„Lange Nacht der Demokratie“: Reden über Medien

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Ein Podiumsgespräch über Medien und Demokratie – kommt da überhaupt jemand? Aber ja: Rasch füllt sich das Foyer des Burgtheaters Ratzeburg, in dem an diesem Vorabend des Tages der Deutschen Einheit die „Lange Nacht der Demokratie“ gefeiert wird. Die Volkshochschule (vhs) Ratzeburg hat die Veranstaltung organisiert. Auch andere Städte in Schleswig-Holstein organisierten an diesem Abend „Lange Nächte“.

Zeitungen und Rundfunk stehen unter Druck

Nach Grußworten der vhs-Geschäftsführerin Silvia Tessmer, Ratzeburgs Bürgermeister Eckhard Graf und Gesine Biller von der ‚Partnerschaft für Demokratie‘ der Stadt Ratzeburg und des Amtes Lauenburgische Seen strömten die Menschen in den Zuschauerraum des Burgtheaters und nahmen auf den samtigen roten Sesseln Platz. Zeit für mich, auf die Bühne zu steigen: Als Vorstandsmitglied des Journalist:innenverbandes DJV Nord und als freie Journalistin, unter anderem beim kulturkanal.sh, sollte ich bei der Podiumsrunde über die Rolle von Medien in der Demokratie sprechen.

Volles Haus: Viele Interessierte kamen zur ersten „Langen Nacht der Demokratie“ ins Burgtheater. Foto: Otte

Mechthild Mäsker, Studioleiterin des NDR in Lübeck und an diesem Abend die Moderatorin des Podiumsgesprächs, berichtete von einem Treffen mit Neuntklässlern an einer Gemeinschaftsschule: „Keiner von ihnen las eine Tageszeitung, niemand kannte die Tagesschau.“ Informationen beziehen sie „aus dem Internet“, ohne sich Gedanken zu machen, ob die Filmchen und Botschaften neutral berichten oder durch einseitige Meinungen verzerrt sind.

Das habe Folgen, berichtete Mark Sauer, Sprecher der Stadt Ratzeburg und engagiert bei der „Partnerschaft für Demokratie der Stadt Ratzeburg und des Amtes Lauenburgische Seen“. Dieses Programm des Bundesfamilienministeriums unterstützt Kommunen dabei, Engagement zu fördern und Mitmach-Ideen zu entwickeln. Sauer berichtete von einer Studie aus den USA, laut der in Regionen ohne lokale Medien die Menschen ärmer und die Infrastruktur schwächer sei. „Vielleicht deshalb, weil ein Austausch fehlt“, vermutete Sauer.

Zweifel an Fakten und Experten-Wissen

Mit Grußworten und Musik startete das Programm im Foyer des Theaters. Foto: Otte

Ein weiteres Problem komme hinzu, sagte der Grünen-Politiker Konstantin von Notz: „Es herrscht keine Einigkeit mehr darüber, was ist.“ Wurde Donald Trump „die Wahl gestohlen“, ist der Klimawandel nur eine Einbildung und Corona eine Erfindung von Bill Gates – „es gibt eine Verachtung von Tatsachen und von Experten“, sagte der Bundestagsabgeordnete, der aus Mölln stammt.

Auch Medienleute erleben diese Verachtung: „Wenn ich mit dem NDR-Wagen unterwegs bin, kommen Leute und beschimpfen mich“, sagte Mechthild Mäsker. Noch vor wenigen Jahren hätten die meisten Leute erfreut reagiert. Auch in den Kommentarspalten auf den Seiten des öffentlich-rechtlichen Senders häufen sich Kommentare voller Hass und Wut.

Reden und die Chancen des Internets nutzen

Die Journalistin Gabriele Heise, die den „Salemer Dialog“ leitet, ein Mitrede-Format in der Gemeinde Salem-Dargow, sah als einen Weg aus der Misere: „Wir müssen mehr miteinander reden.“ Dazu brauche es Möglichkeiten, sich zu treffen, von der guten alten Dorfkneipe über offene Treffs bis hin zu Kulturstätten.

Doch das Internet öffne auch Chancen für den Journalismus, das zeige der kulturkanal.sh, sagte ich: Hinter dem Online-Medium stehen sechs freie Journalist:innen, die als Mikroverlag zusammenarbeiten. Möglich war die Gründung des Kanals dank einer Förderung der Medienanstalt Hamburg-Schleswig-Holstein. Ich wagte einen unpopulären Vorschlag: Statt – wie von Parteien wie der AfD gefordert – die Abgabe für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu kürzen oder ganz zu streichen, bräuchte es mehr Geld. Das würde den Medienanstalten, die kontrollieren sollen, ob Plattformen wie X oder Facebook Spielregeln wie Diskriminierungsfreiheit und Verbot von Hass und Hetze einhalten, ein wenig mehr Waffengleichheit verschaffen. Und es könnte helfen, auch künftig lokale Berichterstattung zu ermöglichen. „Demokratie braucht mediale Kontrolle“, sagte Konstantin von Notz. Medien in der Fläche zu erhalten, koste Geld, aber „da muss man froh ans Werk gehen“.

Bühne frei für Sven Krumbiegel, der Lieder aus seinem neuen Album spielte. Foto: Otte

Am Ende des Gesprächs gab es viel Beifall – dann räumten wir die Bühne für Sebastian Krumbiegel, der sein neues Album „Aufstehen – Weitermachen!“ vorstellte. Begonnen hatte die „Lange Nacht“ bereits am Nachmittag mit einem Schreibworkshop in der Ratzeburger Bibliothek.

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