Die Frau trägt ein einfaches Kleid, unter der Schürze zeichnet sich der gerundete Bauch ab. Neben ihr steht eine überdimensionale Kornähre. „Fruchtbarkeit“ heißt die schwarz-weiße Grafik des dänischen Künstlers Jens Ferdinand Willumsen. Als er das Werk 1891 in einer Galerie in Kopenhagen ausstellte, war die Darstellung einer Schwangeren ein Skandal. 20.000 Menschen strömten herbei, um das Portrait der ersten Gattin des Künstlers, der Bildhauerin Juliette Meyer, zu sehen. Es war nicht das einzige Mal, dass Willumsen für Aufsehen sorgte. In Dänemark wird er als wichtiger Vertreter der Moderne verehrt, in Frederikssund ist ihm ein eigenes Museum gewidmet. In Deutschland ist er heute weitgehend unbekannt. Eine Ausstellung im Schloss Gottorf will das ändern.
In der Kunstakademie scheiterte Willumsen – später feierte er Erfolge
Willumsens Leben umfasst beinahe ein Jahrhundert. 1863 wurde er als Sohn eines Gastwirts in Kopenhagen geboren, 1958 starb er in Cannes. Gut sieben Jahrzehnte arbeitete der Künstler als Maler, Grafiker, Bildhauer, Keramiker und Architekt. Ein breiter Querschnitt aus seinem Werk ist bis März 2025 im Kreuz- und Reitstall des Museums in Schleswig zu sehen, wo zuvor Joana Vasconcelos ihre „Walküren“ zeigte. Die Ausstellung zeigt ein Repertoire, das „sich der Einordnung in Gattungen widersetzt“, wie Thorsten Sadowsky, Direktor der Stiftung Landesmuseum, bei einem Rundgang zur Eröffnung sagte.

Willumsen absolvierte eine Ausbildung zum Bauingenieur, besuchte dann die Kunstakademie in Kopenhagen, scheiterte aber dreimal an der Prüfung. So verließ er die Hochschule ohne Abschluss. An seinen Plänen, Künstler zu werden, hielt er fest. 1888 reiste er erstmals nach Spanien und Frankreich. Durch den Kontakt zur Pariser Avantgarde-Malerei änderte er seinen bisher naturalistisch-realistischen Stil, wurde ein Bewunderer und Freund Paul Gauguins – die beiden schenkten sich gegenseitig Bilder. Aus dieser Zeit zeigt die Ausstellung das Portrait einer Bretonin in Tracht und mit herrlich mürrischem Gesichtsausdruck. Das Modell sei wohl genervt gewesen, weil es ständig auf und ab gehen musste, berichtete Kurator Ingo Borges. Er konnte für die Schleswiger Ausstellung auf die Bestände des Willumsen-Museums in Frederikssund zurückgreifen, das zurzeit renoviert wird.
Ein Werk, das die Gattungsgrenzen sprengt
Die rund 100 Werke zeigen die Bandbreite des Künstlers. Zeitweise arbeitete er für eine Porzellanmanufaktur, entwarf und fertigte Keramiken, darunter Trauer-Urnen und Fischskulpturen. Er entgrenzte Gemälde, indem er auf dem Rahmen weitermalte. Ein besonders imposanter Rahmen aus Zink, dessen bemalte Figuren den Ernst und den Spaß des Lebens darstellen, ist an der Stirnseite des Ausstellungsraums zu sehen, an einer halbrunden Wand. „Die Handwerker haben beim Aufhängen Blut und Wasser geschwitzt“, verriet Kurator Borges.

