Günter Grass war nicht nur Schriftsteller. Er war auch Maler – und leidenschaftlicher Tänzer und Koch. Im vergangenen Jahr hat das Günter Grass-Haus dem Kochen eine Ausstellung gewidmet, wie mir die Mitarbeiterin an der Kasse erzählt. Dieses Jahr geht es in der Ausstellung GRASS TANZBAR um den Tanz: als Politikum, als Gangart durchs Leben, als etwas, das uns alle betrifft.
Tanz als Politikum

Günter Grass unterstützte als Kind, Jugendlicher und junger Mann begeistert den NS-Staat – zum Schluss sogar als Teil einer SS-Panzerdivision, immer im Glauben an den Endsieg. Er stand 1946, als er die Nürnberger Prozesse im Radio verfolgte und dort die Stimme seines ehemaligen Reichsjugendführer Baldur von Schirach hörte, vor der Frage: Wie hatte er nur so verblendet sein können? Erst in diesem Moment verstand er, was im Nationalsozialismus geschehen und was seine Rolle dabei gewesen war. Diese Schuld zu verarbeiten, auch künstlerisch, begleitete ihn für den Rest seines Lebens.
Der Tanz schien für ihn, im Kontrast dazu, eine Befreiung von dieser Last zu sein. Im Wintersemester 1948/49 begann Günter Grass sein Studium der Grafik und Bildhauerei in Düsseldorf. Am Wochenende ging er feiern und tanzen: zu US-amerikanischer Musik wie Jazz. „Es galt, das Überleben zu feiern und dessen vom Krieg inszenierte Zufälle zu vergessen“, heißt es in der Ausstellung. Die an die Nazis verlorene Jugend nachholen, von Zwängen befreit: auch das ist ein politischer Akt.
Dass Tanz eine Widerstandshandlung sein kann, wird in der Ausstellung sehr deutlich, auch durch ein Zitat von Grass‘ Freund und Mentee Salman Rushdie : „Tanzen Sie wie verrückt. So wird man den Terrorismus los.“
Tanz als Gangart durchs Leben

Wie man tanzt, sagt bei Grass auch etwas darüber aus, wie man durchs Leben geht. In der Blechtrommel-Schlüsselszene bringt der Protagonist Oskar mit seiner Trommel die Nazis aus dem Takt, sie müssen Charleston und Walzer tanzen anstatt zu marschieren. Auch Im Krebsgang kann man sich bei Grass durchs Leben bewegen: sich vorsichtig von der Seite herantastend.
Und in Hundejahre tanzen die mechanischen Vogelscheuchen so perfekt, dass sie als Tanzmaschinen zum Abbild des nationalsozialistischen Menschen werden. Diese Vogelscheuchen haben Günter Grass besonders beschäftigt, er zeichnete die gruseligen Gestalten auch, verfasste Gedichte über sie und das Libretto zum Ballett Die Vogelscheuchen.
So fügte sich alles zusammen: das Schreiben, das Malen, das Tanzen. Obwohl die drei bei Günter Grass doch so unterschiedlich sind. Während seine Prosa in dieser altmodischen, schwerwiegenden Sprache verfasst ist, bei der die Worte etwas zu genau gewählt zu sein scheinen, um nicht zu sagen gestelzt, zeigt er sich tanzend, teilweise auch malend, von einer anderen Seite. Leichtfüßig schwebte Grass über das Parkett, mit Schwung malte er die Linien, aus denen seine Tänzer*innen entstanden sind.
Etwas, das uns alle betrifft

Die Ausstellung vermittelt viel über den Schriftsteller, Maler und Tänzer Günter Grass, und zeigt neue Aspekte seines Lebens und Schaffens. Die Besucher*innen müssen dafür nicht einmal seine Werke gut finden – oder überhaupt gelesen haben. Er wird einem nahegebracht, von Mensch zu Mensch.
Aber eigentlich geht es nicht wirklich um Günter Grass.
Zwischen all den Bildern und Texten werden die Besucher*innen selbst zum Medium: Während meines Besuchs findet im Innenhof des Grass-Hauses ein Tanzworkshop statt. In der Ausstellung steht die Frage an der Wand: Was ist die Hymne deiner Generation? Aus den Antworten haben die Mitarbeiter*innen eine Playlist erstellt, die stetig wächst.
Es geht um Fragen, die uns alle betreffen: nach der Rolle von Tanz und Musik in unserem Leben. Zu welcher Musik bewegen wir uns wie – und warum? Tanzen wir beim Kochen, auf einer Demonstration, in einem Kursus? Oder tanzen wir gar nicht – und wenn ja, warum eigentlich nicht?
Noch bis zum 5. Januar 2025: GRASS TANZBAR – Aktuelle Sonderausstellung im Günter Grass-Haus in Lübeck