Was für eine Geschichte: Alte Nazis versuchten in den 1950er Jahren, wieder an die Macht zu kommen. Einen der Rudelsführer, Werner Naumann, stellt der Hamburger Autor Hans-Peter de Lorent ins Zentrum seines Tatsachsenromans „Goebbels‘ Schatten“. Richtige Spannung kommt darin aber nicht auf.
Steile Karriere im Dritten Reich
Werner Naumann hatte einen raschen Aufstieg in der NS-Hierarchie hinter sich. Bereits 1928 war er in die Hitler-Partei eingetreten. Er traf mit dem späteren Reichs-Propagandaminister Josef Goebbels bereits zusammen, als der noch Gauleiter in Berlin war. Als Freiwilliger der SS-Leibstandarte kämpfte er in Russland. Seit 1941 arbeitete Naumann im Propagandaministerium, wo er als Staatssekretär zu Goebbels‘ Stellvertreter und Schatten wurde. Das Kriegsende erlebte Naumann im „Führerbunker“, er floh in letzter Sekunde.
Einige Jahre versteckte er sich, arbeitete als Maurer, zog mehrfach um – ein Trick, um seine Strafverfolgung als NS-Täter zu erschweren. An seinem festen Glauben an den Führer und die NS-Ideologie hielt er fest. Wenige Jahre nach dem Krieg knüpft er bereits wieder Kontakte zu alten Parteigenossen. Und es entstand der Plan, die junge Republik zu unterwandern. Ehemalige NS-Leute sollten für Posten in Städten und Kreisen kandidieren. Außerdem wollten die Alt-Nazis über die FDP in den Bundestag einziehen.
Die FDP als Einfallstor für Naumanns Pläne

Die Besatzungsmächte in Westdeutschland ließen nach dem Krieg rasch wieder Parteien zu. Die meisten knüpften an ihre Geschichte vor dem Dritten Reich an, etwa die Sozialdemokraten, die älteste deutsche Partei, oder die 1919 gegründete Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Im konservativen Spektrum gab es die CDU, in Bayern die CSU, aber auch Zentrum und eine Reihe kleinerer Parteien. Die FDP vereinigte mehrere Flügel: es gab linke, rechte und nationalliberale Strömungen.
Der Landesverband Nordrhein-Westfalen gehörte zum nationalliberalen Spektrum. Und es traten immer mehr national gesinnte Personen bei. Der Verband setzte sich für eine komplette Amnesie für NS-Täter ein, Verurteilungen sollten gelöscht werden. Das kam Leuten wie Naumann zugute, die sich wegen ihrer Mitwirkung am Mord-Apparat vor Strafen fürchten mussten.
Im Jahr 1953 machten sich die Gruppen um Naumann – es gab mehrere Kreise, auch im Norden – bereit, bei der nächsten Wahl mit vielen Gleichgesinnten in den Bundestag einzuziehen. Wenn die FDP wieder zur Regierungsbildung gebraucht wird, wären die Alt-Nazis am Ziel …
Geschichte mit zu vielen Details
Einen „Tatsachenroman“ auf 528 Seiten hat Hans-Peter de Lorent aus dieser Geschichte gemacht. Der Autor wurde 1949 in Neumünster geboren und hat in Hamburg als Lehrer gearbeitet, er war bei der Grün-Alternativen Liste aktiv und saß für sie in der Hamburger Bürgerschaft. Neben seinem Einsatz an Schulen und in der Lehrerfortbildung schrieb und schreibt er. Sein erster Roman, „Die Hexenjagd“, erschien 1980. Es geht um die Berufsverbote in den 1970er Jahren, die auch auf „links“ verdächtigte Lehrkräfte trafen. De Lorent schilderte einen Fall, der seinem eigenen Leben ähnelte – der Hamburger Senat verklagte ihn daraufhin wegen übler Nachrede. Der Autor gewann das Verfahren. Vor allem befasst er sich mit der NS-Zeit. In der Reihe „Täterprofile“ beschreibt er Personen, die das Hamburger Schulwesen während des „Dritten Reichs“ bestimmten.
Auch „Goebbels‘ Schatten“ basiert auf echten Personen, auf Zahlen, Daten und Fakten. Die große Nähe zur Realität macht das Buch relevant. Leider treten dabei die romanhaften Elemente in den Hintergrund. Es fehlt die innere Stimme des Protagonisten, die deutlicher machen würden, was Naumann an der NS-Ideologie eigentlich so fesselt oder warum er nach dem Kriegshorror wieder an die Regierung strebt. Zudem braucht das Buch sehr lange, bis es zum eigentlichen Kern kommt, nämlich den Plänen der Alt-Nazis für eine neue Machtergreifung.
Vom Führerbunker zu den Nürnberger Prozessen
Die Handlung beginnt im „Führerbunker“, schildert Naumanns Flucht, seine Jahre im Versteck. Eigentlich spannend, aber de Lorent unterbricht die Handlung immer wieder durch Passagen, in denen er sich weit von seiner Hauptfigur entfernt. Allein 50 Seiten umfasst die Beschreibung der Nürnberger Prozesse mit langen Original-Zitaten aus den Protokollen – das ist schwere Kost.

Stilistisch ist die Sprache manchmal sperrig, etwa in Passagen mit wörtlicher Rede: „Ich grüße Sie, Herr Naumann. Sie erinnern sich an mich? Als ich noch im Außenministerium gearbeitet habe, hatten wir verschiedene Besprechungen die gemeinsamen Ziele für das besetzte Frankreich betreffend“, sagt ein Anrufer. Worauf Werner Naumann etwas antwortet, das sein Gegenüber eigentlich genau weiß: „Guten Tag! Natürlich weiß ich, wer Sie sind, wir haben ja nicht nur einmal miteinander gesprochen.“
Das Fazit: Das Thema ist wichtig, das Buch gut recherchiert, die Tatsachen sind historisch belegt. Aber als Strand- oder Couchlektüre eignet sich „Goebbels‘ Schatten“ eher nicht. Wer mehr über die Seilschaften der Alt-Nazis in der jungen Bundesrepublik erfahren will, für den kann das Werk aber ein guter Einstieg sein.