger Bahnhof steht – umrahmt von einer Baustelle –  eine große Stele aus Stein, zehn Meter hoch, beschlagen mit einem erhobenen Schwert und einem Reichsadler, der auf einem Kranz mitsamt Eisernem Kreuz thront, erbaut von den Nazis. Auf den ersten Blick soll sie an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnern. Auf den zweiten Blick steckt mehr dahinter. Deswegen soll dem Ganzen etwas entgegengesetzt werden – von Haberland.

Künstlerischer Kommentar gesucht

Haberland hat den von der Mahnmal-Initiative und der AG-Denkmal des Stadtentwicklungsausschusses initiierten Wettbewerb für ein Mahnmal gewonnen – und das schon 2021. Die Aufgabe damals: künstlerischer Kommentar zum NS-Denkmal gesucht. Einer der Initiatoren des Wettbewerbs war der kürzlich verstorbene Bildhauer und Kreiskulturpreisträger Karl-Heinz Boyke.

Doch wer ist eigentlich der ausgewählte Kommentator F. Jörg Haberland? Der gebürtige Berliner wuchs in Schleswig-Holstein auf, nachdem seine Eltern von Ost- nach West-Berlin geflohen waren, als er vier Jahre alt war. Er hat nicht nur Literatur- und Sprachwissenschaft an der Universität Kiel studiert, sondern auch Freie Kunst und Bildhauerei an der Muthesius Kunsthochschule. Heute lebt und arbeitet er in München und in Fiefbergen im Kreis Plön. Bekannt ist er für seine großen Skulpturen mit Schriftelementen. So eine Skulptur will er nun auch in Pinneberg verwirklichen.

Instrumentalisierung für den nächsten Krieg

Die zehn Meter hohe Stele am Pinneberger Bahnhof. Foto: Pauline Reinhardt

Bei der Stele am Pinneberger Bahnhof handelt es sich nicht einfach nur um eine Erinnerung an all diejenigen, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Sie wurde 1934 gebaut, nachdem die Nazis an die Macht kamen, 15 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs – und die Grundsteinlegung wurde an Adolf Hitlers Geburtstag gefeiert.

In Stein gemeißelt, wie für die Ewigkeit festgehalten, steht dort: 312 „Helden dieser Stadt“ ließen „ihr teures Leben auf dem Felde der Ehre“ – und zwar „in unwandelbarer Treue zum Vaterland und in der Hoffnung auf den Sieg“. Doch die Zahl bezieht sich nicht nur auf Pinneberger Soldaten, die im Ersten Weltkrieg starben, davon sind nämlich gut 270 bekannt. Mitgezählt wurden auch etwa vierzig Schläger der SS und SA, die „Blutzeugen der Bewegung“, die bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten gestorben sind.

Es bleibt nicht nur bei den propagandistischen Falschinformationen auf der verbalen Ebene: Das Denkmal wurde auch genutzt, um hier die Hitlerjugend auf Staat und Partei einzuschwören. Dieses Ritual sollte, gestützt von der martialischen Gestaltung des Bauwerks, als Instrumentalisierung für den nächsten Krieg dienen.

Eine Inschrift auf dem NS-Bauwerk. Foto: Pauline Reinhardt

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Hakenkreuz durch ein Eisernes Kreuz ersetzt. Erst Jahrzehnte später, 2016, wurde das Bauwerk unter Denkmalschutz gestellt, und damit jegliche weitere Veränderung verhindert. „Vorher ist das Denkmal wohl niemandem aufgefallen“, vermutet Haberland. „Es interessierte niemanden, denn es tat nicht weh. Aber mit der Ästhetik des NS-Bauwerks wird etwas transportiert.“

Das sieht auch der Denkmalschutz so. In der Denkmaldatenbank Schleswig-Holstein heißt es: „Mit der Ikonographie wurde die Stele als Denkmal des Nationalsozialismus und Symbol der Nazi-Herrschaft instrumentalisiert, so galt das aufrecht stehende Schwert als Zeichen des Wehrwillens.“

Eine demokratische Runde

3D-Simulation mit inneren und äußeren geplante Inschriften. Bild: F. Jörg Haberland

Haberland erzählt von einer Kunsthistorikerin in Hamburg, Prof. Dr. Margit Kern. Sie forscht unter anderem zu Visueller Skepsis: wie Kunst zum Medium wird und wie man diesem Medium auf einer nonverbalen Ebene begegnet. Mit diesen Gedanken im Kopf seien auch seine Pläne für den Pinneberger Denkort entstanden.

„Diese zehn Meter hohe Vertikale, diese Machtdemonstration war ausschlaggebend für meinen Entwurf. Wie könnte man im Kontrast dazu den demokratischen Grundgedanken visualisieren?“, fragt Haberland und gibt kurz darauf selbst die Antwort:

„Als Runde, an der viele Leute teilnehmen können, die auf Augenhöhe miteinander sprechen. Ein großer Kreis, aber nicht zu groß, sodass sich alle gegenseitig hören.“ So entstand Haberlands Entwurf für den Wettbewerb: ein Steinblock, kreisförmig mit sechs Metern Umfang, der als Sitzbank dient. Er ist dreigeteilt, um  Lücken für Menschen im Rollstuhl zu lassen.

Gestaltungswettbewerb für Schüler*innen

Skizze vom geplanten Denkort. Bild: F. Jörg Haberland

Eine weitere Grundlage für Haberlands Entwurf: der Gestaltungswettbewerb für Schüler*innen, der 2019 dem Künstler*innen-Wettbewerb vorausging – und dessen Ergebnisse die Künstler*innen in ihre eigenen Pläne integrieren sollten. Haberland hat sich dafür entschieden, die sprachliche Kommentierung von Schüler*innen zu übernehmen, begleitet von seiner eigenen nonverbalen Kommentierung. Zwei Ideen der Schüler*innen haben es in sein Modell geschafft: zum einen die Integrierung der Wörter Freiheit, Frieden, Toleranz, zum anderen ein Text, der „sachlich und unaufgeregt den Sachverhalt darstellt“, wie Haberland sagt:

„Der Erste Weltkrieg war ein maschinisierter Krieg unter Einsatz von unmenschlichsten, heute geächteten Methoden der Kriegsführung. 17 Millionen Menschen verloren ihr Leben. Die Verantwortlichen der „obersten Heeresleitung“ wälzten ihre Verantwortung systematisch in politischer und antisemitischer Absicht ab – die Nationalsozialisten führten dies fort! Diese Propaganda und Verschleierung der Realität führte kurze Zeit später zum Tode von 55 Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg.“

Dieser Text soll in der Nähe des NS-Bauwerks angebracht werden – wegen des Denkmalschutzes ist eine direkte Befestigung nicht möglich. Weil die Baustelle am Bahnhof weiterhin besteht, kann Haberland derzeit keine Simulation durchführen. Er weiß nur: „Man soll den Text vor Augen haben, wenn man sich in dem Kreis befindet und von dort auf das Nazi-Denkmal schaut.“ Kein ungetrübter Blick auf das NS-Bauwerk, sondern einer, der von einer großen Skulptur mit Schriftelementen kommentiert wird – so kann Bildhauerei auch Kommunikation sein.

Das sind also die Pläne von F. Jörg Haberland. Doch wann werden sie in die Tat umgesetzt und welche Wirkung sollen sie erzielen? Und warum spricht der Künstler überhaupt von einem Denkort und nicht von einem Mahnmal?  Darum und um die Zukunft des Denkortes gehen, wird es in Teil 2 gehen.

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