Klaus Groth und Karl Viktor Müllenhoff: Der Dichter und sein Denker

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Als im Hamburger Michel der Staatsakt zur Beisetzung von Helmut Schmidt begangen wurde, sang Jochen Wiegandt auf Wunsch des vormaligen Bundeskanzlers die Vertonung des Gedichts „Min Jehann“ aus dem Band „Quickborn“ des niederdeutschen Mundartdichters Klaus Groth aus Heide. Kaum ein Buch des 19. Jahrhunderts hat das emotionale Leiden der Menschen beim Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft eindringlicher ausgedrückt, als diese Gedichtsammlung aus dem Jahr 1852. Während des Schaffensprozesses stand Groth ein weiterer Dithmarscher zur Seite: Der aus Marne stammende Kieler Professor Karl Viktor Müllenhoff. Eine Neuausgabe ihres Briefwechsels zeichnet jetzt die einmalige kulturelle Zusammenarbeit nach.

Damals begann nicht nur die beispiellose Erfolgsgeschichte der plattdeutschen Gedichtsammlung eines bis dahin vollkommen unbekannten Dichters von der schleswig-holsteinischen Westküste – der einzige mundartliche Gedichtband im deutschen Sprachraum, der Auflage um Auflage erzielte und zum Best- und Longseller wurde und etwa von Heinrich Detering zu einem Werk der Weltliteratur gezählt wird. Zugleich lag hier der Keim zu einer mehrjährigen Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen dem Dichter Groth und dem Wissenschaftler Müllenhoff. Ihr Briefwechsel, der von 1852 bis 1858 andauerte, gibt einen Einblick in die Arbeitsbeziehung dieser beiden im Geflecht des kulturellen Lebens in Schleswig-Holstein in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dieter Lohmeier, ehemaliger Direktor der schleswig-holsteinischen Landesbibliothek und einschlägig ausgewiesener Experte, hat die Handschriften mit philologischer Präzision übertragen und durch seine Kommentare die Hintergründe ausgeleuchtet.

Noch heute spürt man die Begeisterung, mit der Groth und Müllenhoff von Auflage zu Auflage weiter am „Quickborn“ feilen. „Liebster Freund“, „armes Kläuschen“, „liebster Müllenhoff“, mit solchen Anreden gehen Brief hin und her, in denen sich beide Literaten über passende plattdeutsche Begriffe und angemessene Illustrationen austauschen, Motive auf die Möglichkeit ihrer Ver-Dichtung hin abklopfen und sich über Neuigkeiten aus dem literarischen Betrieb austauschen. Auflage für Auflage gewinnt der „Quickborn“ an weiterer Qualität, Groth steuerte neue Gedichte bei, Müllenhoff ein Glossar und grammatikalische Regeln. Gemeinsam arbeiteten der Dichter und sein Denker intensiv an den Texten. Gelegentlich bemerkte Müllenhoff, dass, wenn der „Quickborn“ verloren gehen würde, er ihn aus dem Gedächtnis wiederherstellen könnte.

Der Briefwechsel zeigt auch, wie beide namhafte Multiplikatoren der literarisch-bürgerlichen Öffentlichkeit für den „Quickborn“ zu gewinnen suchten und klingende Namen ins Spiel brachten: Theodor Storm, Alexander von Humboldt, Theodor Fontane, Ernst Moritz Arndt und Jacob Grimm, sie alle sollten Exponenten eines Resonanzraums werden, in dem Groths Gedichte zum Klingen gebracht werden sollten.

Klaus Groth und Karl Müllenhoff. Der Briefwechsel 1852 – 1858. Für die Klaus-Groth-Gesellschaft herausgegeben von Dieter Lohmeier. Boyens Buchverlag 2024. 792 Seiten, 68,- €).

Ablesbar sind zudem die Schattenseiten der Erfolgsgeschichte – der junge sensible Dichter Groth zeigte sich überrumpelt vom Erfolg seiner Arbeit, der junge ehrgeizige Wissenschaftler Müllenhoff war in seinem Selbstbewusstsein nahezu unbeschränkt. Hier lag auch der Keim für das Ende der literarischen Zweierbeziehung: Als Müllenhoff 1858 dem Ruf an die Berliner Universität folgte, wäre Groth gern sein Nachfolger in Kiel geworden. Groth erinnert sich, dass Müllenhoff darüber „braunrot“ im Gesicht wurde: „Dann müssen Sie Mathematik für angehende Mediciner lesen!“ soll er seinem Freund entgegengehalten haben. Groth war enttäuscht: „Müllenhoff, sind Sie wirklich verrückt? – Das waren die letzten Worte, die wir wechselten.“ Groths Frau Doris meinte späterhin, dass die Freundschaft ihres Mannes zu Müllenhoff darunter litt, dass Müllenhoff ihn am Gängelband halten wollte, „ihn ganz beherrschen, ihn ganz besitzen wollte“ ja, dass Müllenhoff den Dichter Groth als sein „Geschöpf“ betrachtete.           

Im Jahr 1858 endet diese Arbeitsbeziehung, Briefe werden nicht mehr gewechselt. Aber den gegenseitigen Respekt haben sich Groth und Müllenhoff sich erhalten. Beide haben gemeinsam Literaturgeschichte geschrieben.

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