Der Skandinavier Willumsen liebte den Süden. Nach einer USA-Reise mit seiner neuen Liebe und späteren zweiten Frau, der Bildhauerin Edith Wessel, lässt er sich Frankreich nieder, zwei Töchter werden geboren Zwischen 1911 und 1914 reist der Maler auf El Grecos Spuren nach Kreta, durch Italien und Spanien.
Seine Anregungen holte sich Willumsen aus dem ganzen europäischen Raum, malte Schweizer Berge im Stil norwegischer Webbilder und farbintensive Stadtansichten aus Venedig und Rom. Auf Realismus und Avantgarde folgten farbenfrohe, expressionistische Werke. So inszenierte er sich als Tizian mit Tigerkörper oder stellte die Sonne als kristallartige Struktur an einen windzerzausten Strand.
Willumsen stellt Frauen in den Mittelpunkt
Die beiden Weltkriegen erlebte er nicht selbst. Doch er schilderte den Schrecken des Krieges in Grafiken. Motive sind die Erschießung einer Krankenschwester, der Kollaboration vorgeworfen wurde, oder die Arroganz deutscher Offiziere.

Immer wieder stellte er in seinen Gemälden Frauen in den Mittelpunkt. Nach dem Portrait seiner ersten Frau als Schwangere malte er seine zweite Frau Edith Wessel als moderne und sportliche Bergsteigerin und seine spätere Geliebte Michelle Bourret als Tänzerin im Harlekinkostüm oder Abendkleid. Mit der weit jüngeren französischen Malerin und Tänzerin kam Willumsen 1928 zusammen, damals war er bereits 65 Jahren Jahre alt. Die Beziehung hielt bis zu seinem Tod.
Willumsen malte „Generalproben“
Auch wenn er den ganz großen internationalen Durchbruch nicht schaffte, schuf Willumsen bleibende Werke. Dazu zählt „Sonne und Jugend“, das als skandinavische „Ikone der Moderne“ gilt. Dieses großformatige Werk von spielenden und badenden Kindern am Strand von Skagen, das zwischen 1902 und 1909 entstand, gab der Ausstellung den Namen. Denn es handelt sich um eine „Generalprobe“: Das erste von zwei fast identischen Werken zu einem Thema. Das „finale“ Werk hängt in Kopenhagen. Auch die „Bergsteigerin“ gibt es in zwei fast gleichen Fassungen. In Schleswig ist die zweite, finale zu sehen.

„Es war Teil von Willumsens Arbeitsprozess, dass er bei größeren Werken nicht nur kleine Vorstudien und Details anfertigte, sondern eben das gesamte Bild zweimal malte“, erklärte Borges. Das Motiv der badenden Kinder ist typisch für die Zeit, auch andere Künstler wie Max Liebermann malten Strandszenen. Willumsen zeigt Jugendliche beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen, die im Sand spielen oder sich in die Fluten stürzen, ein Mädchen wirbelt ein kleines Geschwister herum. Die Kinder hat Willumsen in Italien beobachtet und fotografiert, das Sujet dann nach Skagen versetzt, unter einen nordischen Sommerhimmel.
Wie sehen Jugendliche Willumsen?

Besucher:innen können im Kreuz- und Reitstall nicht nur Jens Ferdinand Willumsen kennenlernen, sondern auch einen Blick darauf werfen, wie die Jüngeren den Künstler heute sehen. In einem Begleitprojekt zur Ausstellung haben Schüler:innen aus einer deutschen und einer dänischen Schule Aspekte von Willumsens Werk künstlerisch bearbeitet. Gezeigt werden eine textile Arbeit, in der Punkte für Willumsens Frauen und Kinder stehen, ein Video und Fotos. „Es geht auch um Interkulturalität“, sagt Museums-Pädagogin Steffi Kluthe, die das Projekt gemeinsam mit den Lehrkräften der dänischen A. P. Møller-Skolen in Schleswig und dem Deutschen Gymnasium für Nordschleswig in Aabenraa begleitet hat.
Das Gottorfer Museum zeigt eine farbensatte und lebensfrohe Ausstellung, perfekt für die trüben Wintermonaten. Zu sehen ist sie bis zum 2. März 2025.