Unter dem Titel „Ich bin sogar als großer Lacher bekannt“ zeigte das Günter Grass-Haus am 17. November 2024 seine Franz-Kafka-Revue. Kafka, das verhärmte Männchen aus Prag, war als Spaßmacher unterwegs? „Ja klar“, sagen die Literaturkritiker Anne-Dore Krohn und Denis Scheck. Die beiden Kafka-Versteher brauchen an diesem Abend im Lübecker Katharineum etwa anderthalb Stunden, um einige der hartnäckigsten Mythen abzuräumen.
Mythos Nummer eins
Der ewig ängstliche Literaturgigant war zerfressen vom Weltenschmerz und hingegeben an die Einsamkeit. Stimmt nicht, sagen Scheck und Krohn. Kafka war bisweilen ein lustiger Typ und eng mit seinem Jugendfreund Max Brod, mit dem er beispielsweise auf Reisen viel Spaß hatte. Und auch sonst frönte Kafka dem schönen Leben: Er war sportlich, ein begeisterter Schwimmer, fuhr Rudertouren auf der Moldau, turnte täglich, nahm Reitstunden und cruiste auf seinem Motorrad umher.
Mythos Nummer zwei
Kafka soll recht klein gewesen sein unter seinem Hut – und auch das stimmt nicht. Seine Größe wird mit 1,81 m angegeben. Für die damalige Zeit war das ungewöhnlich. Die Maße des Körpers und sein Platz in der Weltliteratur: Eindeutig gehörte Franz Kafka zu den ganz Großen.
Mythos Nummer drei
Kafka war in Liebesdingen total verklemmt. Tatsächlich jedoch soll er Sex mit 42 Frauen gehabt haben. Dass Kafka, der Bindungsgestörte, ins Bordell ging, ist hinlänglich bekannt, aber wie genau sind die 42 Kontakte zu zählen? Krohn und Scheck wissen es nicht. Die Zahl stammt offenbar von dem renommierten Kafka-Biografen Reiner Stach. Fraglich auch hier, woher der das weiß.
Hundert Jahre
Kafka ist 1924 mit fast 41 Jahren an einer Kehlkopftuberkulose gestorben (* 03. Juli 1883, † 03. Juni 1924). Überall im Land begeht man seinen 100. Todestag mit Lesungen und Lobhudeleien. Gerade noch rechtzeitig zum ausgehenden Jahr springt auch das Günter Grass-Haus dem Schriftsteller bei. Ein Abend über Kafka kann nur einer mit Superlativen sein. Nur ein bisschen gut, das geht bei Kafka nicht. Es gebe eine Zeit vor und eine Zeit nach Kafka, erklären Denis Scheck und Anne-Dore Krohn. Kaum ein Autor, der nicht von Kafka beeinflusst ist. Ja, er soll „monumental“ für die Schreiberlinge gewesen sein. So ist Kafka zur Marke geworden, dem ein eigenes Adjektiv anhängt. Und tatsächlich, „kafkaesk“ hat es sogar in den Duden geschafft. Zu Lebzeiten waren nur zehn Prozent seiner Werke veröffentlicht. Nach seinem Tod setzt sich Max Brod über den letzten Willen Kafkas hinweg und bringt weitere Arbeiten heraus.
Das alles hat ihm heute ikonischen Status eingebracht. Zu den bekanntesten Werken Kafkas zählen die Romanfragmente „Der Process“, „Das Schloss“ und „Der Verschollene“. Und dann, natürlich, der berühmte „Brief an den Vater“. Unzweifelhaft ein Fest für Psychologen, die sich daran abgearbeitet und dem armen Kafka mangelndes Urvertrauen attestiert haben.
Tatsächlich versucht Kafka zeitlebens den Spagat zwischen dem bedingungslosen, rauschhaften Schreiben und mehr oder weniger ernsthaften Beziehungen. So mäandert er viele unglückliche Lieben lang durch Nähe und Distanz. Zuletzt, so schien es, hatte er diese Widersprüche geeint. Er löst sich von seinem Elternhaus und seiner Heimatstadt Prag, „diesem Mütterchen mit seinen Krallen“, und zieht mit seiner letzten Liebe, Dora Diamant, nach Berlin. Dora ist es auch, die ihn bis zu seinem Tode pflegt. In ihrer Nähe kann er schreiben und muss nicht mehr in der Kälte der selbstgewählten Einsamkeit hausen. Doch der Tod holt ihn zu sich. Viel zu früh und nach langem Leiden. Tuberkulose ist damals noch nicht heilbar. Kafka war bis zuletzt zerfressen von Selbstzweifeln, und so hatte er vor seinem Tod viele Arbeiten vernichtet. Was er wohl zu dem Rummel um seine Person gesagt hätte? Vielleicht hätte er das alles ein bisschen kafkaesk gefunden und wäre einfach zum Schwimmen gegangen.
Ach ja, in Lübeck war er auch, dieser Franz Kafka. Im Jahr 1914. Es steht zu lesen, er sei in eine Lübecker Kaufmannstochter verliebt gewesen. Sein Besuch in der Hansestadt war kurz, aber immerhin. Für alle, die vom Star-Autor nicht genug bekommen: Es lohnt sich, in der ARD-Mediathek die sechsteilige Serie „Kafka“ anzuschauen. Empfohlen sei auch der Kinofilm „Die Herrlichkeit des Lebens“ aus diesem Jahr.